Filmstill aus Alan Parkers „The Wall“
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Der Rockstar sitzt in einem Hotelzimmer in Los Angeles vor dem Fernsehgerät, in dem ein alter amerikanischer Kriegsfilm in Schwarzweiß in scheinbarer Endlosschleife läuft. Um den Rockstar herum genau jenes Chaos, das man sich in einem Rockstar-Hotelzimmer halt so vorstellt. Innendrin in dem Mann, der Pink heißt, sieht es auch nicht besser aus: Schmerzvolle Erinnerungen und größenwahnsinnige Fantasien wechseln einander ab.

Da ist der Vater, den Pink nicht hatte, der im Krieg geblieben ist. Dann die überfürsorgliche Mutter. Der sadistische Lehrer. Die Frau, die ihm irgendwann nur noch auf die Nerven fiel, die nun weg ist, und die er jetzt gerne wieder hätte. Wahlweise imaginiert Pink sich als Opfer und Täter eines totalitären Herrschaftssystems. Mal ist er der führermäßig agierende Einpeitscher auf der Bühne, der aufräumt mit dem ganzen Gesocks und den Schmarotzern. Dann wieder ist er das Opferlamm, das von den Mächten des Bösen buchstäblich durch den Fleischwolf gedreht wird und als treu marschierender Hammer wieder aufersteht. Zu alldem erklingt tosende Musik: Gitarrenbretter, Schlagzeugwände, Gesang zwischen Aufschrei und Schmeichel, Orchesterpathos - die ganz große Geste eben.

Die Rede ist von Pink Floyds legendärem, im November 1979 veröffentlichten Konzeptalbum „The Wall“. Genauer gesagt von der kongenialen Übersetzung ins filmische Bild, die Sir Alan Parker, er möge in Frieden ruhen, 1982 in die Kinos brachte. Allerdings, zugegeben, nicht zur uneingeschränkten Freude von Kritik und Publikum. „Wirrnis“ bescheinigten die einen, „Überladenheit“ die anderen, von „Sinnlosigkeit“ war gar die Rede.

Das Problem war Parkers Verzicht auf einen narrativen roten Faden; sein Film verfährt so assoziativ wie Pink Floyds Musik und geht dabei keine Kompromisse ein. Ja, Parker setzt womöglich sogar noch eins drauf, indem er Realfilm- und Zeichentrick-Sequenzen nahtlos ineinanderschweißt und zwischen drogeninduzierten Halluzinationen, (Alb-)Träumen und Rückblenden keinen erkennbaren Unterschied macht. Zu alledem mischt sich auch noch die Wirklichkeit ins muntere Treiben, stört aber meistens, denn in ihr versucht Pinks Manager (Bob Hoskins), den Weggetretenen wieder bühnentauglich zu machen. Als ebendieser agiert im Übrigen ziemlich überzeugend Bob Geldof, der damals als Frontmann der Boomtown Rats noch Musik machte, bevor er damit begann, sich nicht weniger überzeugend sozialpolitisch zu engagieren.

Das alles ist schon etwas länger her, und möglicherweise war die Zeit einfach noch nicht reif für dieses ausufernde, barocke Werk mit der rotzigen „Schert mich nix!“-Haltung. Es könnte sich lohnen, mal wieder einen Blick zu riskieren.

The Wall (GB 1982) Regie: Alan Parker, Sony Music Entertainment, ca. 15 Euro