Modernisiert und restauriert: Das neue Museum Albertina modern am Karlsplatz in Wien. 
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WienIn Wien wurde am 12. März beinahe ein neues Museum eröffnet. Die Albertina, eine der größten Sammlungen von Zeichnungen und grafischen Blättern der Welt, hat eine Tochter bekommen, die Albertina modern. 

Das neue Haus steht am Karlsplatz. Es ist das modernisierte, restaurierte alte Künstlerhaus neben dem Musikverein. Die Albertina modern verfügt über mehr als 60.000 Werke von 5000 Künstlerinnen und Künstlern und mehr als 2000 m² Ausstellungsfläche. Im November 1996 wurde in Berlin im ehemaligen Hamburger Bahnhof das Museum für Gegenwart eröffnet. Es verfügt über 10.000 m² Ausstellungsfläche.

Eröffnungsausstellung wegen Corona abgesagt

Die Albertina modern wurde nicht eröffnet. Die österreichischen Museen wollten nicht zur weiteren Verbreitung des Coronavirus beitragen, also bleiben seitdem die Türen zu. Auch die Eröffnungsausstellung bekam außer einigen wenigen eigens aus dem Ausland angereisten Journalisten niemand zu sehen. Die Ausstellung heißt „The Beginning – Kunst in Österreich 1945 bis 1980“. Zu der Ausstellung erschien im Münchner Hirmer-Verlag pünktlich zum Ausstellungsbeginn ein Katalog. Also weisen wir jetzt auf ihn statt auf die unzugängliche Ausstellung hin.

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„Es wird in der Albertina modern nie wieder eine ausschließlich Österreichern gewidmete Ausstellung geben“, erklärte Klaus Albrecht Schröder einer Handvoll Journalisten. Nationale Gesichtspunkte sollen später   keine Rolle mehr spielen. Aber dieses eine Mal sei es ihm wichtig zu zeigen, dass es gerade die damals nicht geachteten, ja verachteten Künstler waren, die die wirkliche Moderne darstellten.

Ergriffen stand er vor einer Arbeit von Padhi Frieberger – ein Tisch und zwei Stuhlfragmente aus dem Müll – und sagte: „Wir sahen das und haben es nicht erkannt! Warum nicht? Weil wir zu vertraut waren mit den Künstlern. Die pumpten uns an. Wir konnten sie nicht ernstnehmen. Wir waren so dumm. Da werden die großartigsten Sachen vor unseren Augen gemacht und wir gucken weg.“ Er zeigt auf Werke einer heute noch lebenden Künstlerin: „Die haben wir jetzt für 2000 Euro bekommen. Da schämt man sich doch.“

Schönheit oder nur Geschichte, Zernutzung?

Padhi Frieberger? Ich hatte den Namen noch nie gehört. Viel sagt auch der Katalog nicht, aber doch immerhin das: Padhi Frieberger (1931–2016) baute seine Assemblagen aus Fundstücken. Er verkaufte kaum etwas. Dadurch konnte er sie immer wieder verändern. Sie zu datieren ist also sehr schwierig. Sie sind auralose „arte povera“, man sieht dergleichen in zerstörten Wohnungen. Ob Frieberger so etwas wie Schönheit in ihnen sah oder nur Geschichte, Zernutzung? Man steht vor dem Tisch und den zerschlagenen Stühlen, ein Werk wohl der 50er-Jahre und kommt ins Grübeln über die Sterblichkeit auch des Unbelebten.

Oswald Oberhubers Skulpturen, die nichts sind als gebogener rostiger Draht mit Muschel- und Algenablagerungen, bringen den Betrachter auf ganz ähnliche Gedanken. Freilich eher den in der Ausstellung als den des Kataloges. Das Format spielt eine große Rolle: In der Abbildung ist die „Unsauberkeit“ des Drahtes kaum zu sehen. Dabei ist sie wesentlich. Es sind Spuren eines erstorbenen, eines ermordeten (?) Lebens. Die Drahtarbeiten entstanden 1952. Im Katalog schreibt Berthold Ecker, Kurator des Wien-Museums, dazu: „Seine Drahtplastiken erscheinen wie Zeichnungen, die in den Raum greifen ... Ab den frühen 50er-Jahren trat Oberhuber dann hauptsächlich als Maler hervor."

Der Katalog beschreibt nicht nur die einzelnen Ausstellungsstücke. Er ordnet sie ein, stellt sie in einen Zusammenhang. Der Abschnitt über die österreichische Plastik nach 1945 sortiert zum Beispiel alles um Fritz Wotruba (1907–1975). Keiner der Bildhauer, der Bildhauerinnen kam an ihm vorbei. Oberhuber zum Beispiel, der ganz und gar gebrochen hat mit der Erinnerung an die Menschengestalt, ohne die es doch bei Wotruba keine Plastik gab, war sein Assistent gewesen.

Katalog beschreibt nicht nur, er ordnet ein

Es sind diese einordnenden Schneisen, die den Katalog so wertvoll machen. Auch für jemanden, der sich wundert über so viel so schnell gewonnene Übersichtlichkeit. In seiner Einleitung schreibt Klaus Albrecht Schröder: Alle Kunst läuft „in Österreich räumlich hochkonzentriert im ersten Bezirk Wiens zusammen. Dort sind die Galerie St. Stephan und die Zedlitzhalle, die Galerie im Griechenbeisl und der Strohkoffer, das Kellerlokal des Art Club unter der American Bar von Adolf Loos, die Akademie der bildenden Künste und das einzige Forum, wo öffentliche Aktionen wie der ,Wiener Spaziergang‘ von Günter Brus oder Valie Exports ,Verhundung‘ von Peter Weibel jene minimale Aufmerksamkeit erhalten können, die Provokation als Anspruch auf subversive Grenzüberschreitung garantiert“.

Am Ende ihres mehr als zehnjährigen Aufenthaltes in New York malte Maria Lassnig 1979  „Woman Power“, ein gemaltes Manifest des neuen Feminismus der 70er-Jahre. Womöglich noch mehr ist es das Dokument des neuen Selbstbewusstseins der Malerin selbst: das Porträt der Künstlerin als Gebieterin über die Stadt, die sie dabei ist zu verlassen. 
Foto: Albertina, Wien

Das war ein Radius, der in einer Viertelstunde hätte abgejoggt werden können. Aber Künstler und Künstlerinnen zogen wohl langsam durch ihr Revier von Beisl zu Beisl. Einander herzend und beschimpfend. Manchmal – wir sind in Wien – wusste man sicher nicht, was gefährlicher war. Man liest das und denkt mit einem Male an Florenz, Neapel und Venedig. Das künstlerische Genie scheint auch ein Virus zu sein, der vom sozialen Kontakt, ja vom Austausch von Körperflüssigkeiten lebt.   Auch es vermehrt sich durch die Zerstörung des Alten.

Manchmal ist man unsicher, was größer ist, die Lust an der   Zerstörung oder die an den eigenen Kreationen. Vielleicht rührt die Unsicherheit der zeitgenössischen Betrachter bei der Beurteilung der Hervorbringungen der Avantgarde auch daher. Sie spüren die Unsicherheit der jungen Künstler, atmen sie ein und geben sie weiter, statt ihr entgegenzutreten mit einem eigenen Urteil, das diese Arbeiten ernster nimmt, als die Künstler selbst sie zu nehmen scheinen.

„Trümmerkunst“ abgelöst von neuen Versuchen

Ausstellung und Katalog konzentrieren sich auf die jungen Künstler, die 60 Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt im neutralen Wien versuchen, etwas Neues zu machen. Nach der Zerstörung von Monarchie und Republik, nach der Vernichtung des Judentums und nach der Niederlage des Nationalsozialismus ist Wien homogener, als es jemals in seiner Geschichte gewesen war. Wien igelt sich ein zwischen den Weltmächten.

Dagegen löcken die Jungen. Sie wollen nicht zurück zum Kubismus, wollen nicht weitermachen bei dem, was der Nationalsozialismus „entartete Kunst“ nannte. Sie leben zwischen Trümmern, zwischen zerbombten Gebäuden und verschlissenen, mit Blut durchsetzten Ideologien. Das ist ihre Welt. Die Kunst muss die Kunst dieser Welt sein oder sie ist keine.

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Jeder geht dabei seine eigenen Wege und im Laufe der Jahre ändern auch die sich. Wie die „Trümmerliteratur“ wird auch die „Trümmerkunst“ abgelöst von neuen Versuchen. Es geht also gerade nicht nur um die Kunst unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Untertitel lautet „Kunst in Österreich 1945 bis 1980“.

Es gibt also die „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“, den „Wiener Aktionismus“, die verschiedenen Realismen, es gibt Günter Brus, Valie Export, Ernst Fuchs, Gottfried Helnwein, Alfred Hrdlicka, Friedensreich Hundertwasser, Kiki Kogelnik, Maria Lassnig, Hermann Nitsch, Arnulf Rainer, Rudolf Schwarzkogler, und Franz West. Aber den Wert des Kataloges, den Wert der Ausstellung, wenn man sie denn jemals wird sehen können, machen natürlich die weniger berühmten Namen aus, die hier aufzuzählen völlig sinnlos wäre, weil sie keine Erinnerungen, keine Assoziationen wecken. Nicht zuletzt um ihretwillen aber sind Ausstellung und Katalog entstanden.

Eines der Glanzstücke ist Maria Lassnigs (1919–2014) „Woman Power“. Das Gemälde ist 182 mal 126 Zentimeter groß. Im Katalog wirkt die New York durchschreitende Frau noch mächtiger. Interessant an dem Bild ist, dass dieser menschlich-weibliche King Kong nichts zerstört. Er wandert durch die Welt und sie bleibt unverändert. Aber es ist klar: Die Frau ist der Herr des Geschehens.

Blick in die Kulturgeschichte Österreichs

Von 1968 bis 1980 lebte Maria Lassnig in New York. Das Gemälde stammt aus dem Jahr 1979. Es ist ein Statement. Das steht ganz außer Frage. Lassnig erklärte einmal „Ich glaube nicht, als Malerin feministische Statements gemacht zu haben, außer dass ich überhaupt durchgehalten habe, denn es war ja nicht leicht.“ Das Bild ist ein Werk von Maria Lassnig, aber es ist auch Ausdruck eines in der feministischen Bewegung entstandenen neuen weiblichen Selbstbewusstseins.

Zwei Jahre zuvor hatten im Berliner Schloss Charlottenburg eine Gruppe von Feministinnen die Ausstellung „Künstlerinnen International 1877–1977“ veranstaltet, die erstmals im deutschen Sprachraum die Kunst von Frauen und die Frage nach einer „weiblichen Kunst“ ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Maria Lassnig war eine der mehr als 180 gezeigten Künstlerinnen. In der Süddeutschen Zeitung schrieb der Rezensent: „Selten hat eine Kunstausstellung in Berlin so viel Unfrieden gestiftet, so scharfe Kontroversen und Proteste provoziert.“

Man mag sich nicht vorstellen, mit wie viel Häme eine Öffentlichkeit damals auf „Woman Power“, dieses Selbstbildnis der Künstlerin als King Kong, reagiert haben mag. Der Traum der Ohnmächtigen von der Macht wird wohl noch die freundlichste Formulierung gewesen sein. Katalog und Ausstellung sind auch ein Blick in die Kulturgeschichte Österreichs.

„The Beginning – Kunst in Österreich 1945 bis 1980“

Hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Hirmer-Verlag, 608 Seiten, zahlreiche s/w und farbige Abbildungen, 55 Euro.