Da glaubten berufene Kunsthistoriker schon, von dem Nürnberger Meister Albrecht Dürer (1471–1528) alles zu kennen, jedes Detail erforscht zu haben. Und da passiert noch ein Entdeckungswunder. Vermutungen gab es schon länger, dass eine der (meist zugeklappten) Tafeln im spätgotischen Flügelaltar der Crailsheimer Johanneskirche vom jungen Dürer stammen könnte. Jetzt kommen immer mehr Experten zu dieser Erkenntnis. Für die Baden-Württembergische Stadt wäre das eine Sensation.

Auf dem Gemälde besticht nicht bloß das Leuchten der Farben. Es sind auch die martialische Szene und das Personal, das in den Bann zieht: Gerade war der Henker, dem man direkt ins ungerührte Gesicht gucken kann, mit aufgekrempelten Hemdsärmeln zugange. In der Rechten hält er das Schwert, in der Linken zerrt er das abgeschlagene Haupt von Johannes dem Täufer an den Haaren, setzt die  Trophäe einer jungen Frau – Salome – im grünen Gewand auf den hingehaltenen Silberteller. Hinter dem Schergen sinkt der kopflose Rumpf des Täufers, der einst Jesu im Jordan getauft hatte, blutspritzend zu Boden.

In der Bibel heißt es, Salome, die Tochter von Herodes’ Frau Herodias, sei von ihrer Mutter dazu angestiftet worden, von Herodes den Kopf Johannes’ des Täufers als Belohnung für einen Tanz zu fordern. Und der mächtige König  war der Stieftochter zu Willen. Die berechnende Herodias und der wollüstige Herodes sind vom Maler in einer rechten Szene bei einem kleinen Gelage dargestellt, zwei Bläser spielen noch immer auf, die Frau reicht ihrem Gatten den Weinbecher. Der aber wehrt ab, weil er die durchtriebene Lolita, die ja zuvor noch erregend für ihn tanzte, begehrlich im Blick hat. Wie abgründig. Und links und rechts die Gaffer. Voyeure, wie sie im Buche stehen, der Kleidung nach hohe Männer. Der eine wie der andere hält die Hand auf. Für Schweigegeld? Das Gemälde ist ein Gleichnis – für Macht, List, Intrige, Doppelmoral, Missbrauch und Verbrechen. Wir blicken ins Mittelalter. Aber auch in unsere Zeit.