Albrecht Schöne
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BerlinAlbrecht Schöne, geboren am 17. Juli 1925, legt diesen Dienstag seine „Erinnerungen“ vor. Schöne war von 1960 bis 1990 ordentlicher Professor für Neuere Deutsche Literatur in Göttingen. Von ihm konnte man das Lesen lernen wie von kaum einem anderen. Sein Kommentar zu Goethes Faust ist eine der großen philologischen Leistungen des 20. Jahrhunderts. Schöne erschloss ganzen Generationen auch Zugänge zur deutschen Barockliteratur. Achtundzwanzig Kapitel haben seine „Erinnerungen“. Ich möchte nur auf eines die Aufmerksamkeit lenken. „Studentenrevolte“ ist es überschrieben. Es sind fünfzehn Seiten von 334, eine Winzigkeit also.

Albrecht Schöne war 1968 einer der angesehensten Germanisten des Landes, einer, der sich schon ein paar Jahre lang darum bemüht hatte, dem Fach das Deutschtümelnde zu nehmen und dabei nicht vergessen hatte, die Nazi-Vergangenheit so manches älteren Fachvertreters zu betrachten. Das hinderte die Studenten von 1968 nicht daran, ihn scharf zu attackieren. Als Schöne Anfang der 1970er Jahre nach Polen eingeladen wurde, schickte eine „Vollversammlung der Studenten der philosophischen Fakultät“ eine Protestresolution an das Hochschulministerium in Warschau und an den Kommunistischen Jugendverband, in der es hieß, Schönes Einladung diene „dem Versuch, der Ideologie des Antikommunismus in die polnischen Hörsäle Eintritt zu verschaffen“ und „sei ein Angriff auf die Lebensinteressen der werktätigen Massen der Volksrepublik Polen und Westdeutschlands".

1977 wurde ein Flugblatt in Umlauf gebracht, in dem es hieß: „übernehmt die institute und seminare / werft die alten scheißer raus / vögelt ihre töchter – sowie, wenn / unter ästhetischen gesichtspunkten/ noch zu rechtfertigen / ihre weiber/ übernehmt die universität / nur die zerschlagung der alten universität / kann zu einer neuen universität führen“. Das waren die Taten, das war die Sprache der vorgeblichen „Emanzipationsbewegung“.

Schöne hat sicher recht, wenn er schreibt: „Zweifellos haben die antiautoritären Postulate der 68er entschieden beigetragen zu einer allgemeinen Veränderung des gesellschaftlichen Klimas … Ganz gewiss haben sie an den Universitäten Reformen angetrieben, für die es an der Zeit war. Nur könnte man denken, und meine ich, dass es dazu mit der Zeit ohnehin gekommen wäre.“ Das Fuchteln mit der Weltrevolution, mit Vergewaltigungsfantasien war ebenso kontraproduktiv für die Entwicklung der Bundesrepublik wie der Gang in den Untergrund. Darüber wird – viel zu oft – geschwiegen, wenn es um die „Studentenbewegung“ geht.

Albrecht Schöne: Erinnerungen. Wallstein Verlag, 334 Seiten, Fotos, 28 Euro.