Der Schauspieler Albrecht Schuch.
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Ein Hotelzimmer hoch über dem Potsdamer Platz. Durch das geöffnete Fenster dringt das Rauschen der Stadt in den Raum. Als Albrecht Schuch hereinkommt, verschwindet die Umgebung in den Hintergrund. Groß, in dunkles Leinen gekleidet, dazu keine Schuhe, mit direktem Blick aus blauen Augen, hat er nichts von der gefährlichen Deformation jener Figur, die er im Film „Berlin Alexanderplatz“ spielt.

Der Psychopath Reinhold ist der Verführer und Übeltäter an der Seite des Franz Biberkopf, der in der Neuverfilmung von Döblins Roman durch den Regisseur Burhan Qurbani „Francis“ heißt. Davor hatte Schuch einen Solzialarbeiter in Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ gespielt.

Albrecht Schuch stellt die erste, überraschende Frage selbst. Er hat sich über die Interviewerin informiert und weiß, dass sie zuletzt über Schafe geschrieben hat. So gerät die ursprünglich vorbereitete erste Frage in Vergessenheit.

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Zur Person

Albrecht Schuch wird 1985 in Jena geboren. Seine Eltern sind Ärzte. Er studiert Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelsohn Bartholdy“ in Leipzig. Am Maxim-Gorki-Theater ist er von 2010 bis 2013 festes Ensemble-Mitglied. In dieser Zeit spielt er auch erste Fernseh- und Kinorollen, etwa in „Neue Vahr Süd“ und „Westwind“. Mit dem Regisseur Christian Schwochow arbeitet er mehrmals zusammen, zuletzt in der Serie „Bad Banks“. 2020 wurde er gleich zweimal mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, für seine Rolle in „Systemsprenger“ als „Bester Hauptdarsteller“ und für „Berlin Alexanderplatz“ als „Bester Nebendarsteller“. „Berlin Alexanderplatz“, ein Film nach dem Roman von Alfred Döblin, kommt am 16. Juli ins Kino.

Berliner Zeitung: Haben Sie eine besondere Beziehung zur Natur?

Albrecht Schuch: Die Natur erdet einen. Ich finde allerdings nicht, dass die Natur immer etwas Beruhigendes hat. Der Sozialarbeiter Micha, den ich in „Systemsprenger“ spiele, bringt das Mädchen Benni in die Natur, damit sie wieder etwas in sich hört, was sie lange nicht mehr gehört hat. Weil so viele Stimmen über sie gesprochen haben, dass die eigene Stimme sich gar nicht durchgesetzt hat. Und so etwas Ähnliches passiert mit mir, wenn ich in der Natur bin. Da ordnet sich etwas in mir. Es passiert in meinem Beruf so viel, und da finde ich in der Natur wieder mein Zentrum. Ich meine das gar nicht so räucherstäbchenhaft esoterisch. Aber ich finde in der Natur Töne, die meinen ganzen Organismus mit sich in Einklang bringen.  

Ist das eine Erfahrung, die Sie schon als Kind gemacht haben? Jena, Ihre Geburtsstadt, ist umgeben von bewaldetem Mittelgebirge.

Ich glaube, in meiner Kindheit und Jugend habe ich es als gegeben aufgefasst, dass man ohne Probleme innerhalb von zehn Minuten mitten im Wald oder oben auf einem Berg stand und eine tolle Aussicht hatte. Zu schätzen gelernt habe ich das erst später, so mit vierzehn. Wir konnten direkt nach der Schule in den Wald reinfallen, ohne uns groß abmelden zu müssen. In den Sommerferien sind wir dann richtig aufs Land gefahren. In ein Dorf, eine Gegenwelt zu Jena. Denn Jena habe ich schon als eine Stadt wahrgenommen, in der sich alle modernen Erscheinungen niederschlagen. Das hieß für mich als Jugendlicher, dass ich in einem Jahr Punk war, im nächsten Skater und im darauffolgenden was auch immer. Ich habe diese Modeerscheinungen immer so mitgenommen in der Stadt, und auf dem Land war die Entwicklung gleichmäßiger. Die waren nicht so drastisch wie etwa die von Micha zu Reinhold – um auf „Berlin Alexanderplatz“ zurückzukommen.

Micha, der Sozialarbeiter, und Reinhold, der mörderische Psychopath, da haben Sie innerhalb eines Jahres schon die Extreme auf der Skala menschlichen Verhaltens gespielt. Haben sich die Dreharbeiten überschnitten?

Nein, das wäre nicht gegangen. Solange ich es mir leisten kann, versuche ich auch, so etwas tunlichst zu vermeiden. Zwischen „Systemsprenger“ und „Berlin Alexanderplatz“ lagen einige Monate. Das brauchen die Rollen, und das brauche vor allen Dingen auch ich, wenn wir von Einklang und Natur reden. Gehen würde es vielleicht irgendwie, aber es würde mir auf Dauer keinen Spaß machen.

Sie achten auf Ihre Regeneration.

Klar, denn es ist immer auch eine Verflechtung, die zwischen mir und den Rollen stattfindet. Es bleibt ja mein Körper, es bleiben meine Gedanken. Ich leihe der Rolle etwas von mir aus, und dann muss ich das am Ende auch wieder entflechten ... Ist es eigentlich okay, dass ich hier barfuß sitze? Ich meine wir kennen uns noch nicht mal fünf Minuten.

Es stört mich überhaupt nicht. Wenn Sie gern barfuß sind, dann bleiben Sie so.

Ich war jetzt einen ganzen Monat lang barfuß, ich fühle mich gar nicht mehr wohl in Schuhen.

Ich habe „Berlin Alexanderplatz“ auf der Berlinale gesehen, in der ersten Pressevorführung, und war wie viele Kollegen erst einmal überwältigt vom Bilderrausch und von der Wucht der Darsteller. Die Jury hat dem Film jedoch keine einzige Auszeichnung verliehen. Was später beim Deutschen Filmpreis mit der Auszeichnung in der Kategorie Bester Hauptdarsteller für „Systemsprenger“ und der Kategorie Bester Nebendarsteller für „Berlin Alexanderplatz“ wieder etwas ausgeglichen wurde. Waren Sie enttäuscht nach der Berlinale?

Was mit einer Auszeichnung einhergeht, ist Aufmerksamkeit, ist, dass ich vielleicht von Menschen wahrgenommen oder gesehen werde, die mich vorher nicht gesehen haben. Auszeichnungen sind natürlich hilfreich und wenn sie dazu führen, dass ich auf Leute treffe, von denen ich nicht einmal gewusst habe, dass es sie gibt, und wir merken, dass wir miteinander eine Geschichte imaginieren können, dann ist das wahnsinnig toll. Aber ich habe zum Beispiel beim Deutschen Filmpreis in diesem Jahr die riesige Feier (die wegen Corona ausfiel, Anm. d. Red.) nicht wirklich vermisst. So viele Leute auf einmal zu sehen, so viele Kollegen und Freunde auf einmal zu treffen und dabei neue Leute kennenzulernen, das überfordert mich. Ich bin nicht so der Small Talker und kann mich schlecht auf die Form einlassen, die bei solchen Veranstaltungen möglich ist. Es geht alles schnell, und es hat auch eine bestimmte Künstlichkeit.

Wünschen Sie sich echte Begegnungen?

Ja, aber es wäre, um auf den Deutschen Filmpreis zurückzukommen, natürlich einzigartig gewesen, mit diesen beiden großartigen Teams im Saal zu sitzen. Die Auszeichnung ist das eine, aber wenn das dann auch noch Menschen sind, mit denen man sich wirklich verstanden hat, dann ist das schon sehr schön.

Helena Zengel, Ihre Partnerin in „Systemsprenger“, ist zwölf Jahre alt. Wann wussten Sie, dass Sie Schauspieler werden wollen?

Irgendwann in der 10. Klasse, so mit 15, bin ich konfrontiert worden mit diesem Spiel. Ob ich in den Beruf will, wusste ich damals noch nicht. Aber das Spiel war für mich etwas so Extremes in seiner Wirkung, ich habe es nicht verstanden, es trug so viel Geheimnis in sich. Heute weiß ich, dass mich dabei von Anfang an die Widersprüchlichkeit des Menschen interessierte. Manchmal reicht eine Begegnung mit einem Menschen, und man sieht die Welt plötzlich ganz anders. Und das hat mich sofort interessiert.

Das alles hat in der Schule stattgefunden?

Ja, im Fach „Darstellendes Spiel“. Die neue Deutschlehrerin hatte sich dafür starkgemacht, wir kannten so etwas bis dahin nicht. Mit der Lehrerin habe ich heute noch Kontakt. Ich glaube, dass so ein Fach essenziell ist in der Schule, ebenso wie es Musik und Kunst sind. Weil solche Fächer unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema ermöglichen. Das machen alle künstlerischen Betrachtungen. Fragen, hinterfragen, hineinbegeben, draufschauen, von allen Seiten draufschauen, verquer schauen, mit einem Filter schauen, gebrochen draufschauen. Das hat alles mit dem Menschen zu tun, mit dem Blick, mit dem wir uns selber sehen und mit dem wir dem anderen begegnen, den wir vielleicht noch gar nicht kennen. Deswegen sind diese Fächer meiner Meinung nach die wichtigsten, weil es letztendlich darum geht, dass wir versuchen, miteinander klarzukommen, den anderen zu verstehen.

Sie haben sich dabei auch selbst erforscht und kennengelernt?

Damals war es etwas so Emotionales, verstanden habe ich es nicht, aber es hat meinen Emotionen die Hand gereicht, die haben sich beim Spielen sehr wohlgefühlt. Es war gar nichts Theoretisches. Es war ein Ort, an dem ich meine Sprache gefunden habe.

Warum haben Sie in Leipzig Darstellende Kunst studiert? Die meisten jungen Leute, die Schauspieler werden wollen, sind auf die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin fixiert.

Das war ich auch. Ich hatte gehört, das sei die beste Schule, und dachte, da muss ich hin. Ich wurde in Leipzig genommen und drei Monate später hatte ich auch die Zusage von der Busch. In dem Moment habe ich gemerkt, da geht es um etwas ganz anderes, da geht es um einen Vergleich. Ich war auf den äußeren Schein reingefallen und hatte nicht auf mich gehört, auf das, was ich wirklich will. Ich kenne die Busch-Schule nicht, und ich glaube, man kennt sie auch nicht, wenn man dort studiert. Und so geht es mir auch mit Leipzig. Weil diese Hochschulen Organismen sind, die sich permanent verändern. Durch die Menschen, die dort sind. Das sind die Studierenden und die Lehrer. Das ist jedes Jahr anders. Im besten Fall findet während der Ausbildung eine Dynamik zwischen allen Beteiligten statt, dann hat die Ausbildung nichts Übergestülptes.

Wie war das in Leipzig?

Ich hatte eine sehr gute Zeit in Leipzig. Ich habe es über alles geliebt. Wir waren ein bunt gemischter Haufen, der kein Blatt vor den Mund genommen hat. Die Musikstudierenden waren im selben Haus. Es gibt hier in Berlin Proberäume für Musiker und Schauspieler im Theaterhaus Mitte. Du gehst durch die Gänge und hörst jemanden Klavier spielen. Und nebenan spricht jemand einen Monolog. Das ist genau wie in Leipzig. Deswegen gehe ich so gerne ins Theaterhaus zum Textlernen. Es hat einen Werkstatt-Charakter. Man spürt: Es ist auch Arbeit, es ist auch verdammt noch mal Fleiß. Das Interdisziplinäre ist wichtig. Wenn ich eine Rolle vorbereite, gucke ich auch gerne aus einem anderen Blickwinkel darauf – etwa über die Musik, über die Kunst.

Spielen Sie ein Instrument?

Ja, Schlagzeug. Gitarre spiele ich inzwischen weniger. Vielleicht sollte ich doch noch mal anfangen mit Klavier.

Sie treffen sich zur Vorbereitung Ihrer Rollen auch mit Menschen, die denselben Beruf ausüben wie Ihre Figuren. Vor „Systemsprenger“ haben Sie einen Erlebnispädagogen getroffen, vor „Bad Banks“ einen Start-up-Unternehmer in der Finanzwirtschaft. Für den Reinhold aus „Berlin Alexanderplatz“ hätten Sie in die Psychiatrie gehen müssen oder ins Gefängnis. So jemanden will man eher nicht treffen.

Absolut. Ich habe mich mit zwei Psychologen unterhalten, am Ende der Vorbereitung, vier Wochen vor dem Drehen. Angefangen habe ich aber von außen. Ich habe mich über Bilder der Loveparade in den 90er-Jahren herangetastet. Irgendwie hatte der Reinhold für mich etwas von einem total zugedröhnten, schrillen Typen. Letzter Tag Loveparade, einer der trotzdem noch steht und richtig druffgeht. Wenn Menschen viele Drogen genommen haben, vor allem Aufputschendes, kommt es zu wahnsinnigen Gesichtsentgleisungen. Die haben mich für die Rolle interessiert. Wenn ich etwas sehe und versuche, das nachzumachen, komme ich sofort in ein Gefühl. Das ist, als ginge man in einen Spiegel hinein. Du merkst, wie dein Atem enger wird. Relativ schnell fällt mir zumindest eine Idee ein, komme ich auf Farben, die eine Figur tragen könnte, und spreche mit der Kostümbildnerin darüber. Ich setze mich sehr gern mit den anderen Gewerken an einen Tisch – Maske, Ausstattung, Kostüm, das hilft enorm.

Welche Bilder hatten Sie noch im Kopf für Reinhold?

David Bowie hatte manchmal dieses Extravagante, Verdrehte in der Zeit, in der er viele Drogen genommen hat. Auch Tom Waits, wie er in Interviews immer so verkrümmt dasaß und rauchte.

Kann man sich auch zu sehr vorbereiten auf eine Figur?

Auf jeden Fall. Dieser Gefahr bin ich auch schon erlegen. Ich kam mit Konvoluten von Material ans Filmset, ich hatte mich richtig damit beschwert. Mein Blick ging dadurch zu sehr nach unten und nicht zum Partner oder zur Situation. Man ist nicht mehr im Hier und Jetzt. Irgendwann muss man all das Angehäufte ziehen lassen, damit man wieder leicht wird.

Reinhold wird im Film als jemand eingeführt, der Menschen zu manipulieren versucht. Er kann nicht aufrecht stehen, erinnert fast an einen Mephisto mit Kratzfuß. Sie spielen ihn als eine Figur, die anderen etwas vorspielt.

Ja, ich habe auch an Gustaf Gründgens gedacht, weniger als Mephisto, sondern an ein Interview mit ihm. Er hatte dunkle Stellen in seinem Leben, und in diesem Interview hatte er auch etwas Schalkhaftes in seinem Blick. Man denkt: Im nächsten Moment haut er seinem Gegenüber einen Zahn in die Schläfe. Gruselig. Beim Lesen des Romans habe ich an all das nicht gedacht. Aber einmal schreibt Döblin über Reinhold „er markiert“, ein Ausdruck, der heute nicht mehr gängig ist. Markieren bedeutet heute unterstreichen oder kennzeichnen. Aber damals hieß es „so tun als ob“, und ich dachte: Vielen Dank, Herr Döblin, das ist mein Freifahrtschein.

Was meinten denn die Psychologen zur Pathologie des Reinhold?

Das war eher ein Gedankenspiel. Was könnte dazu geführt haben, dass jemand so ist? Wie kann jemand dazu kommen, nur so zu tun, als ob, und zwar auch emotional? Das kann er nur, weil er sich eigentlich nach echten Emotionen sehnt. Und wenn er sie mal fühlt, dann zeigt es ihm umso schlimmer seine Wunde, die Leerstelle, die nie gefüllt wurde. Ein wenig wie bei Benni aus „Systemsprenger“, die nie eine Bezugsperson hatte, die kein Vertrauen, keine Liebe, keine Wertschätzung erfahren hat. Jeder Mensch hat es nötig, gebraucht zu werden, gesehen zu werden. Reinhold wurde nicht gesehen, und so wurde er letztendlich zu einem Überlebenden auf der Straße. Wir haben uns aber auch vorgestellt, dass er in der Paris-Bar verkehrte. Ich habe an diese Zeit gedacht, an die Mischung aus Kunst und Suff, aus Extravaganz und Exzess.

Diese Figur zu spielen muss Sie sehr erschöpft haben.

Ich war gut vorbereitet. Ich wusste, wie ich das machen will. Ich hätte die Rolle aber fast abgesagt, noch vor dem ersten Casting. Es war eigentlich die Erfahrung mit Helena Zengel, die mich ermutigt hat, so etwas zu machen. Diese Leichtigkeit zu erleben, mit der sie in ihre zum Teil sehr heftigen Szenen reinsprang und wieder rausging, das hat mir sehr geholfen. Ich habe schließlich die Leichtigkeit wiedergefunden, die ich auf der Schauspielschule hatte. In meinen ersten Berufsjahren am Maxim-Gorki-Theater, war ich viel zu aufgeregt. Ich hatte Angst zu scheitern, mein Herzschlag war manchmal so stark, dass er mich wachgehalten hat, der ganze Körper vibrierte.

Sind Sie jetzt ruhiger?

Je älter man wird, je erfahrener, desto mehr hat man einen gewissen Anspruch, wie man Herausforderungen gegenübertritt. Man glaubt, was damals gut funktioniert hat, wird jetzt auch wieder funktionieren, das gilt aber nicht im Umgang mit Menschen. Sobald Menschen ins Spiel kommen, ist es nicht möglich, einen Plan hundertprozentig umzusetzen. Es wäre auch unsinnig. Man selbst erfährt jedes Mal wieder etwas über sich durch die Konfrontation mit Menschen, die man nicht kennt.

Wie kommen Sie nach einem Drehtag wieder zu sich selbst?

Ich wusste, dass ich bei Reinhold ein richtiges Programm brauche. „Rollendusche“ nenne ich das. Wo ich mich gehen lassen kann, die Rolle abwaschen kann, sie in den Schrank stellen kann. Da helfen unter anderem Atemtechniken oder Schwimmen.

So wie Sie hier während des Gesprächs sitzen, Ihre Schultern und Arme dehnen, scheinen Sie jemand zu sein, der immer in Bewegung ist.

Ich mache Yoga, und ich habe mich viel mit Alexander-Technik beschäftigt. Das hat mir geholfen, Gewohnheiten zu verändern, mich in Balance zu bringen. Meine Mutter würde sagen: Dein Körper, dein Kapital. Der Satz hört sich heute natürlich ein bisschen seltsam an. Aber er stimmt. Gemeint ist, dass ich auf mich achtgeben soll.

Kommen wir noch mal auf „Berlin Alexanderplatz“ zurück. Sehen Sie Parallelen zwischen damals, dem Berlin der späten 20er-Jahre und heute? Der Regisseur Burhan Qurbani holt den Roman in die Berliner Gegenwart – ins Milieu der Drogenkriminalität, in die Heime der Asylbewerber.

Ich habe es nicht historisch verglichen. Ich fand die Herangehensweise von Burhan Qurbani sehr spannend, weil sie auch riskant ist, weil er sich nicht auf ein sicheres Gleis begeben hat. Aber in dem Moment, in dem Welket Bungué dazukam, der den Francis spielt, tauchte ich ab. Da war ich tatsächlich nur noch im Konstrukt dieser Beziehungen zwischen den beiden Männern und der Mieze, die aus einem Hochglanz-Musikvideo kommen könnte. Welket Bungué brachte einen persönlichen Bezug zu seiner Rolle mit, den ich bei Reinhold überhaupt nicht habe. Und das alles traf aufeinander. Zusammen mit der Kamera, dem Licht, einer Ästhetik, die mich ein wenig an die Filme von Baz Luhrmann erinnert. In seiner Epik gibt einem der Film auch die Zeit, endlich mal wieder abzuhauen aus dem, was draußen los ist.

Sie haben so viele Farbkleckse an den Händen. Hat das mit einer neuen Rolle zu tun oder renovieren Sie die Wohnung, wie es gerade so viele tun?

Nein, ich baue gerade einen alten Bus um. Einen gebrauchten Camper. Damit geht es jetzt bald los, ein bisschen rumfahren.