Ry Cuming (l.) und Frank Wiedemann sind Howling.
Foto: Elliot Lee

Mit einem großen braunen Hut sitzt Ry Cuming in einem skandinavisch eingerichteten Wohnzimmer in Byron Bay, Australien, während Frank Wiedemann im weißen Shirt in seiner Küche in Neukölln verweilt. Beide blicken mit großen Augen in die Kamera. Aufgrund der Corona-Pandemie ist es derzeit nahezu die einzige Möglichkeit, sich zu sehen – und damit auch die Autorin des Textes, die sich für ein Interview einschaltet. Ein Interview mit Howling, wie sie sich nennen. Das immer noch aufstrebende Electro-Duo aus Berlin und Australien, das seit 2012 mit seinen poppigen House-Tracks eine globale Fangemeinde hat. Und das liegt nicht nur an den Wohnorten.

Wiedemann ist mit Kristian Beyer unter dem Namen Âme bereits ein gern gesehener Gast auf den internationalen House-Floors. Mit Hendrik Schwarz hat der 47-Jährige ein zweites Duo gegründet – und seine Berliner Plattenfirma Innervisions gilt als Garant für beste Electro-Musik. Der 32-jährige Songwriter Cuming macht unter dem Namen RY X teils folkige, teils elektronische Indie-Musik und organisiert mit Wiedemann in der Uckermark das Festival „Sacred Ground“.

„Colure“: Wenn der Beat gen Herz schlägt

Mit „Colure“ erscheint nun ihr zweites Album. Und es klingt anders als gewohnt. Es ist nicht mehr so rund wie das 2015 erschienene Debüt „Sacred Ground“. Es dröhnt jetzt, flirrt und trägt eine faszinierende Leichtigkeit in seinen Songs. Doch warum? 

„Damals dachte ich, dass es nicht so elektronisch werden würde. Ich arbeitete ja mit einem Songwriter zusammen“, erzählt Wiedemann in die Kamera. „Doch das hat sich mittlerweile geändert. Howling hat sich gefunden, die Band ist elektronischer geworden.“ 

Das neue Album „Colure“ ist durchzogen von Sounds, die mal Richtung Deep-House, mal Richtung Tech-House drücken oder sich ganz im Minimal bewegen. „Healing“ erinnert mit seinen schwebenden Synthies an Westbams „You Need The Drugs“, das ohnehin schon klingt, als würde man nach einem langen Clubabend den Sonnenaufgang sehen. „Lover“ knüpft hingegen mit hämmernden Beats an 90er-Jahre-Minimal-Techno an, was bedeutet, dass sich das Grundrauschen nur minimal verändert.

Letztlich haben sie 13 Stücke kreiert, die für die Tanzfläche und die Open-Air-Bühne wie gemacht sind. Die in ihrer Leichtigkeit, in ihrer Weite und der Tiefe auch ein Stück Berlin in sich haben. Der Moment, wenn der Beat im Club gen Herz schlägt und man nur diesen einen Moment fühlt. Cuming heult dann meist noch eine emotionale Zeile wie „You wanted my love, you wanted my love to break us down“ drüber. Liebeskummer und Alltagsbegebenheiten.

Howlings „The Water“ ist ein Song für zwei Welten

„Wir fühlen keinen Druck, etwas zu sein oder zu einer Gruppe zu gehören“, sagt Cuming zum Entstehungsprozess. Eine Woche lang haben sie in Wiedemanns Berliner Studio experimentiert. Sie nahmen aber auch in Los Angeles und auf Ibiza auf – je nachdem, wo sie gerade unterwegs waren. 

Ein Track war sogar schon vor der eigentlichen Album-Phase fertig: „The Water“, der bereits auf Cumings letztem Album „Unfurl“ zu finden war. Kenner erkannten damals gleich, dass dieser Song sehr nach Wiedemanns Feder klingt, er war zu basslastig für Cumings Solo-Platte. „Tatsächlich war das auch ein Song, den wir uns damals hin- und herschoben und letztlich wieder in beiden Welten haben wollten“, sagt Wiedemann und spielt damit auf ihre Gründung an.

Angefangen hat es mit Howling, als sich die beiden über eine Freundin in Berlin kennenlernten und feststellten, dass sie sich für Komponisten wie Steve Reich, Philip Glass und sogar für den indischen Musiker Ravi Shankar interessieren. Sie blieben in Kontakt, und irgendwann schickte Cuming eine Aufnahme von seinem Lied „Howling“ – ein Stück, auf dem Cuming mit seiner heulenden Stimme zu einer Gitarre singt. Wiedemann bearbeitete es anschließend, er legte einen Beat und ein paar elektronische Instrumente drunter. Einige Tage später spielte er den Track in einem Live-Set und die Menge jubelte. Bald darauf, im Sommer 2012, erschien dann der Song auf Wiedemanns Label Innervisions; drei Jahre später folgte das Debüt „Sacred Ground“ – und es gab noch mehr Jubel.

Schade ist jedoch, dass es noch dauern wird, bis man die neue Musik von Howling im Club oder auf Open Airs tatsächlich bejubeln oder vielmehr fühlen kann. Doch Cuming blickt dem Ganzen gelassen entgegen: „Wir arbeiten bereits an einer Möglichkeit, das Album auf eine besondere Weise zu präsentieren“, sagt er. Ob er damit ein richtiges Event oder eines via Kamera meint, verrät er jedoch nicht. Nur, dass Howling Kunst aus dem Nichts machen würde. Was nichts anderes bedeutet als: Aus allem lässt sich Musik machen, und überall lässt sie sich fühlen. 

Howling - „Colure“ (Counter Records / Rough Trade)