Was für ein seltenes Glück: Ein Album das erste Mal zu hören und sofort in den Bann gezogen zu werden! Doch Vorsicht, Musik ist eine Großmacht der Suggestion, sie lockt und lügt, sie schmeichelt dem Ohr und betrügt den Verstand, sie macht erst besinnungslos und lässt dann enttäuscht zurück.

Seien wir also bei „Hand. Cannot. Erase“ gewarnt, dem neuen Album von Steven Wilson, denn es klingt nicht nur zu schön, um wahr zu sein, der Musiker ist auch als Großmeister der Suggestion bekannt. Kaum jemand beherrscht sein Metier so souverän wie der 1967 geborene Brite – ein Tonkunstmagier par excellence.

Die im Folgenden zu beantwortende Frage lautet also, ob „Hand. Cannot. Erase“ wirklich hält, was es verspricht, nämlich das schönste, aufregendste und berührendste Klangwerk der letzten Jahre zu sein. Wilson hat mit dem 2013 erschienenen Vorgängeralbum „The Raven That Refused to Sing“ bereits bewiesen, dass er ein begnadeter Geschichtenerzähler ist.

Porcupine Tree, ein anderes seiner Bandprojekte, lieferte mit „Deadwing“ (2005) und „Fear of a Blank Planet“ (2007) zwei Platten ab, die vom Classic Rock Magazine zum jeweiligen „Album des Jahres“ gekürt wurden. Außerdem betreibt Wilson mit Blackfield, Bass Communion und Incredible Expanding Mindfuck einige bemerkenswerte Versuchsplattformen in den Bereichen Pop, Drone und Ambient…

Allmähliche Verwahrlosung

Das sind schon einmal gute Referenzen. Sie belegen auch die enorme Vielseitigkeit des Sängers, Gitarristen, Keyboarders und Songwriters. Hinzu kommt, dass er seine Tonarbeiten häufig um foto- und videokünstlerische Aspekte erweitert: Ein gewisser Hang zum Gesamtkunstwerk, zum Großen und Ganzen ist hier unverkennbar.

Letzteres erweist sich nun als entscheidend für das Verständnis von „Hand. Cannot. Erase“ – das Album versammelt nämlich einen sagenhaften Mix der Stile und Klänge, ein turbulentes Potpourri, das Wilson zu einem dichten musikalischen Programm verschmolzen hat. Dabei kommt ihm unüberhörbar seine Erfahrung als Produzent von Prog-Rock-Legenden wie Marillion, Jethro Tull, King Crimson oder Emerson, Lake and Palmer zugute.

Progressive Rock ist der Name für eine technische Alleskönnerschaft, die sich auch das sperrigste Material noch einverleibt. Dafür stehen die genannten Bands, eben davon profitiert nun Wilson. Denn sperrig ist sein Vorhaben allemal, auch erzählerisch: Die entscheidende Anregung für „Hand. Cannot. Erase“ gab ihm das Doku-Drama „Dream of a Life“ (2011) und die hier rekonstruierte Geschichte von Joyce Carol Vincent.

Ihr Fall sorgte 2006 für weltweites Aufsehen, mehr als zwei Jahre lag die Frau tot in ihrer Wohnung über einem belebten Londoner Einkaufszentrum. Als man sie fand, lief noch der Fernseher, fertig verpackte Weihnachtsgeschenke umgaben ihr Skelett auf dem Sofa. Vincent war erfolgreich und beliebt, sie war jung, hübsch und klug. Doch niemand hatte sie vermisst.

Das Entsetzen über diesen Fall beunruhigt Wilson bis heute. Wie aber überträgt er den monströsen Stoff in eine musikalische Form? Der Künstler verfährt episodisch und verteilt ihn auf elf Lieder. Sie beschäftigen sich nicht nur mit Joyce Carol Vincents unglücklichem Leben, sondern auch damit, wie sich ein solches Unglück bei jedem von uns einschleichen kann und immer schon eingeschlichen hat.

Wilson erzählt kleine Geschichten des Verschwindens, des Unsichtbar- und Unbedeutendwerdens. In „Perfect Life“ etwa geht es um eine beste Freundin aus Kinderzeiten, die sich, einmal der wichtigste Mensch im Leben, vollkommen unbemerkt in ein Nichts, in einen Niemand auflöste, „bis ich mich nicht mehr an ihr Gesicht, an ihre Stimme, nicht einmal an ihren Namen erinnern konnte“.

Für Wilson findet die Katastrophe längst vor der Katastrophe statt: Das alltägliche und, wenn überhaupt, nur beiläufig beachtete Fehlgehen und Entgleiten, die allmähliche Verwahrlosung in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen verwebt sich zu einem maroden Geflecht, das wir aus Gewohnheit noch unser Leben nennen, aber das uns, wenn die existenzielle Not wächst, nicht mehr auffängt. „When the world doesn’t want you / It will never tell you why“, zieht Wilson in dem Lied „Ancestral“ sein rabenschwarzes Resümee, „You can shut the door but you can’t ignore / The crawl of your decline.“ (Wenn die Welt dich nicht will / Wird sie dir niemals sagen warum / Du kannst die Tür schließen, aber du kannst nicht verdrängen / Wie dein Niedergang fortschreitet.)

Abstieg in die Todeszone

Für dieses Pathos bringt Wilson sein ganzes musikalisches Arsenal in Stellung. Und das ist nichts für schwache Nerven: So wie uns das Entsetzen nicht nur wohltemperiert beschleicht, sondern gewaltsam überfallen, augenblicklich mit- und fortreißen kann, will auch „Hand. Cannot. Erase“ als musikalisches Drama wirken. Abrupte Wechsel zwischen laut und leise, schnell und langsam, thrashig und balladesk, elektrisch und akustisch – sie versetzen den Hörer in einen permanenten Ausnahmezustand. Wir erleben einen Höllenritt durch die Musikgeschichte. Sogar ein Chor aus gleißenden, engelshaften Knabenstimmen ist zu hören.

Dass Wilson dieses Potpourri nicht um die Ohren fliegt, sondern sich zu einem stringenten Ganzen, einem großen Erzählbogen fügt, verdankt sich gewiss auch dem Können seiner Musiker, allen voran Keyboarder Adam Holzman, Schlagzeuger Marco Minnemann, Bassist Nick Beggs und der sagenhafte Guthrie Govan an der Gitarre.

Die Herren Alleskönner halten den Laden zusammen. Aber dann ist da noch die gute Macht der Suggestion, allein schon, dass Wilsons sein Album mit fröhlichen Kinderstimmen beginnt: Sie lassen den nun beginnenden Abstieg in die Todeszone umso dramatischer wirken. Dass diese Stimmen zum Ende noch einmal erklingen, gewissermaßen als Erinnerung an den unbekümmerten, zukunftsfrohen Beginn, steigert diese Wirkung ins Unerträgliche.

Ja, Steven Wilson ist ein Großmeister der Suggestion, sein Album lockt uns immer wieder mit süßlichen und jauchzenden Popsongs, neben dem bereits erwähnten „Perfect Life“ sind dies „Hand. Cannot. Erase“ und „Transcience“ – sie könnten in den Mainstream-Charts auch für sich allein bestehen. Doch ihren tieferen Sinn erhalten sie erst im Kontext des Albums, sie dienen als Hoffnungsträger in einer ansonsten düsteren Großerzählung über den Zustand unserer Zivilisation: „Bruised and burned we won’t lose heart / And just because life gets hard /…/ Hand cannot erase this love“ (Angeschlagen und verbrannt, werden wir unser Herz nicht verlieren / Und nur weil das Leben zur Qual wird /…/ Können wir diese Liebe doch nicht auslöschen.)

Liebe und Musik eröffnen die Erinnerung an eine bessere Zukunft, sie sollen nicht bloß Trost spenden, sondern Hoffnung geben. Kein Zweifel, Steven Wilson, ist das schönste, aufregendste und berührendste Klangwerk der letzten Jahre gelungen.