Aus Alejandro Ghersi wurde Alejandra Ghersi aka Arca.
Foto: Hart Leshkina

Kontinuität heißt im Pop Wandel. Im besten Fall spürt man in Tracks und Songs den Beat der Zeit, noch bevor er sich im Alltag verfestigt hat. Zuletzt hat niemand so entschlossen mit der fortwährenden Veränderung als Klangdesign der Gegenwart gearbeitet wie die Kunstfigur Arca.

Seit dem rätselhaft wuchernden Solo-Debüt um die voluptuöse Figur „Xen“ von 2014 hat sie eine Ästhetik gefunden, die an unerhört geräuschige Tracks von Kanye West, an die exzentrisch arrangierten Songs von Björk und die wegweisend aliensken Post-R&B-Nummern von FKA Twigs und Kelela erinnert. Eine Art musikalischer Mandelbrotbaum, dessen fraktale Bauweise ständig neue Formen aus sich selbst bildet. Das gilt für die Struktur der Songs und auch für das Klangmaterial: Arca baut Sounds von höchster Fremdheit nach, die an organische Materialien erinnern - Gummi, Stahl, Wasser -, aber eben so, als hätte sie jemand, der sie nicht kennt, mit anderen Mitteln nachgebaut. Das neue Album „KiCk i“ zeigt nun, dass sie sich auf selbstbewusste Weise treu geblieben ist. Und doch hat sie sich andererseits stolz verändert.

Aus Alejandro Ghersi wurde die Transfrau Alejandra

Jenseits der Musik sieht man es am weiblichen Pronomen, das sie derzeit führt. Aus Alejandro Ghersi, der 1989 in wohlhabend kosmopolitische Verhältnisse in Venezuela geboren wurde, ist die Transfrau Alejandra geworden, die ihren ständig transitorischen Zustand feiert. „Nonbinary“ heißt der erste Titel des Albums, der mit einem trotzig hervorgezischten „I do what I wanna do when I wanna do it“ beginnt und mit einem fröhlichen „What a treat/ it is to be/ nonbinary/ ma cherie/ teeheehee/ bitch!“ endet - „was für ein Vergnügen!“ kichert sie sich in den digitalen Freiraum, um diese nonbinäre Freude sodann auszumalen.

„Nonbinary“ wirkt dabei ein wenig wie das Programm zum Album. In nur gut zwei Minuten spiegelt der Track die gerappte Bewegung vom Entschluss zur Feier, wandelt sich von einer bedrohlich dumpf insistierenden Bassdrum in ein verwickeltes Zappeln aus munter zerschossenen Geräuschen und herkunftstechnisch nicht zu entziffernden, hell melodischen Spritzern. Im Video dazu sieht man sie tanzend als androgyne Venus von Milo, in psychedelischen Farben, von chromglänzenden Cyborgarmen gestreichelt.

„KiCk i“ folgt auf diese bewegt farbenfrohe Weise Arcas Ideen und klanglichem Einfallsreichtum - mit deutlichem Partyanspruch. Mit vollen Armen schaufelt sie rappelnd gebrochene Beats, irre Sounds aus der digitalen Truhe und Stimmen jedweder Provenienz. Dabei hört man Seltsames aus den Autotune-Archiven, aus der Kehle Björks, die sich durch die fein verschlürfte und spacig entfliehende Ballade „Afterwards“ barmt, oder der Singer-Produzentin Sophie, die im hyperkinetischen „La Chiqui“ klingt, als würde der Computer die Stimme auswringen. Es kommt zu wild albernen Abstraktionen wie „Riquiqui“, zur zusammengestotterten Reggaeton-Variante mit Rosalia in „KLK“, zu einem perkussiven Outer-Space-Gehagel im klappernden Post-Step von „Mequetrefe“. Wir hören sie zu zart sakralen Alienandachten wie in „Calor“, einer Ballade aus verschmelzenden Kontrasten, und zum schwelgend sphärischen Disco-Schunkeln von „Time“, in dessen Video sie sich lüstern mit dem Teufel einlässt – eins von mehreren Bekenntnissen zum „unguilty pleasure“ des dominanten Mannes.

Arca hat mit ihrem letzten Album begonnen, ihre Musik persönlicher zu gestalten. Zuvor ließ sie sich von ihren Fantasien leiten, sie begleitete gleichsam ihre Fluchtfigur Xen, die sie sich als Teenager in Caracas ausgedacht hatte, um der Unsicherheit und der Sehnsucht als schwulem Jungen in der südamerikanischen Machowelt eine Gestalt zu geben. Auf „Arca“ hörte man erstmals die eigene, gleichsam analoge Stimme, die in kunstvollem Ton vom Schmerz und der Verunsicherung der Jugend, von Cruisen in dunklen Gegenden, von emotionaler Gewalt erzählte - „eine Katharsis“, sagte sie damals.

Das letzte Album war sehr traurig, voller Scham

Arca, Sängerin

Das Cover zeigte sie in einer bearbeiteten Nahaufnahme: Augen und Mundhöhle geschwärzt, ein schmerzlicher Seufzer, vielleicht des Schreckens, vielleicht der Lust. Auf „KiCk i“ sieht man sie als Faunfigur in Spitzenwäsche und Plastikpanzerungen, mit metallischen Prothesen, Wolverine-Krallen, auf Chromstelzen - stolz und wehrhaft, aber auch wacklig und fragil. „Das letzte Album war sehr traurig, voller Scham“, sagte sie in einem Interview. „Nach der Transition habe ich diesen Missklang nach außen getragen. Den Missklang spürst du natürlich immer noch, in der Umkleide, beim Einkaufen, aber du musst ihn immerhin nicht mehr im Inneren verbergen. Und so ist es mir paradoxerweise gelungen, mich glücklich zu fühlen.“

Dieses Glück spürt man in den Stücken auch als eine gewisse Zutraulichkeit der Form: Die zwölf meist kurzen Songs beruhen nach wie vor auf dissonanten Geräuschen und der eigenwilligen Verschmelzung von Vertrautem und Fremdem, Rohem und Sanftem. Aber sie streben nicht mehr auseinander, sondern fügen sich zu einem abstrakten Pop - der Beat mag gebrochen sein, aber der Puls schlägt mitreißend und lebendig.

Arca - KiCk i (XL/Beggars/Indigo)  ist bereits digital erschienen und wird ab 17. Juli auf Vinyl und CD erhältlich sein.