Der Rapper Mike Skinner aus London.
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Als The Streets zum ersten Mal im deutschen Radio erklang, war es für viele eine Offenbarung. Diese ungewohnt vorlaute Stimme mit dem starken britischen Akzent und der schreddernde Sound waren ungemein anziehend. Da schwappte Rap aus England herüber, von dem man bis dato glaubte, er könne so nur in den USA entstehen. Die Amerikaner bemerkten das auch. The Streets wurde zum rappenden UK-Export, der die Charts eroberte und die britische Hip-Hop-Szene für die Plattenfirmen wieder attraktiv machte. 

Dabei war es bereits das zweite Album von Michael Geoffrey Skinner, wie The Streets bürgerlich heißt. Ein Musiknerd, der sich einst im Schlafzimmer ein Aufnahmestudio baute und in einer Pizzeria jobbte, um das Geld für eine eigene Plattenfirma zusammenzubekommen. Letztlich war es aber ein Unterlabel von XL Recordings, das seine Single „Fit But You Know It“ und das dazugehörige Album „A Grand Don‘t Come for Free“ 2004 auf den  Markt brachte. Während das Debüt „Original Pirate Material“ von 2002 noch fast ausschließlich ein Liebling der Kritiker und der UK-Kids war, wurde „A Grand Don‘t Come for Free“ auch zum Sound sich cool gebender deutscher Teens – die sich spätestens in dem Moment ein Feuerzeug als Accessoire besorgten, als sie das leuchtende Kult-Symbol auf den Covern der The-Streets-Singles sahen. 

„Computers and Blues“ war das vorerst letzte Album von The Streets

Einige Jahre ging das dann so. The Streets veröffentlichte für wechselhafte und intensive Teenagerjahre einen variablen, eindrücklichen Sound zwischen Gangsterrap und R‘n‘B - dazu Zeilen wie „We never went to church, just get on with work and sometimes things ‘ll hurt“, was einen tristen Alltag mit großen und kleinen Schlägen suggerierte. 

Doch irgendwann seien die Ideen für The Streets ausgegangen, erzählte Skinner später selbst. Er begab sich auf Identitätssuche, wollte ins Filmgeschäft, an seinem Plattenlabel arbeiten und ganz andere Musik machen. In einem Interview mit der Zeitschrift Musikexpress sagte er, dass er ohnehin nicht rappen könne. Mit dem 2011 erschienen Album „Computers and Blues“ war folglich mit The Streets Schluss.

Einen Lichtblick gab es für Fans erst 2016: Der damals 37-Jährige tourte mit dem Partykonzept Tonga durch die Welt, wo er als DJ Dancehall, Jungle und Hip-Hop auflegte. Ein Jahr später kündigte er dann das Comeback von The Streets und eine Tour an, 2018 folgten erste Singles und mehreren Gerüchte über ein Album. Mit „None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive“ (Niemand kommt hier lebend raus) werden diese jetzt wahr. Wenn Skinner es auch als Mixtape bezeichnet – da jedes der zwölf Lieder einen Gastmusiker, den er privat gern hört, aufweist – ist es dennoch ein richtiges Album geworden. Eine Comeback-Platte nach neun Jahren, mit einem Feuerzeug auf dem Cover.

Mike Skinner kratzt an gesellschaftskritischen Themen

Was Skinner bis dahin erlebt hat, hat er nun musikalisch gut aufbereitet. „Call My Phone Thinking I’m Doing Nothing Better“ mit der australischen Psy-Rock-Band Tame Impala etwa lässt den Clubsound aus seiner Tonga-Ära erklingen, zu der Tame-Impala-Frontmann Kevin Parker über einen nervigen Anrufer sinniert. „The Poison I Take Hoping You Will Suffer“ mit Rapper Ragz kleidet sich hingegen in dasselbe Elektro-Gewand, in das sich schon die Hit-Single „Blinded By The Lights“ aus dem Jahr 2004 wagte. Und der Song „None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive“ mit den Post-Punk-Rockern von Idles bringt die raue Energie und den Garagensound zurück, den The Streets zu Beginn seiner Karriere hatte. 

Wie der resignativ-herausfordernde Titel des Albums vermuten lässt, kratzt Skinner auch an gesellschaftskritischen Themen. Doch anders als auf den Vorgängeralben sind es eher Andeutungen. Während er zu Beginn des Stücks noch laut „I don‘t like my Country“ brüllt und damit eine Brücke zum Brexit schlägt, beschränkt er sich später lediglich auf eine Erzählung über Leben und Liebe. Gleiches gilt für das Hip-Hop-Stück „Conspiracy Theory Freestyle“ mit Rob Harvey – seinem ehemaligen Kollegen beim Bandprojekt The D.O.T. - , worin die beiden zwar mehr kritisches Denken fordern, aber nicht weiter ausführen, worin genau das bestehen könnte. 

Nun kann man The Streets vorhalten, im Ungefähren zu verharren – oder sich darauf besinnen, was The Streets nun mal ist: Eine Kultfigur, die tatsächlich immer mehr Musikfan als ein Chronist seiner Zeit war. Dem deutschen Fanzine Allgood sagte Skinner, dass er danach gestrebt habe, es einfach mal weniger kompliziert zu machen. Und das ist ganz treffend für das Album und der Versammlung von ein paar Freunden: Es ist das Comeback eines Musikfans für Musikfans.

The Streets - „None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive“ (Island/Universal Music)