George Daniel (v. l. n. r.), Matthew Healy, Adam Hann und Ross Macdonald sind The 1975.
Foto: Universal Music

Die britische Indie-Band The 1975 waren lange das Sandwichkind der Pop-Rock-World: nicht groß genug, um sofort bei jedem ein Aha-Gefühl auszulösen, aber doch zu interessant, um sie einfach zu übergehen. So sah das wohl auch die große Kollegin Taylor Swift, die sich irgendwann öffentlich in einem Band-T-Shirt der einstigen Schulfreunde Matthew Healy, Adam Hann, Ross MacDonald und George Daniel aus Manchester zeigte.

Sind The 1975, die gerade erst angekündigt haben, nur noch umweltverträgliche, also klimaneutrale Konzerte zu geben, nun also erwachsen geworden? In den sozialen Netzwerken und auf Kritikerseiten jedenfalls wimmelt es von Jubelposts und Berichten zum gerade erschienenen Album „Notes on a Conditional Form“, das wie eine notwendige Ergänzung zu der mit großer Aufmerksamkeit bedachten Vertonung einer Rede von Umweltstar Greta Thunberg erscheint.

„Frail State of Mind “ von The 1975.

Video: YouTube/The 1975 

Man muss allerdings gut hinhören, um einen charakteristischen Sound der vier Männer zu erkennen. Denn anders als bei manchen ihrer Musikerkollegen bleiben The 1975 ihrem Stil nicht wirklich treu.

The 1975 nehmen fast jedes Musikgenre mit

Das Stück „People“ etwa lässt die Emo-Herzen der 90er-Jahre schlagen, die in den 2000ern irgendwann kein Futter mehr für ihre rockige Indie-Seele bekommen haben. „Frail State Of Mind“ klingt hingegen, als hätte sich Popstar Justin Bieber mit Boygroup NSYNC auf einer Rooftop-Party von Indie-Produzent Jamie XX zusammengetan. Und die zarte Folkballade „Jesus Christ 2005 God Bless America“ mit der talentierten US-Sängerin Phoebe Bridgers wirkt in sich zwar stark, aber unmittelbar nach dem mit Auto-Tune besetzten „Then Because She Goes“ und dem orchestralen „Streaming“ leider deplatziert. Als Hörer fragt man sich: Muss das sein?

Doch 22 Tracks lassen keine Zeit für Fragen. The 1975 nehmen in beliebiger Reihenfolge fast jedes Genre und jedes Thema mit: House, Hip-Hop und Klassik – Religion, Rebellion und Drogensucht. Das mag für den jeweiligen Song ganz stimmig sein, geht aber als großes Ganzes nicht auf.

Es ist, als hätten sich die etwa 30-jährigen Männer eine Playlist zusammengestellt, wie sie auf YouTube zufällig abspielt wird: Songs, mit denen sie aufgewachsen sind und Songs, die sie jetzt mögen. Man konnte es bereits ahnen, wenn man  die Vorgängerplatte „A Brief Inquiry into Online Relationships“ noch im Ohr hat. Die Band legt sich nun mal nicht gern fest. Auch nicht nach drei Brit-Awards.

Für einen Radiosender oder eine Familienfeier? Perfekt! Für die Rolle des großen Bruders in der Pop-Rock-World nicht. Aber vielleicht wollen The 1975 auch gar nichts anderes als ein Sandwichkind sein.

The 1975 - „Notes On a Conditional Form“ (Polydor/Universal)