Der Wahlberliner Aime Simone geht gerne im Park spazieren.
Foto: Berliner Zeitung / Markus Wächter

BerlinDer Volkspark Humboldthain ist sein liebster Platz. Hier dreht Aime Simone täglich seine Runde. Er lässt sich vom Wind inspirieren, der durch die Baumblätter rauscht, von den Menschen, die dort umherlaufen und vor allem von sich selbst: „Der Park hilft mir, Vergangenes zu verarbeiten“, sagt Simone bei einem Treffen. Und man muss gut Schritt halten, um mit dem schlaksigen Musiker mitzukommen.

Vor zweieinhalb Jahren ist der gebürtige Pariser nach Berlin gezogen. Damals war er erst 24 Jahre alt und hatte bereits ein intensives, nicht leichtes Leben hinter sich, wie er sagt. Sein jetzt erscheinendes Debütalbum „Say Yes, Say No“ soll deswegen eine neue Ära einleiten. Ein Leben voller Liebe und Musik. Doch kann das in einer Stadt wie Berlin, die gegenüber Neuankömmlingen sehr ruppig sein kann, klappen?

Simone ist sicher. Im November 2018 kam seine Tochter auf die Welt. Das sei ein Moment gewesen, in dem er feststellte: „Jetzt muss sich etwas ändern, jetzt muss ich an meiner Musik arbeiten.“ Er schrieb Songstexte, baute Beats am Laptop, gestaltete mit dem Berliner Kunst- und Musikkollektiv No Start No End Clubabende und schuf mit ihm auch ein Label.

Während der Corona-Krise produzierte er dann „Say Yes, Say No“. Eine Platte mit melancholischem, Elektrik-verziertem Gitarren-Pop, der an die britische Band The XX erinnert – samt dramatischen Songtiteln wie „In This Dark Time“. „Das ging dann schon alles sehr schnell“, gesteht Simone und wirkt zugleich erleichtert. Doch wenn er ehrlich ist, ging immer alles ziemlich schnell. So auch etwa seine Bekanntschaft mit dem The Libertines-Frontmann Pete Doherty.

Mit Pete Doherty stand Aime Simone auf der Bühne

Als er 2012 in einer Klinik war, weil er unter anderem unter einer Essstörung litt, war das Konzert von Pete Doherty eines der wenigen Ereignisse, für das er die Einrichtung verlassen durfte. Simone bereitete sich deswegen gut vor. Er wollte Dohertys Gitarre erhalten, um die Songs, die er in seinem Tagebuch notierte, zu vertonen. So nahm er es zum Konzert mit und schmiss es auf die Bühne. Doch das Buch traf Doherty an den Kopf, und er unterbrach sein Konzert. Er las daraus vor und holte Simone auf die Bühne. Jetzt sollte er spielen.

Wenn Simone davon erzählt, zittert seine Stimme, er sei noch immer ein großer Doherty-Fan und nennt ihn seinen Mentor. Nach dem damaligen Konzert seien die beiden ins Gespräch gekommen und hätten Telefonnummern ausgetauscht. Es klingt fast, wie ein Popstar-Märchen mit glücklichem Ausgang. Simone besuchte Doherty, sie spielten zusammen und sprachen viel miteinander. Wenig später eröffnete Simone sogar einige Konzerte von Doherty und wurde kurz darauf von dem französischen Luxusdesigner Hedi Slimane für eine Show von Yves Saint Laurent gebucht. Simone modelte, sang und war viel unterwegs. Doch je mehr er machte, desto mehr schlich sich die Essstörung zurück in sein Leben. „Irgendwann war es dann zu viel“, erzählt Simone. Er musste wieder in stationäre Behandlung. 

Aime Simone lebte die meiste Zeit in Paris, nun ist er in Berlin zu Hause.
Foto: Berliner Zeitung / Markus Wächter

Doch in Paris fühlte er sich schon lange nicht mehr wohl. Die Stadt war ihm zu konservativ, der Kontakt zur Familie war ohnehin schlecht. Mit seiner damaligen Freundin zog er erst nach Los Angeles, später nach Wien. Was dann passierte, kommt Simone wie ein einziger Rausch vor: Die Beziehung scheiterte, er verlor sich im Nachtleben, hing auf Künstlerpartys ab, die Essstörung griff seine Zähne an, und er fühlte sich irgendwann als jemand, den man als „Penner“ bezeichnete. Im Humboldthain zeigt er auf sein Gesichtstattoo: Ein Schriftzug mit dem Wort Reckless ist zu erkennen. Übersetzt bedeutet es leichtsinnig oder auch gefährlich. Simone sagt, er tätowierte sich, um nicht mehr als Model gebucht werden zu können, er wollte raus aus der Modebranche.

In Aime Simones Liedern schwingt Melancholie mit

Als ihm das Leben dann wieder einmal zu viel wurde, wie der 26-Jährige sagt, landete er erneut in einer psychiatrischen Einrichtung. Während Simone davon erzählt, schreitet er durch den Park, als würde er durch seine Vergangenheit laufen. Seine Geschichte erzählt er nicht in einem tragischen Leidensdruck, doch schwingt ein wenig Melancholie mit - wie in seinen Songs.

Über die jüngste Etappe seines bisherigen Lebens spricht er dann euphorisch. In Wien lernt er später seine jetzige Freundin kennen, sie verlieben sich, wollen in eine weltoffenere Stadt, ziehen nach Berlin, sie wird schwanger und beide beginnen ein neues Leben als Familie. „Musik hat mir immer wieder geholfen, weiterzumachen - im Leben, mit neuen Herausforderungen“, erzählt Simone. Deswegen hätten seine Lieder auch aufmunternde Zeilen. 

Als Hörer muss man allerdings die Geschichte von Simone kennen, um das zu verstehen. Wenn er mit seiner leidtragenden Stimme in Stücken wie „Don't Be Sad“ oder „Strange Inside“ über das bittersüße Leben singt, klingt nicht gleich Hoffnung raus. Aber das muss es in dem Fall vielleicht auch nicht. Simone hat genug zu erzählen, das sich zu hören lohnt – ganz gleich, ob es während eines Spaziergangs im Park ist oder durch schönen Indiepop. 

Aime Simone - „Say Yes, Say No“ (No Start No End)