Wenn ein knapp 74-jähriger Musikkünstler eins seiner zentralen Werke noch einmal neu bedenkt, muss man nicht gleich das Schlimmste befürchten. Aber dass John Cale mit seiner Überarbeitung des 33 Jahre alten „Music for a New Society“ den Blick auf Vergänglichkeit, auf Tod und Schmerz lenkt, überrascht natürlich nicht. Immerhin hat er schon im Oktober 2014 einen der Titel des Albums anlässlich des ersten Todestags von Lou Reed als Remix veröffentlicht.

Im Video zu „If You Were Still Around“ – einer kantigen ersten von drei neuen Versionen − sieht man Cale im Schrei erstarrt, während im Hintergrund Fotos des jungen Reed, aber auch von Andy Warhol, Nico und Sterling Morrison durchs Bild laufen – mit denen Reed und Cale Velvet Underground zur ungefähr wichtigsten Rockband der Geschichte machte.

Unter dem etwas lauthals modischen Akronym „M:Fans“ hat Cale nun als seine 16. Studioveröffentlichung das gesamte Album ziemlich radikal geremixt. Das entspricht dem lebenslang unberechenbaren Cale, aber auch dem radikal enigmatischen, sperrigen Geist des Originalmeisterwerks, das mit dem Remix neu aufgelegt wird, nachdem es jahrzehntelang nicht erhältlich war.

Derb-laut, aggressiv und paranoid

„Die Reaktionen auf das Album“, erinnerte sich Cale 1999 etwas ratlos in seinen Memoiren „What’s Welsh for Zen“, „waren besser als je zuvor. Aber es war ein völliger Flop“. Es markierte jedenfalls zugleich einen Wende-, Tief- und Höhepunkt in Cales durchaus erratischer Karriere. Cale, studierter Bratschist und Komponist, hatte bis dahin nicht nur bei Velvet Underground gespielt, sondern auch acht Soloalben veröffentlicht, dabei auch orchestral und mit Terry Riley gearbeitet sowie ein paar Rock-Klassiker, von Nico, den Stooges und Patti Smith, produziert.

1981 hatte er nach fünfjähriger Studioabstinenz und unter erheblichen Alkohol- und Drogenproblemen das new-wave-beeinflusste, zugängliche Rock-Comeback „Honi Soit“ eingespielt. Es war jedoch nicht gut angekommen, und Cale reagierte darauf, indem er sich allein ins Studio des New Yorker No-Wave-Indies ZE-Records zurückzog und geisterhaft zerknirschte und geräuschig verfallende Arrangements über verwehende, schmerzliche Melodien improvisierte. „Quälend“ schreibt er über die Aufnahmen und die Stimmung des Albums, aber es wirkt auch fast exorzistisch, wenn man bedenkt, wie derb-laut, aggressiv und paranoid er sich seit den Siebzigern gegeben hatte.

In „New Society“ wiederum mischte er schwere, wundgeschürfte Balladen mit deutlich von der Neuen Musik seiner Studienzeit geprägten Atmosphären, er spielte mit Zeitempfinden, mit Geräuschen, mit distanzierender Abstraktion – man muss sich nur das uhrwerkshafte Schnarren und hohle Pochen zum leiernden Dudelsack und Stimmfetzen anhören, mit denen er in „Thoughtless Kind“ seine Idee der „besten Zeiten“ und die „Narben der Vorstellungskraft“ besingt. Oder wie er „Close Watch“ − ein geradliniges, entbeintes, verhalltes Liebeslied− mit wuchtig-einsamem Klavier und komischen knirschenden Geräuschen belegt. Mal hört man im Hintergrund ein betäubtes Klavier Beethovens „Lied an die Freude“ spielen, mal samplet er Rimsky-Korsakoff in einem von Sam Shepard bedichteten Titel für seine frisch angetraute Frau Risé, der er – mit der gemeinsamen Tochter Eden – den Drogenausstieg verdankt.

Stur entschlossen auf seinem Modernismus

Das Risé gewidmete Stück fehlt auf dem Remix – die beiden trennten sich 1997. Dafür wummert gleich zu Beginn ein knirschend geräuschiges „Prelude“, das auf dem Original ausgespart geblieben war. Es zeichnet ein Telefon-Gespräch mit seiner kranken Mutter auf, die ihm ein walisisches Volkslied vorsingt, was ihm zunächst zu intim schien. Nun hört man ihre Stimme elektronisch vernebelt, wie vom Mond, bevor das Album mit einer zeitenthobenen, diffus verhallten Version von „If You Were Still Around“ beginnt.

Insgesamt scheint es hier weniger und Trauer und Isolation, als um schmerzhafte Aggression zu gehen, mit schwerer Elektronik und wuchtigen Beats, die wie zuletzt stets sein seit intensives HipHop-Interesse bestätigen; man hört dichte strömende Produktionen, wo man im Original zerklüftete Sounds zusammenbauen musste.

Die Elektronik und das Studiotüfteln wirken hier wie ein Schutznebel, weshalb es dem Remix schon an Unmittelbarkeit, an Intensität und auch ein bisschen an heißen, neuen Sounds fehlt. Schön jedoch, wie Cale hier den Mut zur Erinnerung mit dem Mut zur Gegenwart verbindet, wie er auch in der wehmütigen Rückschau nicht sentimental wird und stur entschlossen auf seinem Modernismus beharrt. Schön auch, dass er klingt, als habe er noch keinen Sinn für letzte, große Würfe.

John Cale: Music For a New Society/ M:Fans (Domino/ Goodtogo)