Eine Frau, die nicht mehr spricht (Symbolbild).
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BerlinEin Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des  Antisemitismusvorwurfs. Dieser Vorwurf wird verkörpert durch den neuen Antisemitismus-Beauftragten Felix Klein „für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“. Er tritt in der Rolle Hamlets auf und befindet: Etwas ist faul in diesem Staat. Was alles faul ist, wird mithilfe des Antisemitismusvorwurfs täglich an die Oberfläche befördert. Es fällt nicht leicht, der allgemeinen Öffentlichkeit zu vermitteln, worum es dabei genau geht. Ein afrikanischer Gelehrter wurde als geplanter Teilnehmer eines prominenten Kulturereignisses ausgeladen und seither tobt eine öffentliche Debatte, die sich mitten in der Corona-Krise viral ausbreitete, immer weitere Kreise zog und inzwischen Hunderte von Seiten füllt, die von Studierenden in Universitätsseminaren bereits bearbeitet werden. Was ist da eigentlich genau geschehen?

In der Wissenschaft ist Einmütigkeit nicht gefragt, denn dort ist der Dissens ein Produktionsmittel. Unterschiedliche Forschungsrichtungen und Meinungen sind an der Tagesordnung. Ein Beispiel sind die Schriften von Jan Assmann und mir, die auf einmal zum Gegenstand öffentlicher Diffamierung geworden sind. Wie sind die plötzlichen Attacken zu erklären, denen wir von unterschiedlichen Seiten ausgesetzt sind? Die Antwort ist das Gespenst des Antisemitismusvorwurfs, das durch das Land geistert und immer neue Evidenz und Entlarvung verlangt. Es hat zu einer Enthemmung in den sozialen Medien und parallel dazu in den Feuilletons geführt. Es wird heftig gelesen, allerdings nur noch mit dem einen Ziel, die Gegner zu entlarven und symbolisch zu vernichten.

Ein Beispiel. Jeremy Adler, ein Kollege aus London, den wir sehr schätzen und zu dem wir bisher glaubten, ein zivilisiertes und kollegiales Verhältnis zu unterhalten, ist soeben zu einem Totalangriff auf unsere Theorie, unser wissenschaftliches Werk und unsere Texte übergegangen. Der Blitz kam aus heiterem Himmel. Kritik und Verrisse sind wir gewöhnt. Das gehört zum wissenschaftlichen Geschäft. Hier geht es aber plötzlich um etwas ganz anderes, nämlich um eine symbolische Exekution.

Adler wirft uns vor, dass wir uns mit dem Judentum beschäftigen, denn wir beide machen „Grundfehler bei seiner Deutung“. Wir hätten den Satz des Maimonides beherzigen sollen, der davor warnte, „ohne genügend Vorkenntnisse an die Thora heranzugehen“. Dürfen wir uns als Nicht-Juden nicht mit Jüdischem beschäftigen? Unsere Leitsterne für das Thema „kulturelles Gedächtnis“ waren nicht zufällig jüdische Denker wie Michael Walzer mit seinem Buch „Exodus und Revolution“ oder Josef H. Yerushalmi mit seinem Buch „Zachor: Erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis“. Das Judentum erscheint uns als das Paradigma einer Erinnerungskultur überhaupt, denn hier sind die Formen und Funktionen eines kulturellen Gedächtnisses in besonderer Klarheit ausgebildet. Unserer Forschung und dem Begriff des „kulturellen Gedächtnisses“ spricht Adler aber alle Standards der Wissenschaftlichkeit ab. Er sieht darin eine „Totalerklärung“, die sich beliebige Fächer einverleibt und sie dabei „gleichschaltet“: Alles, was gemeinhin „Religion und Mythologie, Philosophie und Wissenschaft, Literatur und Kunst, Ethik und Recht ermöglichten, soll nun das ‚kulturelle Gedächtnis‘ leisten.“ Wir hätten unsere Wissenschaft „im Irrationalen“ gegründet, denn „alles bleibt im Reich der Behauptungen“, „von jeglicher Wirklichkeit loslöst und verselbstständigt“.

Von dieser Fundamentalkritik an unserem Forschungsthema geht Adler über zum Antisemitismusvorwurf. Dafür ist er bei Aleida Assmann fündig geworden. Er sucht sich dabei aus einem längeren Text einige wenige passende Worte zusammen, um daraus eine ungeheuerliche Unterstellung abzuleiten. Zitat Adler: „Für die Juden ist Auschwitz ein Friedhof. Wie kommt Aleida Assmann zu diesem kuriosen Euphemismus für Gaskammern, Öfen und Kamin?“ Hier der Textausschnitt im Original: „‚Der Ort Auschwitz‘, so schreibt Jonathan Webber, ‚ist kein Museum, obwohl er auf den ersten Blick so erscheinen mag, er ist kein Friedhof, obwohl er wesentliche Voraussetzungen dafür hat, er ist kein Touristen-Ort, obwohl er oftmals überquillt von Besucherströmen. Er ist alles in einem. Wir haben keine Kategorie in unserer Sprache, mit der wir ausdrücken könnten, was Auschwitz für ein Ort ist.‘ Die Vielschichtigkeit und Komplexität dieses traumatischen Ortes ergibt sich nicht zuletzt durch die Heterogenität der Erinnerungen und Perspektiven derer, die ihn aufsuchen. Für einige Gruppen ehemaliger Häftlinge, für die der Ort gesättigt ist mit der Erfahrung erlittenen Leids, ist er das konkrete Unterpfand einer gemeinsamen Erfahrung. Für die Überlebenden und ihre Kinder, die hier ihre ermordeten Angehörigen betrauern, ist er vorrangig ein Friedhof. (...)“

Immer ist Verdrehung im Spiel: „Aleida Assmann hat in einem Interview in der Welt zuletzt behauptet, dass sich die Juden während der Schoah nicht darum gekümmert haben, welcher Ideologie sie zum Opfer gefallen waren.“ Hier die Formulierung im Original: „Es ist öfter betont worden, dass es für die Opfer nicht so entscheidend ist, ob die Mörder, die sie umbringen, von dieser oder jener Ideologie geleitet waren. Als Deutsche sind wir Teil der buchstäblich überbordenden Vernichtungsgeschichte des Holocaust und ihrer Folgen.“ Beim expliziten Vorwurf der Holocaust-Leugnung dagegen handelt es sich um ein groteskes Missverständnis. Zitat Adler: „Was soll die irreführende Behauptung, der Holocaust sei jetzt ein globales Ereignis geworden? Durch diese verschwommene Formulierung lenkt Assmann von der Tatsache ab, dass der Massenmord auf deutschem Hoheitsgebiet geschah. Dieser Angriff auf das Verständnis des Judenmords läuft auf eine neue Form der Geschichtsklitterung hinaus, bei der nicht Auschwitz an sich geleugnet wird, sondern eine ganze Kette von Einzelheiten, aus denen Auschwitz besteht. Was ist das, wenn nicht eine graduelle, eine schleichende Form der Holocaust-Leugnung?“ In einem Radiogespräch hatte ich den Titel eines Buches von zwei jüdischen Kollegen genannt: Natan Sznaider und Daniel Levy, „Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust“ (2001).  In diesem Buch argumentieren die Autoren, dass die populären Medien den Holocaust globalisierten, indem sie das Wissen über ihn global verbreitet haben. Der alte Gegensatz zwischen Universalismus und Partikularismus löst sich für sie in dem Maße auf, wie der Holocaust zum universalistischen Maßstab für partikulare Gewalterfahrungen wird. Sie ist also doch ganz sinnvoll, die für die Erinnerungsforschung grundlegende Unterscheidung zwischen Geschichte-als-Ereignis und Geschichte-als-Erinnerung.

Seit es einen Antisemitismus-Beauftragten gibt, ist das Bedürfnis sprunghaft gewachsen, Menschen in Deutschland als Antisemiten zu identifizieren. Allein der Versuch, einen Kollegen gegen diesen Vorwurf zu verteidigen, kann bereits dazu führen, dass die verteidigende Person selbst ins Fadenkreuz des Antisemitismusvorwurfs gerät. Die Strategien dafür sind unerschöpflich. Ein einfacher Vergleich kann bereits den Vorwurf der „Holocaust-Relativierung“ nach sich ziehen. Als 2015 im Bundestag darüber gestritten wurde, ob man den Völkermord an den Armeniern als Genozid anerkennen dürfe, gab es den Vorbehalt, damit die Singularität des Holocaust infrage zu stellen. Was hier überstürzt vergessen wird: In Deutschland ist die Singularität des Holocaust zu Recht als eine gründende Wertbindung des Staats und seiner Gesellschaft durch viele irreversible Schritte inzwischen fest etabliert. Dazu gehören u.a. der Historikerstreit 1986, die gemeinsame Verantwortung für NS-Gedenkstätten im wiedervereinigten Deutschland, die Stockholm-Konferenz der International Holocaust Remembrance Alliance 2000, die Einführung des Jahrestags des 27. Januar als eine verpflichtende nationale Erinnerung 1997 und das Denkmal für die ermordeten Juden Europas 2005. All das sollte plötzlich durch den bloßen Bezug des Holocaust zu einer anderen Gewaltgeschichte ausgehebelt sein? Dann hätte Björn Höcke mit seiner Forderung nach einer „geschichtspolitischen Wende um 180 Grad“ ja wirklich leichtes Spiel.

Die Unsicherheit und das Misstrauen, das sich in diesem Punkt zeigt, geht von einem falschen Modell von Erinnerung aus, dem Nullsummenspiel. Das bedeutet, dass jede Form von Aufmerksamkeit und Zuwendung zu einer anderen Gewaltgeschichte automatisch Energien vom Zentralereignis abzieht und die psychische Investition und symbolische Bedeutung aushöhlt. Hier ist zweierlei zu beachten. Zum einen darf die Fixierung auf die Singularität des Holocaust nicht zum Ausschluss anderer historischer Gewaltgeschichten führen. Sowohl die Opfer der deutschen Besatzungspolitik und des Vernichtungskrieges in ganz Europa als auch die Opfer kolonialer Gewalt haben noch keine Anerkennung im öffentlichen Bewusstsein unserer Gesellschaft gefunden. Zum anderen führt die politische Instrumentalisierung historischer Opfergeschichten notgedrungen zu einem „Krieg der Erinnerungen“ der eine Geschichte gegen die andere ausspielt. Hier hat man längst hinzugelernt und weiß, dass es viele Auswege aus diesem Teufelskreis gibt. Vergleichen und Beziehungen herstellen müssen erlaubt sein, denn sie können umgekehrt den Horizont erweitern und die Erinnerungen gegenseitig stärken. Viele Opfer der Sklaverei und des Kolonialismus beziehen sich auf den Holocaust, um eine Sprache für ihre Erinnerung zu gewinnen und haben damit die Globalisierung des Holocaust als ein Ereignis von universaler Bedeutung gefördert.

Warum wird das Thema jetzt plötzlich so hochgespielt, wo es leider wieder einen massiven und gefährlichen Antisemitismus in diesem Land gibt, die AfD lauthals einen rassistischen Volksbegriff propagiert und rechtsradikale Gewalt in Drohgebärden und Anschlägen zunimmt? Felix Klein hat kürzlich auf einer Pressekonferenz erklärt: „Sie alle wissen vielleicht, dass gerade der Antisemitismus aus dem linksliberalen Milieu auch mir persönlich in den letzten Wochen das Leben durchaus etwas schwerer gemacht hat. Aber auch wenn rechte Erzählungen zurzeit höheres Gewaltpotenzial haben, dürfen wir diesen Bereich nicht unterschätzen.“ Ich kann nur hoffen, dass er darüber den eigentlichen Fokus seiner Arbeit nicht ganz aus dem Blick verliert. Der ist nämlich leider immer noch sehr virulent in diesem Lande.

Genau genommen ist gar nicht der Antisemitismus-Beauftragte für diese neue Entwicklung verantwortlich, sondern sein Instrument, und das ist die eine neue Antisemitismus-Definition. Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) hat kürzlich ihre Definition von Antisemitismus erweitert, indem sie Israel-kritische Haltungen in diese Definition mit einbezogen hat: „Erscheinungsformen von Antisemitismus können sich auch gegen den Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, richten. Allerdings kann Kritik an Israel, die mit der an anderen Ländern vergleichbar ist, nicht als antisemitisch betrachtet werden.“ Der deutsche Bundestag hat diese erweiterte Definition angenommen, dabei jedoch den zweiten Satz gestrichen. Dadurch wird nicht mehr unterschieden, ob diese Kritik das Existenzrecht des Staates Israel betrifft oder die aktuelle Politik der jeweiligen Regierung. Damit ist ein allgemeines Klima des Misstrauens und Verdachts entstanden, das die Arbeit von Intellektuellen und Kulturinstitutionen wie Wissenschaft, Theater und Museen nicht nur erschwert, sondern zum Teil auch blockiert. Zu einem Zeitpunkt, wo man im Begriff ist, die von Europa ausgegangene Gewalt überall auf der Welt zu reflektieren und an der Herstellung bedeutungsvoller globaler Beziehungen zu arbeiten, echauffieren sich deutsche Intellektuelle in solchen Scheinkämpfen. Während Gewalt und Hetze täglich zunehmen und ein solidarisches Vorgehen mehr denn je geboten wäre, provinzialisiert sich Deutschland und schlägt einen neuen Sonderweg ein.

Aleida Assmann, 1947 bei Bielefeld geboren, forscht seit den 90er-Jahren zum Schwerpunkt Kulturanthropologie und kulturelles Gedächtnis. In der Berliner Zeitung vom 3. Mai schrieb sie zum Fall des kamerunischen Philosophen Achille Mbembe.