Es ist leicht, Ricky Langley im Internet zu finden. Auf den Bildern sieht man einen schmalen Mann - die Wendung „halbes Hemd“ kommt einem in den Sinn - mit dunklen Locken, einer dicken Brille und großen, abstehenden Ohren. Die Ohren, liest man an einer Stelle des Buches, von dem hier die Rede sein soll, können auf den Alkoholmissbrauch von Rickys Mutter hinweisen, als sie mit ihm schwanger war. Oder auf die Schmerzmittel, die sie über viele Monate im Krankenhaus bekam. Der Junge war noch nicht gezeugt, als die Familie einen schweren Autounfall hatte. Ein Bruder Rickys kam mit fünf Jahren ums Leben; und obwohl die Eltern das tote Kind nie auch nur erwähnten, fing Ricky irgendwann an, imaginäre Gespräche mit ihm zu führen. Möglicherweise hat er ihn im sechs Jahre alten Jeremy Guillory gesehen, als er diesen 1992 tötete. Aber das weiß nicht einmal Ricky selbst.

Nichts ist sicher, nichts ist oder wird einfach, behauptet Alex Marzano-Lesnevichs im Untertitel etwas hilflos als „autobiografischer Kriminalroman“ bezeichnetes Buch „The Fact of a Body“, deutsch „ Verbrechen und Wahrheit“ . In einem Erzählstrang berichtet die Autorin, wie ihr Großvater sie missbrauchte und ihre Eltern damit umgingen: nämlich gar nicht. (Es erinnert an das Schweigen von Rickys Familie.) Für den anderen Erzählstrang hat die Autorin öffentliche Gerichtsakten, Transkripte, Zeitungsartikel, Fernsehdokumentationen durchgearbeitet, sogar ein Theaterstück über Jeremys Mutter Lorilei, das auf Interviews beruhte. Tausende Seiten. Mit jahrelanger – man möchte es Besessenheit nennen.

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