Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange war von Anfang an ihr eigenes Kapital. Sie führte bewusst das Leben, über das sie schreiben wollte, war schon bei ihrem Erstling „Relax“ mit ihren markanten roten Locken selbst auf dem Cover, aber nicht als Autorin inszeniert, sondern als thematisches Motiv: als eine, um die es geht.

Alexa Hennig von Lange, 1973 in Hannover geboren, katapultierte sich mit „Relax“ 1997 gleich in die Gruppe der damaligen Popliteraten, zu denen auch Sybille Berg, Christian Kracht, Thomas Meinecke oder Benjamin von Stuckrad-Barre gehörten – Autoren, die im Alltagston über ihr Leben und ihr kulturelles Soziotop schrieben, aber nicht tagebuchartig, sondern feuilletonistisch durchgestylt: Zeichen und Bezeichnetes zugleich.

Aus dem Partymädchen mit der Löwenmähne ist Hennig von Lange in der Zwischenzeit zur fünffachen Mutter mit gelegentlicher Hochsteckfrisur geworden und hat dabei nicht aufgehört, an ihrem Leben entlang zu schreiben, sich aus ihrem biografischen Pool von Namen und Umständen zu bedienen und das Ganze doch immer neu zusammenzumixen und weiter zu entwickeln.

Stets gut gelaunte Unterhaltung

Mehrere Jugendbuchreihen sind entstanden, Erwachsenenromane und Sachbücher über Erziehungsfragen. Stets gut gelaunte Unterhaltung, deren, ja!, authentischer Ton überzeugt. Hennig von Lange ist eine Stimmenfängerin, sie lässt Figuren so sprechen (oder denken), dass sie sofort leben. Unter den ehemaligen Popliteraten ist sie inhaltlich die vielleicht am wenigsten Ehrgeizige, aber was soll man dagegen haben? Man liest sie gern.

Ihr neuer Roman heißt „Kampfsterne“ und zoomt in das Leben einer westdeutschen Siedlung im Sommer des Jahres 1985. Das war der Sommer, in dem der große Gefangenenaustausch auf der Glienicker Brücke stattfand, das Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrior“ im Pazifik versenkt wurde, Bob Geldofs „Live Aid“-Benefizkonzerte für Afrika stattfanden, und Boris Becker als erster Deutscher in Wimbledon einen Grand Slam im Einzel gewann.

Aber das Weltgeschehen ist in diesem Buch bloß Hintergrund. Stattdessen geht es um die Familien in der Siedlung und deren Beziehungen untereinander. Da sind Rita und Georg mit ihren Kindern Johannes und Klara, Ulla und Rainer mit Cotsch und Lexchen sowie Joschi, Joschis Mutter und Falk Berenstein, der den Musikunterricht gibt.

Innere Zwangsjacke beim Grillabend

„Wie kann sich das angeblich richtige Leben nur so falsch anfühlen?“, steht auf der Rückseite des kleinformatigen, umschlaglosen Hardcover-Buches, und tatsächlich geht es hier um die inneren Zwangsjacken, die im schönsten dänischen Wohndesign getragen werden und beim Grillabend im gestalteten Garten.

Rita etwa neidet allen alles, solange sie selbst verleugnen muss, wie sehr sie Ulla begehrt. Ulla indessen lässt sich von ihrem Mann schlagen, liebt ihn aber unverbrüchlich weiter. Die zornige Jugendliche Cotsch hatte angeblich schon mit 19 Jungs Sex, bevor sie sich in den nerdigen Johannes verliebt.

Und ihre Schwester, das zarte Lexchen (mit den roten Locken ...), ist mit acht noch so klein wie eine Fünfjährige, schwebt in selbstgenähten Kleidchen durch die Siedlung und glaubt vielleicht als einzige daran, dass man die Menschen lieben muss.

In kurzen und kürzesten Monologen schraffiert Hennig von Lange das Feld des sich in eine Leere hinein etablierten Mittelstands, die Köpfe voll Selbstverwirklichungs- und Freiheitsbegehren, aber die Füße noch fest im selbstbestrafend restriktiven Gesellschaftsbild der westdeutschen Nachkriegszeit.

Der Rum fließt schon nachmittags

Ein Panorama in prägnanten Pixeln, das nicht frei von Klischees und comichaften Zuspitzungen, aber zu knapp gehalten ist, als dass das wirklich störte. In der Siedlung der Kampfsterne fließt der Rum schon nachmittags und keineswegs nur in den Apfelkuchen, da wird getöpfert und gegeigt, kommt es zum Ehebruch, einer Vergewaltigung und schließlich einer Kindesentführung.

„Meine Welt ist weg. Mama. Halt mich“, sagt die achtjährige Klara am Ende, als sie am Abend eines langen und verwirrenden Tages in ihr Zimmer tritt und es fast leer vorfindet. Die Stifte, der Puppenwagen und die „Wurzelkinder“-Bilder an den Wänden – alles hat die Mutter weggepackt, bevor sie selbst die Tür hinter sich zuzog. Nackt im Wind steht die graumausigste der Romanfiguren da in ihrem kleinen Leben und hat im Abgang des Buches auch noch ein Schicksal bekommen.

Ein schnell gelesener Roman, voller Versatzstücke aus früheren Hennig von Lange-Texten und doch konsistent und besonders – und für diejenigen, die 1985 selbst einen westdeutschen Sommer erlebt haben, wie der Geschmack von Madeleines bei Proust: ein Trigger für eine Flut eigener Erinnerung.