Ein Stück Paradiesgärtlein vor den Wohnblöcken von „Otradnoye“ am Stadtrand
Foto: Alexander Gronsky/KVOST

BerlinSonnenbaden am Stadtrand. Mitten im dichten Grün ortet das Kameraauge eine sinnlich schön anzuschauende Bikini-Eva. In der Sprache der Alten Meister ist es vielleicht auch eine Venus, nur ist sie nicht geboren aus dem Meeresschaum und einer Muschel, sondern aus dem üppigen Blattwerk der Büsche und Bäume, die einen nüchternen Neubaublock vom anderen trennen.

Alexander Gronsky erzählt, er habe wegen dieses paradiesischen Motivs auf einem Erdhügel gestanden, wohl dem Aushub für weitere Wohnblocks. Oder für ein Parkhaus. Die natürliche Schönheit des ruhenden fast nackten Frauenkörpers, das intensive, lebendige Grün drumherum bilden einen merkwürdigen, eigensinnigen Kontrast zur eintönigen Fassade des Wohnblocks, wo alles gleich aussieht. Der Sonne tankende Frauenkörper ist geradezu ein stiller Ausbruch aus der Norm, ein Beharren auf Individualität, ein Sich-Ertrotzen eines Stückchens Romantik im funktionalen und zumeist anonymen Alltag, auch am Rande der Stadt.

Privater Freiraum inmitten des Pragmatismus

Der Mensch hat also die Fähigkeit, sich mitten im übermächtigen Pragmatismus seinen privaten Freiraum zu nehmen. Ist ein Foto demnach eine Wertung? Dann, wenn es zeigt, was ist und nicht, was laut gesellschaftlicher, politischer, traditioneller oder kommerzieller Vorgabe zu sein hätte? Vor allem aber ist die Kunst auch der Fotografie auch ein Mittel zum besseren Verständnis der Welt. Alexander Gronsky, knapp vierzig Jahre alt, sagt dazu, er urteile nicht. Er zeige. Ihn interessieren nicht wie in diesem Falle das prosperierende, business-, politik- und kulturgetriebene Zentrum Moskaus, sondern die Ränder. Stadtränder seien ja meist verschrien als öde, trist, gefüllt mit uniformen Neubauquartieren, ergo Beton-Langeweile.

Strandsucher vor Baukulisse von „Dzerzhinskiy“, rechts hinten:   Wall einer Müllhalde
Foto: Alexander Gronsky/ KVOST

Aber in seinem zweiten hier abgebildeten Foto – eine Auswahl aus der die Wände des Berliner Kunstvereins Ost füllenden Serie – erzählt er, wie weitab des urbanen Zentrums zumeist junge Leute mit größter Selbstverständlichkeit und ganz pragmatisch schon eine Utopie aus Stadtrand mit Strand leben. Wasser ist in diesem Motiv noch keins zu sehen. Das kühlende Nass schimmert in drei, vier nächsten Aufnahmen herüber aus einem Baggerteich, der erst noch richtig volllaufen muss, um irgendwann ein Badesee zu werden.

Die Leute indes nehmen die Zukunft schon vorweg, laufen mit Kind und Kegel, Wasserbällen und Schwimmtieren zwischen den Sandkuhlen und dem verheißungsvollen Wasser hin und her. Es scheint sie überhaupt nicht zu stören, dass die künftige Freizeitanlage ebenso wie die Wohnblocks, die Parkhäuser und die davorstehenden Betonpfeiler für ein weiteres Haus so dicht an einer einstigen Müllhalde liegen. Deutlich zu sehen ist der aufgeschüttete Erdwall, dessen Hang noch kaum bewachsen ist und nun für immer bedecken soll, was Generationen von Moskau-Bewohnern so an Unbrauchbar-Gewordenem hinterlassen haben.

Verheißungen in den Sandkuhlen

Gronsky hielt seine Kamera mitten hinein und dicht auf das, was derart „unfertig“ ist. Alles ist erst im Werden: die Bauten, die Grünanlagen, die Infrastruktur für das Naherholungszentrum mit Sanitäreinrichtungen, Restaurants, Spielplätzen. Hier feiert noch der Wildwuchs Urständ, bilden Baugeschehen und fröhliche Alltagsanarchie eine behördlich unkontrollierte Allianz.

Der Fotograf

Alexander Gronsky, geboren 1980 in Tallin, der Hauptstadt Estlands, wuchs dort auf und lebt heute in Moskau. Er arbeitet u.a. für Spiegel, The Sunday Times, Le Monde, Vanity Fair und Ojode Pez und bekam mehrfach internationale Foto-Preise.

Der Kunstverein Ost (KVOST) zeigt Gronskys Serie „Repetition“ bis zum 4. April, Mi–Sa 14–18 Uhr, Leipziger Str. 47/Eingang Jerusalemer Straße. Tel.: 288 75 888, Internet: www.kvost.de

Der Fotograf machte gleichsam filmische Serien von der Verheißung. Schon mit dem Titel „Repetition“ (Wiederholung) lässt er uns wissen, womit wir es zu tun haben: mit einer Situation, die er konkret erlebte, an der Peripherie seiner Wahlheimat Moskau. Doch könnte es auch sonst wo sein, an irgendeinem Großstadtrand, wo Urbanes die Landschaft völlig verändert, wo die gentrifizierten Zentren keine Bewohner mehr aufnehmen weil das Wohnen zu teuer oder fürs Familiäre unmöglich geworden ist.

Gronsky ist der Sohn russischer Eltern aus Tallin. Schon dort interessierte ihn der Alltag in den Satellitenstädten der estnischen Hauptstadt. Und er fotografierte die „Ränder“ der sich ausdehnenden Metropolen wie London, New York, Amsterdam, Riga, Tokio. Berlin war bislang nicht dabei. Marzahn und Hellersdorf wurden erbaut, als Gronsky noch Kind war. Die allegorische Kraft seiner Bilder aber ist universell.