Kein guter Trip, den Lilith Stangenberg als Orphea durchmacht!
Foto Berlinale/Rapid Eye Movies

Berlin - Orpheus wurde einst doppelt bestraft. Zunächst misslang ihm die Rettung seiner Geliebten Eurydike aus dem Totenreich. Kurz vor der Schwelle des Hades drehte er sich nach ihr um und verlor sie für immer. Dann wurde er von den rasenden Mänaden zerrissen, sein Kopf rollte bis zum Schwarzen Meer, immerzu singend, während seine Harfe in den Himmel aufstieg, wo sie heute noch als Sternbild Lyra prangt. Heiner Müller hat darüber ein Gedicht geschrieben.

Alexander Kluge arbeitete oft mit Müller zusammen. Legendär ihre Gespräche im DCTP-Fernsehstudio, bei denen sie einander die Bälle zuwarfen und sich zu brillanten Assoziationsketten verstiegen. Kluge hatte damals das Filmemachen zugunsten dieses Sendeformats aufgegeben. Sein vorerst letzter Kinofilm trug 1985 den programmatischen Titel „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Mit seiner Rückkehr zur Leinwand dreht er dieses Diktum jetzt um oder fügt eine dialektische Spiegelung hinzu. In „Orphea“ geht es um die Rettung der Toten.

Ewiges Leben dank Biokosmismus

Wir erfahren, dass es während der Oktoberrevolution mit den „Biokosmisten“ eine Bewegung gab, die im eigentlichen Ziel des Kommunismus die Erlangung der Unsterblichkeit und die Erweckung der Toten sah. Die gestalterische Grundidee seines Films über dieses Unterfangen besteht in der Gender-Umkehrung des antiken Mythos, diesmal sucht Orphea (Lilith Stangenberg) ihren Euridikos im Totenreich.

Als Schauplatz des Hades dient Manila, die Heimat von Co-Regisseur Khavn De La Cruz, seines Zeichens hyperproduktiver Allround-Künstler mit Kultstatus. Wenn Orphea durch das urbane südostasiatische Chaos tapst, erinnert sie weniger an eine „umgepolte“ antike Göttin aus der Antike als an eine europäische Alice auf ganz schlechtem Trip.

Gordischer Knoten, festgezogen

Eine Handlung gibt es nicht. Die Suche der Heldin führt als Pfad durch ein turbulentes Nummernprogramm aus Videoclips, Stop-Motion-Animationen, statuarischen Gesangseinlagen und Rezitationen sowie von Gesprächen, Schrifttafeln und diskursiven Einsprengseln. Sir Henry von der Volksbühne begleitet Orphea/Stangenberg zu der im Nachlass von Adorno aufgefundener Komposition „Rüsselmammuts Heimkehr“.

Stepptänze auf Elektronikmüll finden statt, Voodoo-Rituale, Exorzismen, Heavy-Metal-Exzesse und Low-Fidelity-Tändeleien. Nie sieht man Kluge, hört aber hin und wieder seine intervenierende Stimme aus dem Off. Der mittlerweile 88-jährige Medienpionier hat sich einer erfolgreichen Frischzellenkur unterzogen. Und fast nebenbei versucht er sich noch an einer Fusion von Experimental- und Kinospielfilm. Als geschulter Dialektiker weiß er, dass das nicht funktionieren kann. „Zerhaun kann den Gordischen Knoten nur der, der nichts gelernt hat.“ – wie es bei seinem Freund Heiner Müller heißt.