Alexander Melnikov im Pierre-Boulez-Saal: Pianist spielt auf vier verschiedenen Tasten-Instrumenten

Am Donnerstag beginnt die Berlinale, und das Musikleben scheint sich zurückzuziehen, beleidigt darüber, dass nun elf Tage lang alle Aufmerksamkeit der Filmkunst gilt. Wer jetzt noch durchdringen will, darf nicht auf den sinfonischen Normalfall setzen, sondern muss Extremes unternehmen.

So wie der Pianist und Klaviersammler Alexander Melnikov, der am Freitag im Pierre-Boulez-Saal ein Konzert auf fünf verschiedenen Tasteninstrumenten aus seiner Sammlung spielt. Entsprechend erstreckt sich sein Programm über 250 Jahre, von Johann Sebastian Bachs „Chromatischer Fantasie und Fuge“ bis zu Alfred Schnittkes „Improvisation und Fuge“, also beginnt er auf dem Cembalo und endet auf dem modernen Steinway. Mit Carl Philipp Emanuel Bach und Mozart kommen die ersten Hammerklaviere von Silbermann und Stein zum Einsatz, dann geht es mit Mendelssohn, Chopin und Skrjabin Richtung moderner Flügel mit filzbelegten Hämmern, Repetitionsmechanik und Stahlrahmen.

Melnikov hat bereits auf einer CD Schubert, Chopin, späten Liszt und Strawinsky auf den jeweils passenden Instrumenten gespielt. Im Konzert jedoch ist der permanente Wechsel noch ein ganz anderer Ritt, vom Cembalo übers Wiener Hammerklavier über Pleyel bis hin zum Steinway ändern sich die Mechaniken, aber auch die Tastenbreiten, die Klangerzeugung bedarf immer einer etwas anderen Technik, und dann steigt auch noch die Gefahr des Verspielens. Die Idee des korrekten Instruments ist ein wenig beflissen – aber zunächst einmal achten wir Melnikovs Kampfgeist, der ja auch seine kompositionsgeschichtlich informative Seite hat, nennen sich doch fast alle Stücke des Programms „Fantasie“; wie es sich bei einem solchen Titel gehört, verstand jeder Komponist etwas anderes darunter, der bedeutendste Bach-Sohn eine Selbstaussprache, Mozart ein kühn an vertrauten Tonartenverhältnissen vorbei konstruiertes harmonisches Labyrinth, Chopin ein feuriges National-Epos.

Chöre und Orchester der Humboldt-Universität spielen Mahlers Achte

Ins Extrem gehen auch Chöre und Orchester der Humboldt-Universität, wenn sie Mahlers Achte aufführen. Der Reklamename „Sinfonie der Tausend“ weist die Richtung: Hier wird alles aktiviert, was ein Instrument halten oder einen geraden Ton singen kann, alle Ensembles der Universität, Studentische Philharmonie, Symphonisches Orchester, Humboldts Philharmonischer Chor und der Chor der HU kommen zum Einsatz, dazu zwei Kinderchöre.

Halt, das war zu flapsig, diese Ensembles sind keineswegs zu belächeln, sondern in ihrer Leistungsfähigkeit erstaunlich und in jedem Falle der Beachtung wert, und das müssen sie auch sein. Die Achte ist zwar nicht Mahlers schwierigste Symphonie, aber sie will erstmal gespielt und gesungen sein, und Constantin Alex, seit 1993 Universitätsmusikdirektor der HU, verfügt über ein waches Qualitätsbewusstsein und weiß, was er seinen Ensembles zutrauen kann. Schwieriger ist es, dieses Stück ernstzunehmen mit seiner großspurigen Kopplung eines mittelalterlichen Pfingsthymnus und der Schlussszene aus Faust II. Wenige Jahre nach Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ versucht Mahler noch einmal, die christliche Liebe zu verherrlichen und die Frau zur Erlöserin des Mannes zu bestimmen – die Widmungsträgerin Alma, seine Ehefrau, hörte nicht auf Chöre, Orgel und Glocken und legte sich bald nach Entstehung lieber zu Walter Gropius ins Bett. Naja, den Versuch war’s wert…

Avital & The Knights im Konzerthaus am Gendarmenmarkt

Es ist schon eine Weile her, dass der Cellist Jan Vogler das New Yorker Kammerorchester „The Knights“ in Berlin vorstellte. Der Abend hinterließ gemischte Gefühle; zwar beeindruckten die Musiker durch die Selbstverständlichkeit, mit der sie Schubert, Glass und Hendrix mischten – aber zugleich wirkte der Auftritt gröber als nötig.

Wie soll das jetzt zusammengehen mit Avi Avital, der unter anderem Bachs großes d-Moll-Cembalokonzert für seine Mandoline bearbeitet hat. Das ist kein leisetretendes Stück – wie will Avital dessen Ausdrucksgröße auf seinem zirpenden Instrument wiedergeben, zur Begleitung der hemdsärmligen Knights, und dann auch noch im Großen Saal des Konzerthauses? Ein Wagnis, das ebenfalls die Bezeichnung „extrem“ verdient.