Alexander Osang hat als erster Journalist nach dem Amtsende von Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Gespräch mit ihr geführt. Dabei ging es vor allem um Russlands Krieg in der Ukraine. Wir haben am Tag danach mit Osang über seine Eindrücke gesprochen.

Herr Osang, wie geht es Ihnen nach dem Gespräch mit Angela Merkel?

Ich bin, ehrlich gesagt, ganz froh, dass es jetzt vorbei ist. Der Abend erscheint mir gerade ziemlich unwirklich. Ist alles an mir vorbeigerauscht. Ich bin erleichtert.

Ist das Gespräch so gelaufen, wie Sie es erwartet hatten?

Als mich der Aufbau-Verlag vor drei Wochen gefragt hat, ob ich dieses Gespräch machen will, ging es noch um einen Theaterabend. Das habe ich im Griff, dachte ich. Ich bin ja kein Fernsehmann und will auch gar keiner sein. Es wurde dann aber immer größer. Jede Menge Journalisten, Fernsehübertragung, live! Diese Dinge haben doch mehr Wucht und Licht reingebracht, als ich wollte. Es ging dann aber. Ich hätte sogar gerne noch ein bisschen länger geredet.

Aber unsere Zeit war um, als ich gerade die Hälfte meiner Fragen gestellt hatte. Ich habe so was, wie gesagt, zum allerersten Mal gemacht. Dafür war es dann am Ende eigentlich ganz gut, fand ich. Wir sind ins Gespräch gekommen, es war nicht diese Abfragerei. Drinnen, im Theater jedenfalls, hat es funktioniert, glaube ich. Der Intendant vom Berliner Ensemble hat mir anschließend gesagt, wir hatten eine sehr gute Chemie. Ich weiß nicht, ob man das als Reporter vom Spiegel als Kompliment auffassen sollte. Mache ich aber jetzt mal.

Wie haben Sie Angela Merkel empfunden an dem Abend?

Es war auch für sie neu. Ich habe sie normalerweise in Räumen erlebt, die sie relativ kontrollieren konnte. Die Gespräche fanden im Kanzleramt statt, in ihrer vertrauten Umgebung. Sie war die Gastgeberin. Ich habe sie aber auch schon mal vor langer Zeit in einem ICE interviewt. Man hat schon gemerkt, dass das Berliner Ensemble nicht ihre Umgebung war. Und man hat gemerkt, dass sie lange nicht öffentlich gesprochen hat.

Das waren gute Bedingungen für ein Gespräch, muss ich sagen. Dieser Verlust von institutioneller Autorität. Wir haben uns erst kurz vor dem Gespräch getroffen, zum ersten Mal nach ihrem Amtsende, fünf Minuten vor dem Start der Diskussion. Ich habe anfangs einen Text von mir über Angela Merkel vorgelesen, sie hat hinterm Vorhang auf ihren Auftritt gewartet. Klaglos, aber doch irgendwie irritiert. Das war alles schön rumpelig, hat mir gut gefallen. Aber natürlich hat Angela Merkel im Laufe des Abends begriffen, dass die Leute ihretwegen gekommen sind, dass es eine Art Heimspiel war. Sie konnte dann auch die Sachen sagen, die sie sich vorgenommen hatte zu sagen, glaube ich. Und ich hab sie ausreden lassen. Es war nicht gedacht als Reporterinterview, sondern als Theatergespräch.

Gab es etwas, das Sie überrascht hat? Eine Antwort? Eine Geste?

Es gab ein paar kleine Sachen. Etwa ihre Antwort auf die Frage nach ihren Zitteranfällen. Diese Frage habe ich relativ früh gestellt und befürchtet, dass sie sagt, dass sie darüber nicht reden will. Hat sie aber. Auch als ich sie mit den Fragen konfrontierte, die mir Andrij Melnyk, der ukrainische Botschafter in Berlin, am Morgen geschickt hatte, hat sie relativ gelassen reagiert. Sie war nicht eingeschnappt, sondern hat versucht, darauf zu reagieren. Interessant fand ich ihre Antwort auf den Vorwurf, sie sei nach Florenz gefahren und nicht nach Butscha. Sie hat sofort eine Argumentationslinie geliefert, bis hin zur Renaissance. Dabei war sie nur ein paar Tage im Italienurlaub. Darf sie das? Jetzt schon?

Was mich eigentlich interessiert hat als Reporter: Wie geht jemand mit dem Machtverlust um, der 16 Jahre lang einer der mächtigsten Menschen der Welt war? Plötzlich spaziert sie im Winter an der Ostsee entlang und hört Macbeth als Audiobook. Wie streift man den Macht-Mantel ab? Darum ging es mir. Bestimmt haben die Leute auf etwas anderes gewartet. Jeder auf was Verschiedenes. Aber ich war nun mal der Host.

Gab es vorher Tabus, Absprachen?

Nein, gar nichts. Es gab diese Zeit, die wir einhalten sollten. Die 90 Minuten. Das war alles.

Welche Frage hätten Sie gerne noch gestellt?

Ich hatte noch einen dicken Ostblock vorbereitet. Wir waren in diesem Ost-Theater, der Verlag kommt aus dem Osten, wir sind beide Ostler. Ich hätte gerne über die Rede gesprochen, die sie am 3. Oktober 2021 gehalten hat, zum 31. Jahrestag der Deutschen Einheit, zum Zustand dieser Einheit, über sie als Ostdeutsche. In dieser Rede war eine Verletzlichkeit spürbar, auch Verletzungen, die ihr zugefügt wurden, über die sie selten geredet hat. Eigentlich nur am Anfang ihrer Karriere.

Ich habe mir ein altes Interview von ihr aus dem Jahr 1991 angesehen, da war sie noch ganz klar Ostlerin. Vielleicht hat sie das als Schwäche empfunden. Könnte ich verstehen. Ich hatte den Eindruck, dass sie im Laufe ihrer Karriere ein wenig heimatlos wurde. Darüber hätte ich gerne noch gesprochen. Ich hätte gerne noch gefragt: Wie viel kann man seinem Volk eigentlich zumuten?

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel im Gespräch mit Alexander Osang im Berliner Ensamble.

Waren Sie überrascht, dass Angela Merkel Sie als Gesprächspartner ausgewählt hat?

Ich glaube, es war eher der Aufbau Verlag, der mich ausgewählt hat. Aber sie hat mitgemacht. Ein bisschen hat es mich schon überrascht, weil sie in den letzten Jahren nicht mehr mit mir reden wollte, mit mir als Spiegel-Reporter.

Sie waren ja noch abends essen. Wie war das Private?

So richtig privat wird es nie. Es gibt eigentlich keinen nichtöffentlichen Teil, wenn man mit Angela Merkel in Berlin weggeht. Wir haben weiterhin über den Krieg geredet. Also vor allem sie. Ich war ziemlich ausgepowert. Sie wurde immer munterer.

Mein Eindruck war, die ersten 30 Minuten war Angela Merkel sehr angespannt. Danach wirkte sie gelöster.

Ich mochte am Anfang das Verstörende. Sie hat lange nicht mehr geredet. Sie hatte mit Fragen zum Krieg gerechnet, aber ich fing ja mit privaten Dingen an, mit Spaziergängen am Strand an der Ostsee.

Haben Sie den Eindruck, wegen Ihrer ostdeutschen Herkunft Merkel besser zu verstehen?

Bei einigen Sachen schon, da hilft es. Das Misstrauen, das sie hat, das kenne ich von mir auch. Wo sagt man was? Das war eine Schlüsselerfahrung im Osten. Für verschiedene soziale Bereiche hatte man verschiedene Sprachen. Gerade wenn man in einem Pastorenhaushalt groß wird, wie sie. Ich war ja Ministrant in der katholischen Kirche. Ich versteh das schon, glaube ich. Man lernte früh, dass man in der Kirchengemeinde anders redete als in der Schule. Und dann gibt es einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund. Das sind manchmal Wörter. Dann hat mich Merkel gefragt, ob ich gedient habe.

Habe ich, sagte ich, ich war Gefreiter bei der NVA. Nationale Volksarmee klingt natürlich heute seltsam, barbarisch. Vor 30 Jahren hatte es einen alltäglicheren Klang. Das hilft. Es gibt ein Grundverständnis. Aber das sind nur Kleinigkeiten. Wir sind beide im Osten geboren, haben aber ganz unterschiedliche Leben gelebt. Auch die Ostler sind ja nicht alle gleich.

Vielen Dank für das Gespräch.