Das erwachende Interesse an Kolonialismus und Sklaverei führt zur Wiederentdeckung eines 1843 erst erschienenen Romans, der bestens geeignet ist, die heute eindimensional und oft ahistorisch geführten Debatten zu bereichern. Ein zeitgenössisches Buch kommt da wie gerufen. „Georges“ ist das Frühwerk keines Geringeren als Alexandre Dumas, Großmeister der Mantel-und-Degen-Geschichten, Schöpfer der „Drei Musketiere“ und des „Grafen von Monte Christo“. Auch in seinem Erstling „Georges“ sind schon alle Erfolgselemente versammelt: Leidenschaft, Ehre, Treue, Liebe, Pferde, Duelle, heißes Blut und kalter Hass. Man liest einen hochpolitischen Abenteuerroman, der vom Kampf gegen die maximale Demütigung durch blanken Rassismus in der gehobenen Gesellschaft der zunächst französischen, dann britischen Kolonie Mauritius berichtet.

Der Clou an der Geschichte: Alexandre Dumas darf in diesem Fall als wahrhafter Zeitzeuge gelten, denn er hat mit „Georges“ im Grunde die Geschichte seiner Familie und seine eigene – in aller literarischen Freiheit – nachgezeichnet. Der französische Nationalheilige Dumas war der Enkel eines in Saint Domingue, dem heutigen Haiti, lebenden französischen Adligen und einer afrikanischen Sklavin. Der erste Spross dieser Beziehung wuchs mit bester Bildung auf, kämpfte als General in Napoleons Armee – erlebte Ruhm wie Beleidigungen. Dessen Sohn, Alexandre Dumas, war trotz eigener Diskriminierungserfahrungen zeitlebens stolz auf seine Herkunft. Seine Fangemeinde interessierte sich wenig für diesen besonderen biografischen Hintergrund.

Die vom Comino-Verlag besorgte Neuauflage des Romans „Georges“ kann das ändern. Sie übernimmt die im Wesentlichen unveränderte Übersetzung von 1890 und lässt dem Text alle seine originalen Worte und Wertungen, die für das historische Verständnis der differenzierten kolonial-rassistischen Gesellschaft notwendig sind. Empfindsame mögen sich also auf allerlei Pfui-Wörter gefasst machen.

Der Held der Geschichte, Georges Munier, ist ein hellhäutiger, fast weißer Mulatte, geboren als Sohn eines überaus reichen Plantagenbesitzers und Sklavenhalters mit adeligem Namen. Sein dunkelhäutiger Vater entstammt der Beziehung eines französischen Adligen und einer schwarzen Frau. Weder Reichtum noch Bildung noch das Äußere heben in der feinen Gesellschaft den Makel der Herkunft mütterlicherseits auf. Auf Mauritius herrscht das rassistische Vorurteil mit aller Selbstverständlichkeit.

Georges erlebt als Kind schwerste Demütigung durch einen adeligen, weißen Altersgefährten. Das Duell ihres Lebens tragen die beiden als erwachsene Männer mit allen denkbaren Waffen aus: als Rivalen um die schönste Frau der exotischen Insel, im Pferderennen oder als Anführer Bewaffneter – aufständischer schwarzer Sklaven der eine, Verteidiger des kolonialen Regimes der andere. Um die Klassenfrage kümmert sich der Roman nicht, ihn interessiert allein der Rassendünkel. Der Feind des Helden ist das erniedrigende Vorurteil. Alexandre Dumas hat nicht das geringste Problem, schwarze Sklaven einerseits als edelmütige, tapfere Leute darzustellen wie auch als dumme, leicht zu manipulierende Masse, die beim Anblick von Schnapsfässern kollektiv den Verstand verliert und ohne einen hellhäutigen Anführer verloren ist. Doch auch dieser bleibt nicht ohne Fehl: Eitelkeit, Hochmut und Mangel an Verantwortungsbewusstsein lassen ihn immer wieder straucheln.

Den historischen Hintergrund zum Weltgeschehen, zur Geschichte der Familie Dumas und des Ersterscheinens des Romans liefert Herausgeber Peter Hillebrand in einem überaus kundigen Vorwort, das allein schon Bildungsgewinn bringt. Was weiß man denn über die Rolle von Chinesen („die Juden der Kolonie“) oder Malaien in der prototypischen Kolonie Mauritius im Indischen Ozean oder den wohl unterschiedenen „Wert“ von Sklaven aus Westafrika oder der afrikanischen Ostküste? Wie hat man einzuordnen, dass der Bruder des Protagonisten als internationaler Sklavenhändler zu Reichtum kam – und das, obwohl er seine menschliche Ware „menschlich“ behandelte? Im Roman erzählt Dumas, der Sklavenhändler habe den Sklaven Stroh als Schlafunterlage gegönnt und Familien möglichst zusammen verkauft.

Hillebrand zeigt auch, was die Protagonisten von „Georges“, Dumas selber und dessen berühmte Geschöpfe wie d’Artagnan miteinander verbindet, was der moderne Film „Django Unchained“ mit ihnen zu tun hat und wie ein französischer Präsident über das Rassismus-Opfer Alexandre Dumas sprach.

Dem Romantext zur Seite gestellt sind mehr als hundert Fußnoten, die versunkene Begriffe oder historische Details erläutern und leichter zum vollen Textverständnis führen und „George“ zum echten Gewinn machen. Erstaunlich, wie ein solcher, in der Form eigentlich aus der Zeit gefallener Roman heute seine eigene Wirkung entfaltet.

Alexandre Dumas: Georges. Roman. Aus dem Französischen von Friedrich Ramhorst, Hrsg.: Peter Hillebrand. Comino Verlag, Berlin, 2020. 228 Seiten, 9,90 Euro.