Szene aus dem Film Für Sama.
Foto: ITN Productions

BerlinBerlin gilt weltweit als jene Metropole mit den meisten Filmfestivals überhaupt. Nach der Sommerpause läuft normalerweise die Saison zu Höchstleistungen hoch. Nun trifft die Pandemie einige Festivals gleich doppelt: denn mehrere Veranstalter, die voller Optimismus ihre ursprünglich im vergangenen Frühjahr geplanten Ausgaben auf den Spätsommer verlegt hatten, müssen sich mit den noch immer „virulenten“ Einschränkungen arrangieren.

Ausgerechnet mit seiner 15. Ausgabe erwischte es zum Beispiel Film Polska, das alljährlich die aufregendsten Neuproduktionen der (trotz innenpolitischer Eiszeit) sehr kreativen polnischen Filmszene präsentiert. Es hätte bereits im April stattfinden sollen. Nach der von den liberalen Kräften im Mai knapp verlorenen Präsidentschaftswahl wirken einige Beiträge wie bittere Menetekel. Der Eröffnungsfilm „Corpus Christi“ von Jan Komasa etwa entwirft eine groteske Parabel auf die Doppelmoral der katholischen Kirche als wichtigste Stütze der Gesellschaft und verweist auf die fließenden Grenzen zwischen Transzendenz und Hochstapelei.

Im Dokumentarfilm „In Touch“ von Pawel Ziemilski wird auf hintergründige, höchst artifizielle Weise der anhaltend hohen Arbeitsemigration nachgegangen. Warum sind aus einem unscheinbaren Dorf in den Masuren fast ein Drittel aller Einwohner ausgerechnet nach Island ausgewandert? Ein historisches Sonderprogramm beschäftigt sich mit dem Erbe der vor 40 Jahren in Danzig (Gdansk) gegründeten, ersten unabhängigen Gewerkschaft des Ostblocks. Was ist von ihrem Mythos übrig geblieben? Wie besteht die kollektive Erinnerung gegenüber den aktuellen Neuinterpretationen durch die dominierenden politischen Kräfte? Hier gibt es viele Leerstellen auszufüllen. So setzen Marta Dzido und Piotr Sliwowski mit ihrer Dokumentation „Die Frauen der Solidarnosc“ endlich den weiblichen Energien ein Denkmal, die ab 1980 zum europäischen Zeitenwechsel beigetragen haben.

Auch das Festival Alfilm, das sich seit 2009 dem Nahen Osten widmet, musste im April abgesagt werden. Statt in einer kompakten Woche wird sein Programm jetzt über den gesamten September verteilt als „Nomad Edition“. Es „reist mit leichterem Gepäck von Spielort zu Spielort“, wie es in einem Statement heißt. Konsequenterweise gibt es zwei Eröffnungsfilme. „You Will Die at 20“ von Amjad Abu Alala aus dem Sudan erzählt in teils traumhaften Bilderwelten von der Flucht vor einem Fluch, der dem jugendlichen Helden Muzamil seinen frühzeitigen Tod prophezeit hat. Als zweite Ouvertüre wird „Für Sama“ gezeigt – der schon jetzt als eines der wichtigsten Ereignisse dieses merkwürdigen Kinojahrs 2020 feststeht. Waad al-Kateabs Debüt erinnert uns anhand eines mitten ins Kriegschaos von Aleppo hineingestoßenen Neugeborenen an die Unerbittlichkeit einer Gegenwart, die im Windschatten von Corona völlig vom medialen Interesse vergessen worden zu sein scheint.

15. Film Polska in diversen Kinos, noch bis zum 2. September

11. Alfilm Arabisches Filmfestival, diverse Kinos, bis zum 29. September