Alfred Bauer beim Berlinale-Tanz mit der französischen Schauspielerin Magali Noël
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Berlin - In dem Jahr 1986, in dem Alfred Bauer, der langjährige Leiter der Berliner Filmfestspiele,  starb, erhielt Reinhard Hauffs „Stammheim“ den Goldenen Bären als bester Film. 

„Stammheim“ ist eine beklemmende, in dokumentarischer Dichte erzählte Rekonstruktion des 1975 bis 1977 in der zum Hochsicherheitsgefängnis ausgebauten Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim stattfindenden Prozesses gegen die Führungsriege der sogenannten Baader-Meinhof-Gruppe. Nach dem Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Stefan Aust schildert Hauff in seinem Film in penibler Kleinteiligkeit den Ablauf des Gerichtsgeschehens gegen die als Terroristen angeklagten Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe.

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Vom NS-Terror zu Stammheim

Das Werk spaltete nicht nur das Publikum, sondern auch die Jury, schließlich wurde der Berlinale-Preis gegen das ausdrückliche Votum der Jury-Vorsitzenden Gina Lollobrigida vergeben. Das widersprüchliche Urteil über den Film ist auf die sich nicht auflösenden Ambivalenzen und Deutungsmöglichkeiten zurückzuführen.

Ohne sich festzulegen, zeigt Hauff, wie die Angeklagten, deren mörderischer Polit-Aktivismus die westdeutsche Gesellschaft mehr als ein Jahrzehnt lang in Atem hielt, ihren verbissenen Kampf gegen den deutschen Staat in den Gerichtssaal trugen.

Die Erinnerung an die zeitliche Koinzidenz von Reinhard Hauffs Film und dem Tod Alfred Bauers, dessen lange vernachlässigte Verstrickung in den nationalsozialistischen Machtapparat nun erneut erforscht werden soll und muss, macht zumindest deutlich, dass die Generation der 68er, zu der Hauff gehört und der bis heute das historische Verdienst zugeschrieben wird, das Fortleben von NS-Ideologie und -Karrieren in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft kompromisslos zum Thema gemacht zu haben, Mitte der 80er-Jahre mit ihren eigenen Dämonen befasst war. Die politische Auseinandersetzung mit den Tätern von gestern hatte auf fatale Weise neue Täter hervorgebracht und das Generationenprojekt ad absurdum geführt.

Tanzen mit den Stars

Was heute an der Affäre Alfred Bauer verblüfft, ist die zeitgenössische Arglosigkeit, in der man um Bauers maßgebliche Mitarbeit in Joseph Goebbels Reichsfilmintendanz durchaus wusste oder doch hätte wissen können, und ihm gleichzeitig als geschätzten Filmfunktionär huldigte. Länger als jeder seiner Nachfolger hat Alfred Bauer die Leitlinien der Berlinale von 1951 bis 1976 bestimmt, ohne dass sein Wirken jemals kritisch mit seiner fragwürdigen Biografie in Verbindung gebracht worden wäre. Während Bauer sich im Glanz von Stars wie Sophia Loren, Claudia Cardinale und Shirley MacLaine auf dem roten Teppich und vor den Kameras sonnte, tauchte seine politische Vergangenheit allenfalls in den Fußnoten von Filmhistorikern auf.

Die nun als Entdeckung zitierte Einschätzung aus einem NS-Dokument, das Bauer als „eifrigen SA-Mann“ ausweist, war bereits 1973 in Wolfgang Beckers Buch „Film und Herrschaft“ aufgeführt, ohne dass dies weitere Nachforschungen ausgelöst hätte. Als Rainer Rother, der künstlerische Direktor der Deutschen Kinemathek, am vergangenen Wochenende in einem Rundfunk-Interview den Vorschlag unterbreitete, den Fall Alfred Bauers im erweiterten Kontext deutscher Karrieren der Nachkriegszeit zu betrachten, wurde ihm sogleich unterstellt, damit von den Versäumnissen auch von der Kinemathek beschäftigter Filmhistoriker abzulenken. Und tatsächlich vermag man sich eines gesteigerten Unbehagens bei der Vorstellung kaum zu erwehren, dass etwa der Filmproduzent Artur Brauner, der sich als jüdischer Verfolgter des NS-Regimes geschworen hatte, die Verbrechen der Nazis in seinen Filmen zum Thema zu machen, bei Berlinale-Empfängen auf einen emsigen Adjutanten der NS-Filmpolitik traf, der sich nun als moderner Schöngeist gerierte.

„Müssen wir nicht die Person Alfred Bauer in den Kontext der Karrieristen stellen, die nach dem Nationalsozialismus auch in anderen Bereichen ihre Karriere fortsetzten?“

Rainer Rother, künstlerischer Leiter der Stiftung Deutsche Kinemathek

Es mag viel mit Bauers Geschick und Raffinesse zu tun haben, dass seine Lebenslüge und Camouflage zahlreiche Abnehmer fand, darunter eben auch viele 68er, die einiges auf ihr unbestechliches Geschichtsverständnis hielten. In der Chronik zur 50. Berlinale im Jahr 2000 ist ein Foto abgebildet, das, Ende der 70er-Jahre aufgenommen, einen längst beruhigten Generationenkonflikt auf anschauliche Weise zelebriert.

In fröhlicher Runde ist Alfred Bauer dort mit den Berlinale-Granden vereint, darunter Wolf Donner, der 1977 auf Bauer folgte, gemeinsam mit Moritz de Hadeln und Ulrich Gregor, der das Forum des Internationalen jungen Films zu Beginn der 70er-Jahre ganz ausdrücklich als ambitioniertes Gegenfestival zum Hauptgramm der Filmfestspiele aufgefasst hatte und es später darin als eigene Sektion aufgehen ließ. Man gefiel sich sichtlich darin, sich ganz hübsch mit der Berlinale, die ihren Charakter im Verlauf der Jahrzehnte gerade auch in politischer Hinsicht mehrfach gewandelt hatte, eingerichtet zu haben.

Beachtliche Anpassungsleistung

Zweifellos kam der beachtlichen Anpassungsleistung eines Alfred Bauer seit den 80er-Jahren auch eine Atmosphäre der historischen Entspannung zu Gute, in der es nicht zuletzt einer jüngeren Generation von Filmexperten opportun erschien, sich anerkennend mit der Filmästhetik von Hitlers Regisseurin Leni Riefenstahl zu befassen, ohne deren intrigante Macht- und Karrierepolitik während der NS-Zeit deswegen außer Acht zu lassen. Souveränes Darüberstehen schien die angemessene Haltung eines kühlen zweiten Blicks zu sein, der für sich in Anspruch nahm, ein nüchtern-unideologisches Gesamtbild zu präsentieren. Die Mörder waren ja nicht mehr, wie Wolfgang Staudtes Film von 1946 es ins kollektive Bewusstsein gehämmert hatte, „unter uns“.

Wie die Affäre um die Person Alfred Bauers nun zeigt, ging diese Einschätzung auch mit Selbsttäuschungen einher. Als Bauer 1986 im Alter von 75 Jahren starb, galt er ja keinesfalls als Übriggebliebener seiner Zeit, sondern als einer mit Gründergeist. Als Besucher der Berlinale seit den frühen 80er-Jahren und vorübergehend als Mitarbeiter in der Katalogredaktion der Berlinale räume ich ein, mich wie vermutlich viele Kollegen nie hinreichend mit deren Vorgeschichte befasst zu haben, obwohl institutionelle Verstrickungsgeschichten und deren quälend lange Verschleierung in fast allen gesellschaftlichen Bereichen zum Vorschein kamen. Als Beispiele mögen hier die Lebensgeschichten des Fußballnationaltrainers Sepp Herberger, des Literaturwissenschaftlers Hans Robert Jauß oder auch des Künstlers Emil Nolde genügen, die trotz der vermeintlichen Gewissheit, das Meiste bereits aufgearbeitet zu haben, immer wieder neue Irritationen auszulösen vermochten.

Wie sehr der Fall Alfred Bauer auch das Ergebnis einer institutionellen Selbstgefälligkeit war, werden nun die weiteren Forschungen zu Tage fördern. Aber bereits jetzt geht ganz deutlich daraus hervor, dass die nationalsozialistische Schuld nicht allein die Angelegenheit derer ist, die sie als Zeitzeugen erlebt haben. Wir haben noch immer nur ein sehr grobes Bild vom Übergang der vom Nationalsozialismus durchdrungenen Gesellschaft in die beiden deutschen Nachfolgestaaten. Verfeinerungen sind dringend geboten.