Alfred Bauer bei der Berlinale 1978 mit Claudia Cardinale
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BerlinIn ihrem Jubiläumsjahr wird die Berlinale von den  langen Schatten der Vergangenheit eingeholt. Eigentlich war für den 24. Februar eine Buchpräsentation angekündigt, in der die Deutsche Kinemathek  die Broschüre „Alfred Bauer – Die Grundlagen der Internationalen Filmfestspiele Berlin“ vorstellen wollte. Am Mittwoch wurde der Termin gestrichen. Kurz darauf verkündete die Leitung der 70. Berlinale, den seit 1987 vergebenen Alfred-Bauer-Preis   „abzusetzen“ – was wohl auf eine Umbenennung hinauslaufen wird.

Der Preis ist die nach dem Goldenen Bären wichtigste Auszeichnung der Berlinale. Sie wird für „einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet“ verliehen. Ausgerechnet. Jetzt fällt dieser Silberne Bär den Veranstaltern auf die Füße. Er wiegt 1000 Jahre schwer.

Von der Lichtfigur zum Paria

Über Nacht ist ihr Namenspatron von einer Lichtgestalt der bundesdeutschen Filmkultur zum Paria geworden. Alfred Bauer ein Nazi? Wie kann das sein? Er wurde doch eben noch ganz selbstverständlich als honoriger Berlinale-Gründer gefeiert, über alle Festivalepochen hinweg, von 1951 bis heute. Erst jetzt kommt dieses scheinbar streng gehütete Geheimnis seiner braunen Vergangenheit ans Tageslicht. Was ist passiert?

Der eigentliche Skandal dieses Skandals besteht in seiner Verspätung, ja Verschleppung. Denn die nationalsozialistische Vergangenheit Alfred Bauers war keineswegs unbekannt. Der promovierte Jurist hatte bei der Ufa gearbeitet und war als Gutachter bei der Reichsfilmkammer angestellt – das hatte Bauer selbst eingeräumt. Die Details seiner Verbindung zum nationalsozialistischen Apparat kommen in ihrem ganzen Ausmaß nun ans Tageslicht.

Geschichtssklitterung in eigener Sache

Nicht dank einer Geschichtskommission der Festspiele, auch nicht durch Filmkritiker, Filmhistoriker oder Filmwissenschaftler, sondern durch einen Privatgelehrten. Der 1988 von Ost- nach West-Berlin übergesiedelte Betriebswirt Ulrich Hähnel lieferte der Wochenzeitung Die Zeit seine mustergültig aufbereiteten Recherchen frei Haus. Sie enthalten Ernüchterndes und Erschreckendes.

Nein, Bauer war beileibe kein Feingeist, der sich hinter seinem Schreibtisch in die innere Emigration zurückgezogen hatte, um nach dem Sturz des Hitlerstaates am Neuaufbau einer demokratischen Kulturpolitik mitzuwirken. Er war einer von Abertausenden Schreibtischtätern. Und er war ein Lügner und Geschichtsklitterer in eigener Sache, der systematisch Spuren verwischte, um möglichst schnell seine Karriere unter den westlichen Alliierten fortzusetzen.

Die Berlinale - ein Kind des Kalten Kriegs

Sein Konzept ging auf geschmeidige Weise auf. Wie war es möglich, dass sich ein derart belasteter (und auch verurteilter) Funktionsträger schon so bald als lupenreiner Demokrat präsentieren und zu einem der wichtigsten Filmpolitiker im Westteil Deutschlands werden konnte? Ohne Hilfestellungen lief dies ganz sicher nicht ab – und damit sind jetzt nicht die „Persilscheine“ gemeint, die ihm von seiner Sekretärin oder von seinem Friseur ausgestellt wurden.

Auch wenn dies in späteren Festschriften und anderen öffentlichen Würdigungen nicht so gern betont wurde und wird: Natürlich war die Berlinale ein Kind des Kalten Krieges. Ihre Gründung muss als Teil einer breit angelegten kulturpolitischen Strategie gesehen werden. Vor allem auf dem Gebiet des Films hatte der Westen damals einiges aufzuholen. Während die sowjetische Militäradministration (SMAD) aus Image- und Erziehungsgründen in ihrem Einflussbereich gleich nach Kriegsende die Gründung einer neu formierten, ostdeutschen Filmproduktion vorantrieb, herrschte bei den westlichen Alliierten zunächst noch starke Zurückhaltung.

Geheimdienstliche Kulturarbeit

Der erste deutsche Nachkriegsfilm („Die Mörder sind unter uns“) kam 1946 aus der SBZ. Durch die Erfolge der frühen Defa unter Druck gesetzt, entschlossen sich die westlichen Alliierten kurze Zeit später, in ihren Sektoren großzügiger mit der Gewährung von Drehgenehmigungen umzugehen. Ab 1947 setzte auch dort zunächst eine erst stockende, später kontinuierliche Filmproduktion ein. Damit einher ging eine Novellierung der Filmpolitik. In ihrem Grundsatzwerk „Wer die Zeche zahlt“ hat die britische Historikerin Frances Stonor Saunders ausführlich die geheimdienstliche Kulturarbeit in der Nachkriegszeit beschrieben.

Sie weist dabei vor allem auf die Funktion des von Michael Josselson geleiteten „Kongresses für kulturelle Freiheit“ hin. Die CIA-Tarnorganisation verfügte über Außenstellen in 35 Ländern. „Ihr Auftrag war es, der westeuropäischen Intelligenz allmählich ihre latente Sympathie für Marxismus und Kommunismus auszutreiben, um sie so nach und nach an den American Way heranzuführen.“ Doch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges überwog gegenüber den Produktionen aus Hollywood bislang noch tiefe Skepsis. Das Hauptinteresse in Frankreich und Italien etwa bestand in der Wiederherstellung der nationalen Filmkulturen. Auf den großen Festivals in Venedig, Locarno oder Cannes herrschte Zurückhaltung. „Aufgeschreckt durch Berichte, Amerika habe in Cannes ein klägliches Bild abgegeben, beschloss die amerikanische Regierung, der Filmindustrie künftig mehr Beachtung zu schenken“, schreibt Saunders.

25 Jahre an der Spitze der Berlinale

Unter Federführung des für Film verantwortlichen Offiziers Oscar Martay wurde im Oktober 1950 eine Initiativgruppe zusammengerufen, die das Konzept für ein zu gründendes Festival entwickeln sollte. Über Martay, dessen Dienststelle sich auf der Clayallee 170 in Berlin-Zehlendorf befand – dem damaligen Hauptquartier der US-Truppen – ist nur wenig bekannt. Sein Dienstgrad ist nicht überliefert, auf Fotos posiert er gern in eleganten Anzügen, selten in Uniform.

Alfred Bauer stieß erst später zu dem Team, spielte aber bald eine zentrale Rolle. Im gleichen Maße zog sich Martay zurück. Im Gründungsjahr des von ihm angeschobenen Festivals erhielt er für seine Verdienste einen Goldenen „Ehrenbären“, danach trat er kaum mehr bei der Berlinale in Erscheinung. Von nun an war Alfred Bauer der Mann an der Spitze, dies 25 Jahre lang, bis 1976. Kein anderer Festivaldirektor blieb länger im Amt. In dieser Zeit durchliefen er und die Berlinale einige einschneidende Krisen – wie den Ost-Berliner Volksaufstand im Juni 1953, den Boykott von Michael Verhoevens Anti-Kriegsfilm „o.k.“ durch die Jury 1970 oder die Etablierung des Forums des Jungen Films als unbequemes Gegen-Festival im Jahr 1971. Bauer garantierte als Festivaldirektor über all die Jahre das für die Politik notwendige Maß an Kontinuität. Dass dies mit einem immensen Maß an Opportunismus einherging, liegt nun auf der Hand.

Ungleicher Wettbewerb der Systeme

Die Berlinale insgesamt stellt sich heute als große Erfolgsgeschichte dar. Von Anfang an wurde deutlich, dass der „Wettbewerb der Systeme“ ein sehr ungleicher war, der vom Osten nie gewonnen werden konnte. Die Versuche, dem Glamour der Berlinale etwas entgegenzusetzen, wirken im Nachhinein fast rührend. So wurde gleich im Juni 1951 im Kino Babylon als Alternative ein „Festival des volksdemokratischen Films“ anberaumt. Natürlich wollte kaum jemand die chinesischen oder bulgarischen Propagandafilme über den Aufbau des Sozialismus sehen, während hinter derSektorengrenze Weltstars über den Kurfürstendamm flanierten.

Scharenweise strömten hingegen auch in den Folgejahren die Ost-Berliner Filmfans in die grenznahen Kinos oder zum Bahnhof Zoo, um sich die Nasen am „Schaufenster der freien Welt“ platt zu drücken und dort wenigstens einen Zipfel des Trubels wahrnehmen. Damit war es dann 1961 auch vorbei. Die Berlinale steht nun vor der Aufgabe, nicht nur Alfred Bauers Nazi-Mittäterschaft   zu untersuchen und zu veröffentlichen, sondern auch sein ungebrochenes Wirken beim Berliner Filmfestival.