Wer es in die amerikanischen Talkshows  von Jimmy Fallon, James Corden oder Jimmy Kimmel bringt, der hat es geschafft. Immerhin sitzen dort Popikonen von Barack Obama über Madonna bis Kim Kardashian. Die Sängerin Alice Merton war bei allen, seitdem sie Anfang 2018 in Fallons traditionsreicher „Tonight Show“ ihren Hit „No Roots“ spielte, dessen Titel Fallon naturgemäß als Running Gag mit seiner Hausband The Roots besetzte, der besten HipHop-Band der Welt. „Sehr witzig“, erinnert sich Merton. „Und krass.“

Überall kann sich die Sängerin ein bisschen zu Hause fühlen

Ein schöner Erfolg auch für das Debüt einer 24-jährigen Newcomerin. Verdient hatte sich „No Roots“ die Aufmerksamkeit durch kantige Funkyness und stattliche Goldverkäufe in den USA, einen Eintrag in den Top 100 der Billboardcharts und die Spitzenposition der Alternative Charts. Dass sie auch in einigen europäischen Ländern – zum Beispiel in Frankreich, Italien, Polen, Deutschland – Gold und Platin abräumte, zählt in den Vereinigten Staaten weniger. Bemerkenswert indes, dass Merton, ihre Band und ihr Pop aus Deutschland kommen – was abseits grollender Germanenklischees in Übersee keine Empfehlung ist.

Andererseits beschreibt Merton in „No Roots“ dynamisch und entschlossen die eigene Wurzellosigkeit: In Frankfurt geboren, verbrachte sie die Kindheit in den USA und Kanada, bevor sie als Teenager nach München kam, später noch in England lebte, und nach Augsburg und Mannheim nun in Berlin wohnt. „Deutsch ist nicht meine Erstsprache, ich kam ja schon mit drei Monaten nach Amerika“, sagt sie mit weichem Akzent, „aber ich fühle mich, je länger ich hier bin, mehr mit dem Land verbunden. Ich finde es schön, wenn sich die Leute freuen, dass es eine Deutsche in den USA geschafft hat.“ Sie denkt kurz nach, lacht: „Natürlich sagen auch die Kanadier, dass es eine Kanadierin geschafft hat, in München bin ich die Münchnerin, in Frankfurt, die gebürtige Frankfurterin‘, jetzt die, Wahlberlinerin‘ – ich kann mich überall ein bisschen zu Hause fühlen.“

„Eigentlich wollte ich Opernsängerin werden"

Sie sitzt aufgeräumt in bunten Oversize-Klamotten auf einem Sofa im Ladenbüro ihres Labels Paper Plane, am Fuß von Prenzlauer Berg. Sie führt es gemeinsam mit ihrem besten Freund und Manager Paul Grauwinkel und hat darauf Anfang dieses Jahres auch ihr Debütalbum „Mint“ veröffentlicht. Dort hört man einen bis in die New York Times gelobten Overgroundpop, der sich so gelungen wie ihr Lebenslauf von der Konfektion, schon gar der deutschen, abhebt. Da ist zum einen ihre selbstbewusste Stimme, die an den großen Ton von Sängerinnen wie Florence Welsh oder auch Adele erinnert; zum anderen die Musik, die sie gemeinsam mit ihrem Produzenten Nico Rebscher entwirft –  voll gültiger Primärreize und eingängiger Tanzbarkeit, aber eigenständig, angelehnt an Achtzigerpop und ihrer großen Popliebe The Killers, abwechslungsreich zwischen Indierock und elektronisch ausgebautem Pop gebaut.

Merton hat das Handwerk an der baden-württembergischen Popakademie in Mannheim gelernt. Am Gymnasium hatte sie feststellen müssen, wie wenig hier, anders als in Kanada, Kreativität geförderter Schulstoff ist. „Mir hat buchstäblich ein Teil von mir gefehlt“, sagt sie, um die länderfinanzierte Akademie umso mehr zu preisen: „Sie war ein Riesengeschenk für mich, ich habe wahnsinnig viel gelernt“, schwärmt sie, „weil du dort nicht nur erfährst, wie man mit verschiedenen Genres, Instrumenten, Arrangements umgeht, wie man Songs aufbaut, Schreibblockaden übersteht, in einer Band klarkommt. Du hast vor allem ein Studium lang Zeit, dich zu entwickeln, und ich staune, wenn ich heute meine frühen Sachen dort höre.“ So hatte sie zum Beispiel ihre prägnante Stimme (und das Klavierspiel) seit der Kindheit klassisch trainiert. „Eigentlich wollte ich Opernsängerin werden, aber an den Unis fanden sie mich zu jung und unerfahren“, seufzt sie. „Für den Pop musste ich technisch komplett umdenken, das Singen mit Mikrofon lernen, die Stimme ganz anders stützen.“

Alice Merton weiß, wie schwer es heute ist, in der Musik durchzustarten

Die handwerkliche Ausbildung spiegelt sich in der Zielsicherheit der Songs. Aber zum interessanten Paket gehört auch die geschäftliche Schulung, Teil des Popstudiums, wobei sie in Mertons Fall auf offene Ohren stieß. Statt auf die Opernreife zu warten, studierte sie kurzerhand ein paar Semester kunstfern Wirtschaft in Augsburg. „Mein Vater ist selbst Hobbysongwriter, aber arbeitet als Unternehmensberater, und bei ihm klang die Geschäftswelt immer sehr interessant“, sagt sie. Nur durch einen Zufall habe sie von der Popakademie erfahren, wo sie sogleich und „krasserweise angenommen wurde“.

Gerade hat sie „Mint“ noch einmal aufgelegt, erweitert um ein paar hübsche Stücke, die „meine Bandbreite zeigen sollen“ und sie teils elektronischer, aber auch mit Klavier- und Orchesterbegleitung vorstellen. Der Zeitpunkt war natürlich günstig, denn Alice Merton sitzt seit September in der Jury von „The Voice of Germany“, wo sie nun unter den entspannt abgehangenen Erfolgspoppern etwas aus dem Rahmen fällt. Sie habe lang überlegt, sagt sie, aber nachdem sie mit der Band – ganz alte Schule – die Ochsentour durch kleine Venues und Festivals in den Vereinigten Staaten und ganz Europa durchgezogen hatte, „konnte ich eine Pause brauchen. Es macht mir außerdem Spaß, Neues auszuprobieren. Und als relative Newcomerin weiß ich, wie schwer es heute ist, in der Musik durchzustarten – gerade als Frau, wie ich selbst erfahren habe. Das kann ich weitergeben, und wie es bei mir ohne Label, mit Netzplattformen und Out-of-the-box-Ideen geklappt hat“.

Ein paar potenzielle Labelkandidaten zu finden und neue Hörerschichten zu gewinnen, schadet sicher nicht. Aber bei allem Realismus ist „Mint“ eben nicht nur eine Sammlung von Songs, sondern ein Album, mit einem eigenen Stil und Charakter. „Mir ist das Albumformat extrem wichtig, obwohl ich auch weiß, dass wir heute eine Playlistgesellschaft haben und es immer um Singles geht“, nickt sie. „Ich produziere einen Song nicht einfach zum Abspielen und Vergessen; ich will, dass eine Geschichte dahintersteht. Mit dem Album kann ich verschiedene Facetten als Kapitel zusammenfassen und abschließen. Und dann ein neues beginnen.“

Merton hat schon recht früh gelernt, sich durchzubeißen

Wie als Motto an den Albumanfang gestellt, singt sie in „Learn To Live“ vom schwierigen Weg ins erwachsene Leben, um in „Homesick“ von den vielen Ängsten ihrer Kindheit zu erzählen, von der Fremdheit in der Schule, oder vom Mythos des flatterhaften Künstlerlebens ihres „Funny Business“. Und statt von Liebe spricht sie meist eher von Freundschaft, wie in „2 Kids“, wo es um die erste Begegnung mit ihrem damaligen Kommilitonen Paul Grauwinkel an einer Bushaltestelle in Mannheim geht.

Das schwerwiegende Drama um Ablehnung, Selbstbehauptung, Durchhalten kennt man als gängige Poprhetorik, aber Merton hat schon recht früh gelernt, sich durchzubeißen. Zum Beispiel in der Schule, wo sie in der Münchner achten Klasse noch in den Naturwissenschaften gegen Sprachdefizit und Lehrerbayrisch kämpfen musste. „Die härteste Zeit in meinem Leben“, schaudert sie. „Das Bildungssystem in Deutschland ist schwierig für Leute, die integriert werden müssen, wobei ich noch das Glück hatte, dass sich eine der Lehrerinnen jeden Nachmittag zwei Stunden Zeit für mich nahm. Hast du das nicht, schicken sie dich auf die Hauptschule, wo du dein Potenzial nicht umsetzen kannst.“

Auch der Poperfolg flog Grauwinkel und Merton nicht zu. Als sie 2016 mit den ersten vier selbst erjobbten und produzierten Songs um „No Roots“ ein Label suchten, winkten alle ab. Einige sitzen heute vermutlich auf den eigenen Bissnarben. „Nach dem Erfolg war das Interesse natürlich größer“, sagt sie und lächelt. „Aber ich war bei allen Firmen, und wenn dir alle nur sagen, dass es hier rockiger oder dort poppiger sein soll, dass du andere Produzenten brauchst oder kürzen musst – dann hast du ja eigentlich keine Wahl und machst es eben selbst.“

Wobei, ergänzt sie, „wir ja auch Musikbusiness gelernt hatten und nicht völlig ahnungslos waren. Im schlimmsten Fall, haben wir uns gesagt, scheitern wir eben und haben ein bisschen Geld verloren“. Sie lacht. Ist auch witzig.