Die Cellistin Alisa Weilerstein
Foto: Decca/Harold Hoffmann

BerlinBachs Solo-Kompositionen für Geige oder Cello werden oft eingespielt. Dabei behält hier die Herausforderung durch den Notentext für jeden Musiker etwas Utopisches, gibt Freiheiten und verlangt Interpreten weit mehr ab als sonst. Vierstimmige Akkorde lassen sich niemals so realisieren, wie notiert. Eine Fuge muss hier zu einem guten Teil durch Suggestion erfahrbar werden. Der Geiger Thomas Zehetmair und die Cellistin Alisa Weilerstein haben die kompletten Zyklen neu aufgenommen, und ihre bei ECM beziehungsweise Pentatone erschienenen Alben vermitteln einen ganz unterschiedlichen Blick auf diese Musik.

Für den 59-jährigen Zehetmair ist es nach langer Zeit die zweite Gesamteinspielung von Bachs Sonaten und Partiten. Dieser Geiger sucht die Grenzerfahrung, die Befreiung von Spiel- und Denkklischees und lässt auch den Hörer nicht mit seinen liebgewordenen Gewohnheiten in Ruhe. Dass er für seine Aufnahme das von ihm sonst gespielte moderne Instrument nicht etwa nur mit anderen Saiten bezogen sondern ganz beiseite gelegt und sich stattdessen auf die Barockgeige eingelassen hat, inklusive Verzicht auf Kinnhalter und Schulterstütze, ist mehr als eine Äußerlichkeit. Es führt diesen Musiker, und damit auch seine Hörer, an eine Quelle von Bachs Musik, die lebendig ist hinter ihrer imposanten Monumentalität, die als Suche, improvisatorische Abschweifung auch ihren konstruktiven Geist in Bewegung hält.

So entsteht eine intensive Unbedingtheit der Aussage. Die ist oft eigenwillig, manchmal abenteuerlich, etwa bei den zusätzlichen Verzierungen, die Zehetmair in den Wiederholungsabschnitten anbringt, und die weit mehr sind als nur ein paar Extra-Triller. Selbst in der Chaconne der d-Moll-Partita steigert Zehetmair in den Passagen, die von Bach nur als Akkordgerüst notiert sind, die Spannung durch kleine Durchgänge, ohne dabei den Faden zu verlieren. Seine Tempi sind stets straff, aber das bedeutet keine Oberflächlichkeit, sondern zeitliche Verdichtung.

Alisa Weilerstein nähert sich mit 38 Jahren den Bach’schen Cello-Suiten auf eine vergleichsweise konventionelle Art. Sie spielt die Gegensätze zwischen lebhaften und in sich gekehrten Stücken schön und deutlich aus, die Sarabanden werden zu Meditationen am Rand der Stille, die Couranten vibrieren vor Energie, der Ton gleitet nie ins Sahnige ab, behält etwas Körniges, auch da, wo sich die Musik in großen Bögen aussingt.

Spürbar wird auch ein starres Festhalten an einmal gefundenen Stricharten und Phrasierungen, das bis in die Wiederholungen hineinreicht, wo Weilerstein einfach das schon Gespielte noch einmal spielt. Das ist eine Texttreue, die vor dem Lebendigen der Interpretation flüchtet.

Thomas Zehetmair Johann Sebastian Bach. The Sonatas and Partitas for Violin Solo (ECM)

Alisa Weilerstein Bach. Cello Suites (Pentatone)