Die Vorstellung, dass Aljoscha – dieser alterslose Unruhegeist in speckiger Ledermontur, in der DDR die Verkörperung des Unangepassten an alle staatlichen wie auch oppositionellen Regeln – mal 70 Jahre alt sein würde, war natürlich trotzdem absurd an Tagen wie diesen. Auch wenn seine große Zeit damals, Anfang der 1990er, gerade vorbei war; ironischerweise, weil die DDR vorbei war. Aljoscha wusste das, machte aber wie immer das Beste daraus. Noch gab es diese Tage und Orte, an denen sich weiter alles um ihn drehte.

„Mix mir einen Drink“, sangen dann die Kleinstadtpunks schon nachmittags vor den Dorfkneipen, an denen noch die einstigen Kultursäle hingen, aber außer Disco kaum noch was abging. Es sei denn Feeling B kam zu Gast – in der DDR weltbekannt durch das erste Punkalbum, das da erscheinen durfte; durch die Tauwetter-Kinodoku „Flüstern & Schreien“, die unbewusst den Soundtrack zum Untergang bebilderte; nicht zuletzt aber durch ihren schillernden Sänger Aljoscha, dessen widersprüchliche Biografie zu der eines Romanhelden taugt.

Leben und Sterben einer Romanfigur 

Und tatsächlich inspirierte er Lutz Seiler ja zur Titelfigur seines 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten „Kruso“: Die Pointe des Aussteiger-Romans, der zur Wendezeit auf Hiddensee spielt, fußt auf dem ganz eigenen Freiheitsbegriff des Aljoscha Rompe. Heute wäre er also 70 Jahre alt geworden. Wäre er nicht im November 2000 sein so einsamer wie tragisch symbolischer Tod dazwischengekommen, leider ebenfalls romanreif.

Die Musiker, die den anarchischen Garagenpunk zu Aljoschas Ausbruchsslogans spielten – „Wir wollen immer artig sein“, „Frusti, mach’s gut!“, „Unter dem Pflaster, da liegt der Strand“ – waren viel jünger. Er war ihr Spiritus rector, ließ sie schon mal aufbauen, bis die bange Frage im Raum stand: Wann kommt Aljoscha?

Speiseeis im Dorfcafé

Die Erlösung fuhr dann in Form eines schrottreifen schwarzen Bus’ vor, heraus sprang Aljoscha, auf den Lippen ein meckerndes Lachen und einen Spruch über das Kaff, in dem Feeling B nun spielen würden, als wäre die DDR noch immer eine Insel mit eigener Zeitrechnung, voller Nischen der Subkultur, die man sich nur selbst schaffen müsse: früher am Ostseestrand, in Jugendklubs und Lehrlingsfeten.

Und heute löffelte er eben Speiseeis im Dorfcafé, während die Vorbands dilettierten, und fegte danach noch einmal als selbstironischer Derwisch über die Bühne des Dorfgasthofs, weil auch schon der Sinn all der Auflehnung gegen die DDR der Spaß am Rausch gewesen war. Nur machte ja am meisten Spaß, was verboten war, und verboten war ja nun nichts mehr.
Aljoscha hatte schon zu Lebzeiten gewusst, dass er sich zwar mit seinen Songs und Aktionen (eine brachte ihn in den 70ern sogar wegen „staatsfeindlicher Hetze“ drei Monate in den Knast) an der DDR abarbeitete – diesen Staat aber gerade deshalb brauchte.

Funktionärskind mit Schweizer Pass

Deshalb blieb er freiwillig da: Privilegiert als SED-Funktionärskind in Berlin aufgewachsen – der Opa war Präsident der Akademie für Rechtswissenschaften, die Mutter Musikerin und Dolmetscherin, der Stiefvater Direktor des physikalischen Instituts der Humboldt-Universität und im Zentralkomitee der SED, trieb sich Aljoscha schon nach seinem Studienabbruch in den Siebzigern in Oppositionskreisen herum, provozierte den Staat, gründet 1983 seine Anarchocombo „Feeling Berlin“.

Selbst als er später den Schweizer Pass bekam, weil sein leiblicher Vater Eidgenosse war, lebte Aljoscha nur kurz in Westberlin und kam zurück, um seine jungen Aussteiger-Freunde auf Hiddensee und im Prenzlauer Berg vor dem spießigen, materialistischen Westen zu warnen.

Aljoscha hat uns gewarnt

In den 17 Jahren seit seinem Tod ist viel passiert: Die DDR-Untergrundszene wurde seither in etlichen Filmen und Büchern akribisch ausgeleuchtet, nie ohne Aljoscha zu erwähnen. Gregor Gysi, mit dem er als Kind gespielt haben soll und von dem er sich 1989 die Rettung der DDR erhofft hatte, hat seine Karriere nun auch schon hinter sich, und der Linken-Politiker Klaus Lederer, der 1998 mit seinem Gesangsquintett Rostkehlchen bei den letzten Studioaufnahmen von Aljoschas erfolgloser Neuauflage von Feeling B mitsang, ist heute Kultursenator der Hauptstadt.

Der Prenzlauer Berg ist genau das geworden, wovor Aljoscha gewarnt hatte, als er vom DDR-Hausbesetzer zum Motor der dortigen Lebenskünstler geworden war und die „Schönhauser 5“ zum Zentrum der Ostberliner Linken mit Hofkonzerten, Piratensender, Szenekino und improvisierten Kneipen gemacht hatte. Als die Investoren kamen, war er irgendwann der letzte Widerständler – zuletzt allerdings in einem alten Campingbus, in dem ihn die Bauarbeiter der Luxussanierer am 23. November 2000 tot auf dem Hinterhof fanden, erstickt an einem Asthmaanfall.

Ausmisten oder Gummistiefel anziehen

Vor allem aber hatten seine Mitmusiker von Feeling B 1994 Rammstein gegründet und es zu einem so perfekt mit den Marktmechanismen spielenden Erfolgsprojekt gemacht, dass Aljoscha nur Spott übrig gehabt hätte. Sie wollten sich einfach nicht mehr gegen die neue Zeit wehren, erzählen die Feeling-B- und Rammstein-Musiker Flake Lorenz und Paul Landers heute.

Wenn man in der Scheiße stehe, müsse man eben Gummistiefel anziehen. Wohlgemerkt: nicht ausmisten, wenn es doch aussichtslos ist. Sondern das Beste draus machen. So hätte man es vielleicht auch Aljoscha erklären können.