Sänger Udo Lindenberg
Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

BerlinHoch über Hamburg fliegt er einmal wie Supermann, klein wie der ärmste Wurm kriecht er durch die Wüste, auf der Suche nach dem nächsten Tropfen. Hinter dem Horizont, immer weiter – wird er dort sein Glück finden? Mit einigen ins Fantastische ragenden Sequenzen hat Hermine Huntgeburth ihre sonst ganz erdige Filmbiografie über Udo Lindenberg angereichert, und so muss es ja auch sein bei diesem Maler großer Bilder.

Dabei hat alles so bescheiden angefangen, ganz kleinbürgerlich und eng in der westfälischen Provinz. Wir Lindenbergs werden Klempner, tönt der Vater Gustav (Charly Hübner) – und schenkt ihm doch ein Schlagzeug. Der kleine Udo trommelt, was das Zeug hält, die Ami-Musik hat’s ihm angetan. Der Jazz ist es zunächst, noch sind ihm die schweren Klänge näher als die lauten. Zumal ein Erlebnis mit dem Rock’n’Roll böse ausgeht in Libyen, wo er für die US-Truppen trommelt und dummerweise auch singt. So kommt es zu dem Wüstenbild. Es ist gar nicht so fantastisch, tatsächlich ist fast alles genauso passiert.

Jan Bülow (M) als Udo und Max von der Groeben (r) als Steffi Stephan in einer Szene des Films "Lindenberg! Mach dein Ding!".
Foto: Gordon Timpen/DCM/dpa

Lindenberg war in der Wüste, hier begann er angeblich zu trinken. Er war auch bei der Bundeswehr und hat ein Lied darüber gemacht („Ich bin beim Bund“), aber das unterschlägt der Film. Muss er doch so schnell wie möglich in die Siebzigerjahr und auf die Reeperbahn, wo dieser Lindenberg erst zu der Legende wird, die er später aus sich selbst gemacht hat. Noch mehr Alkohol, Frauen, große Freiheit. Zunächst aber muss er dort in einem Jazzclub, dem berühmten Onkel Pö, zu sich selbst finden. Sein Problem, wie jeder weiß: Im Onkel Pö spielt ne Rentnerband, seit zwanzig Jahren Dixieland. Und Udo sitzt an der Trommel.

Eine Liebesgeschichte

Hermine Huntgeburth („Effi Briest“) betrachtet die Jahre des Künstlers als junger Mann nach einem derzeit bewährten Rezept: Wie beiläufig eingestreute Episoden verweisen auf kommende Großtaten des werdenden Stars. „Rocketman“, die Rockbio über Elton John, hat es ganz ähnlich gemacht, ebenso Caroline Links „Der Junge muss an die frische Luft“ über den Komiker Hape Kerkeling. Udo Lindenberg lässt sich, bei allem Respekt, als eine Mischung der beiden begreifen – einer der wenigen deutschen Stars, immer haarscharf an der Grenze zwischen Genie und Witzfigur.

Im Gesamtbild geht es darum, die letzten Helden der prädigitalen Ära dem popkulturellen Mythos einzuverleiben. Dieser Lindenberg ist demnach nicht nur einfach ein schräger Vogel mit ein paar Hits und, wer mag, gesamtdeutscher Bedeutung. Er hat in seiner Zeit Entscheidendes geleistet.

Vater Gustav (Charly Hübner, l.) mit dem kleinen Udo (Jesse Hansen)
Foto: Bernd Spauke

Im Onkel Pö also startet Udo seine Revolution. Hier spielt die Avantgarde, hier regiert der Delta-Blues – und den singt man auf Englisch. Deutsch ist nicht nur für schnöden Schlager reserviert, es gilt als „die Sprache der Täter“. Mit den „imperialistischen“ Plattenlabels, also Geld, will man schon gar nichts zu tun haben. Doch Lindenberg, der noch immer für die Werbung trommelt, will das unbedingt! Er will berühmt werden, die große Samstagabendshow – eben „sein Ding“. Wenn es sein muss, will er auch selber singen, und zwar deutsch, damit seine Mutter Hermine (Julia Jentsch) ihn versteht. Und keine Panik, so kommt es ja auch.

Huntgeburth indes, visuell und erzählerisch in Hochform, verquirlt diese Neugeburt mit einem anderen mythischen Erlebnis, nämlich der Begegnung mit seinem „Mädchen aus Ost-Berlin“. Im Musical „Hinterm Horizont“ noch am Rande jenes ominösen Konzerts im Palast der Republik 1983 platziert, wird das Ereignis einfach vorgezogen. Im Taumel seiner Rastlosigkeit erwacht der junge Künstler, noch gänzlich unberühmt, eines Tages in der Hauptstadt der DDR und startet seinen amourösen Grenzverkehr.

Was an der Geschichte stimmt, ist ohnehin unklar, doch an der poetischen Wahrheit ist nicht zu rütteln: Die Geburt des Deutschrocks war eine Sache von nationaler Tragweite. Bevor Lindenberg Ost und West zusammenbringen konnte, noch vor dem Sonderzug und horizonterweiternder Rockerlyrik, musste er beiden Seiten die Sprache wiedergeben.

Die Zeit vor dem Ruhm

In „Lindenberg! Mach dein Ding“ freilich, das macht den Film so schön, ist das alles noch weit weg – Schlapphut und Sonnenbrille, Lindenberg in der Samstagabendshow, der Bundes-Udo. Noch ohne das berüchtigte Schnodderdeutsch, so gar nicht locker vom Hocker, spielt der formidable Jan Bülow den jungen Udo im Gegenteil herrlich linkisch und sich seiner proletarischen Wurzeln schmerzhaft bewusst, als schüchternes Großmaul.

Aber auch, wie er notgedrungen beginnt, das Betrunkensein zur Kunstform zu machen, sich als rauschhaften Charakter zu inszenieren, kann man hier sehen. Mit seinem Kumpel Steffi Stephan (Max von der Groeben) aus dem Panik-Orchester streitet er sich um den richtigen Stil, schmeißt ihn mehrmals aus der Band, nimmt ihn reumütig wieder zurück.

Detlev Buck spielt einen unglaublich schmierigen Plattenboss der Teldec, in dem sich die modischen Grenzgänge der Siebzigerjahre musterhaft bündeln. Es ist ein wunderbarer, gruseliger Rausch. Mit eher unbekannten Hits, teils von Bülow selbst eingesungen, ohne dass man das merkt, geht es tief hinab in diese wilde Zeit, die der deutsche Film selten besucht. Udo Lindenberg dürfte einer von wenigen sein, denen man gerne dorthin folgt.

Lindenberg! Mach dein Ding

Regie: Hermine Huntgeburth
Drehbuch: Alexander Rümelin, Christian Lyra, Sebastian Wehlings
Darsteller:Jan Bülow, Max von der Groeben, Charly Hübner, Julia Jentsch

u.a.,135 Min., Farbe. FSK ab 12 Jahren