Ersatzdrogen: Nikotin und Endorphin

Schreiben unter Alkohol ist ganz und gar unmöglich, hat auch Stuckrad-Barre im Laufe seiner schriftstellerischen Tätigkeit erfahren müssen. Okay, nein, nicht unmöglich, es geschieht ja und geschah ihm auch. Aber es gibt wohl nur wenige Literaten, die ihr promillegetränktes Geschreibsel am nächsten Tag nicht verworfen haben. Wer das in alkoholangetriebenem Höhenflug Hingekritzelte in nüchternem Zustand doch noch zu retten versucht, es auswringt und die Essenz betrachtet, dem ergeht es nicht besser, er hat nur noch mehr Zeit verloren. Alle seine Reportagen und Bücher hat Stuckrad-Barre nüchtern geschrieben. Wie die anderen Säufer auch, denen er nachgeeifert hat.

Stuckrad-Barre ist trocken, wie gesagt. Und raucht seitdem wie ein Schlot, davon handelt der zweite Text des neuen Buches. Nicht das Rauchen, sondern die Inkonsequenz, mit der er die eine, die überwundene Sucht anprangert und in die andere flüchtet; die typische Suchtverlagerung, wie er selbstkritisch bekennt. Der Mann ist Süchtiger geblieben; seine neue, weniger schmackhafte und noch weniger berauschende Droge hindert ihn aber immerhin nicht mehr am Schreiben, wie es der Alkohol und die diversen anderen Stoffe getan haben, denen er sich jahrelang ergeben hat.

Weil der Autor gnadenlos bekennender Noch-Raucher ist, setzt er sich mit ähnlichen Schicksalsgenossen auseinander, und wir kommen deshalb in den Genuss einer der stärksten Abrechnungen mit einem der stärksten prominenten Demonstrativ-Raucher, den Deutschland je hervorgebracht hat, Helmut Schmidt:

„Da kommt einem natürlich der große China- und Wasnichtalles-Experte Schmidt in den Sinn, der mit Blick auf China ja die Menschenrechte gern als etwas Relatives darstellte, als westlichen Modegag; für Helmut Schmidt war das Rauchen wahrscheinlich das einzige weltweit verbindliche Menschenrecht, und so lange die Chinesen so unbehelligt rauchen dürfen, sollte man es mit anderen Einschränkungen dort nicht so eng sehen. Helmut Schmidts Rauchen habe ich immer als sehr unangenehm empfunden, alles daran. Die Rücksichtslosigkeit, die ausgestellte Undiszipliniertheit, Kettenrauchen in einer Art, die wörtlich übersetzt nichts anderes bedeutete als: Ihr könnt mich alle mal.“

Etwas weniger Gängelung des Rauchers dürfte es nach Ansicht von Stuckrad-Barre allerdings schon sein, solange zumindest er selber dieser Sucht anhängt. Er findet sich in den diversen rauchunfreien Zonen wieder, muss sich nach draußen vor die Kneipe in die Kälte begeben oder steht angeekelt vor den Flughafenkäfigen für die qualmenden Süchtigen, diesen „Kabuffs des Grauens“. Die Feldzüge gegen das Rauchen, denen sich Stuckrad-Barre ausgesetzt sieht, geißelt er mit dem Zorn des um seine „kontemplativen Momente“ betrogenen, des „gedemütigten“ Rauchers. Nüchterne Sprachgewalt, fürwahr. Im Alkoholrausch wären uns diese Zeilen nicht geschenkt worden.

Aber wenn er Alkohol und sonstige Drogen nicht mehr anrühren kann – was bleibt dann noch? Das Laufen zum Beispiel. Ich weiß, wovon ich rede. Ich laufe um mein Leben und für mein Leben gern. Das habe ich mit Stuckrad-Barre gemeinsam. Ab zwölf bis 15 Kilometern schüttet der Körper bei mir so viele Endorphine oder meinetwegen auch Endocannabinoide aus, dass es mindestens vorübergehend zur Selbstvergessenheit und zu einem Glückszustand führt. Stuckrad-Barre rennt fast täglich ein bis zwei Stunden, ich habe wöchentlich zu meinen besseren Zeiten 70 bis 80 Kilometer zurückgelegt. Und war partiell high.

Ist ein langes Leben alles?

„Als Nichtraucher wäre ich vielleicht noch viel schneller“, schreibt Stuckrad-Barre. „Und es haut einem garantiert noch ein paar mehr hausgemachte Glückshormone ins Gehirn. Ich liebe das.“ Im Ernst: Auch Laufen kann zur Sucht werden. Aber Läufer leben länger und gesünder, das ist erwiesen. Länger als Raucher und regelmäßige Trinker auf jeden Fall. Aber ist langes Leben alles?

Der Westdeutsche Rundfunk galt einst als die dichteste Ansammlung von Anonymen Alkoholikern (AA). Die AA mit ihren rituellen Heilungsrunden sind ein wahrer Segen, hier widerspreche ich Stuckrad-Barre. Er hat über die AAs für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Spott ausgeschüttet. Ich weiß nämlich, dass sich dank dieses freien Zwangsverbandes einige mir liebe Freunde vor dem totalen Absturz haben retten können.

Und dennoch: Der personifizierte Rotfunk war in solchen Zeiten anonymes Blaukreuz, als diese Anstalt noch durch rabiate Enthüllungen, durch kritische, den alten Zeitgeist aufschreckende Beiträge und durch profunde Recherchen zum laufenden politischen Schwachsinn und zu den strukturellen Ungerechtigkeiten dieses Landes glänzte. Rückblickend frage ich mich, ob der Alkohol am Ende dafür mitverantwortlich war. Taugt er vielleicht doch – oder auch? – als rebellische und widerständige Droge, die zu mehr Unerschrockenheit verhilft?

Oder suche ich noch immer nach einer Rechtfertigung fürs Gelegenheits-, Verlegenheits- und Gewohnheitstrinken?

Ich würde das gerne mit jemandem zu Ende diskutieren. Vielleicht bei einem spritzigen Prosecco?