Ikenna Amaechi, Sie sind der Star der Varieté-Show „All Night Long“, die der Wintergarten jetzt open air in der Wuhlheide präsentiert. Sie treten da als Whitney Houston auf. Ist das eigentlich Ihre einzige Rolle?

Na ja, was heißt einzige Rolle? Es ist meine erweiterte Persönlichkeit. Sie passt mir einfach wie Arsch auf Eimer, wie man in Berlin sagt. Ich muss mich nur so reinlehnen.

Sie sehen jetzt aber ganz anders aus, ich sitze einem Mann gegenüber!

Das ist ja das Gute daran. Niemand erkennt mich auf der Straße.

Hm. Sie singen mit so voller und hoher Stimme, dass man glaubt, Whitney Houston als Playback zu hören. Wie sind Sie bloß darauf gekommen?

Whitney Houston war immer meine Lieblingssängerin. Und als ich mich zum ersten Mal schminkte, sah ich sie im Spiegel. Es hat sich einfach ergeben. Ich bin dankbar dafür.

Wenn Sie sprechen, hört man die typische Berliner Sprachmelodie. Seit wann leben Sie in Berlin?

Ich bin in Berlin geboren, in Schöneberg. Aber als ich 6 oder 7 Jahre alt war, ist meine Mutter mit meinem Bruder und mir nach Nigeria ausgewandert, zu den Verwandten meines Vaters. Wir kamen zurück, als dort ein Militärputsch drohte. Einfach war das nicht.

Warum nicht?

Die Bürokratie war schwierig für meine Mutter, diese Rück-Einbürgerung, obwohl wir von hier kamen. Und dann in der Schule: Ich sah anders aus! Wegen meiner dunklen Hautfarbe bin ich oft auf Ablehnung gestoßen.

Wie kamen Sie dann zur Musik?

Es fiel mir nie schwer, Songs, die ich mochte, mitzusingen, von Ella Fitzgerald, Michael Jackson, Anita Baker, Whitney Houston. Irgendwann habe ich mich auf eine offene Bühne getraut am Kudamm. Da gab es schon Karaoke mit Laserdiscs. Die Reaktionen waren umwerfend.

Aber mit Karaoke kann man kein Geld verdienen.

Doch ich wurde schon bei meinem zweiten Auftritt angesprochen von einem Produzenten. Ich habe dann für Boybands Songs eingesungen. Das war ein toller Lernprozess. Aber als die mich als Sänger aufbauen wollten, so mit Blick auf die Bravo, als Teenieschwarm, das wollte ich nicht.

Ist das nicht ein Traum eines jungen Sängers, in die Bravo zu kommen?

Nein. Ich hatte mich damals schon geschminkt und wusste, dass ich als Frau viel besser aussehe. Ich brauchte nur in den Spiegel zu blicken und war high. Das wollte ich zusammenbringen.

Das klingt nach einem Konflikt.

Ja. Ich war in der Verkleidung ein ganz anderer Mensch als im Alltag. Ich musste also meinen eigenen Weg gehen, Schritt für Schritt.

Den sind Sie die ganze Zeit als Whitney Houston gegangen?

Seit ich auftrete, trete ich als Whitney Houston auf. Erst ohne zu sprechen, so dass die Leute dachten, dass ich eine Frau bin. Inzwischen erzähle ich etwas mit meiner normalen Stimme. Aber Berlin war lange nicht der richtige Ort für mich. Mit einer Pop-Größe wie Whitney konnte ich nicht in Keller-Clubs oder auf alten Fabrikgeländen auftreten. Ich ging nach Gran Canaria und hatte viele Jahre keinen Winter.

Beneidenswert. Aber immer in derselben Rolle – ist es nicht langweilig?

Ich komme doch damit in der ganzen Welt herum: Las Vegas und New York, Bangkok und Hongkong, Santo Domingo und Saint Tropez. Ich suche mir aus, wo ich zusage.

Wie kamen Sie zum Wintergarten?

Ich kannte den Regisseur Frank Müller durch das Ikenna Cabaret, das ich eine Zeit lang am Potsdamer Platz betrieb. Das war ein Travestie-Programm, um dieses Wort mal zu benutzen. Als er mir die Show beschrieb, dass nicht die Artistik im Mittelpunkt steht, sondern die Soul-Musik, da hatte ich auch Lust dazu.

Weshalb sind Sie bei dem Wort Travestie so zurückhaltend?

Weil es mit Erwartungen verbunden ist. Ich bin kein Travestie-Künstler – wenn man mich so ankündigt, sind die Leute enttäuscht. Ich bin zwar ein Mann im Frauenkleid, aber ich bin eigentlich Sängerin.

Interview: Cornelia Geißler

All Night Long Sa 13. 9., 20 Uhr, Kindl-Bühne Wuhlheide, 25 Euro, Tel.: 588 433