Ein allzu frommer Wunsch: Weihnachten als gemeinschaftlicher Sangeswerk.
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BerlinNicht nur der Weihnachtsabstinenzler hat es in diesen Tagen schwer: Auch der weihnachtsbegeisterte Zeitgenosse muss damit rechnen, jederzeit in Film, Funk und Fernsehen, aber auch in der durchkommerzialisierten Öffentlichkeit der Einkaufspassagen zwangsbeschallt zu werden - mit quasi-folkloristischen Besinnlichkeitsgedöns. Es gibt kein Entkommen. Das heißt: Einfach locker bleiben! Vorbereitet sein. Lächeln. 

Morgen kommt der Weihnachtsmann

Mit Kindern und insbesondere an Weihnachten bemüht man sich ja wieder um das Singen. Ganz vorn in vielen Liederbüchern: „Morgen kommt der Weihnachtsmann“. Ja, da fangen Sie schon an, innerlich zu summen! Die verführerisch einfache Melodie stammt von einem französischen Volkslied, der Text von Nationalhymnendichter Hoffmann von Fallersleben. Der Weihnachtsmann, der 1835, als das Lied entstand, noch eine recht neue Vorstellung war, „kommt mit seinen Gaben“, beziehungsweise „Gabeln“, wie elterliche Scherzkekse singen. Worin diese Gaben in der ersten Strophe bestehen, wird gern übersprungen: „Trommel, Pfeife und Gewehr/Fahn und Säbel und noch mehr,/Ja, ein ganzes Kriegesheer,/Möcht’ ich gerne haben.“ Möchte man? Auch „Musketier und Grenadier“ aus der zweiten Strophe fallen oft weg, man konzentriert sich auf „Zottelbär und Panthertier“. Es singt sich angenehm leicht, ich weiß. Trotzdem: lieber nicht. Petra Kohse

Last Christmas

Wie mit Lebkuchen verhält es sich auch mit „Last Christmas“ – beides kündigt gefühlt schon im Hochsommer das Weihnachtsfest an und man weiß, dass Weihnachten garantiert nicht ausfällt, wenn der Hit von Wham! aus den Lautsprechern sämt. Ein so seltsam perfekter, das Weihnachtsfest absolut unironisch feiernder wie enervierender Ohrwurm, der seinem Schöpfer George Michael wohl Fantastilliarden eingebracht hätte. Doch Michael hat die Rechte an dem Song lang vor seinem Tod seinem weniger begüterten Bandkollegen Andrew Ridgeley vermacht, bei dem nun dank „Last Christmas“ regelmäßig die Kasse klingelt. Das ist wirklich reizend, doch bei allen anderen klingeln hingegen nur die Ohren, wenn es alljährlich und zuverlässig wieder heißt: „Last Christmas, I gave you my heart but the very next day you gave it awaaaaay!“ Marcus Weingärtner

In der Weihnachtsbäckerei

Wegen der Weihnachtsbäckerei gibt es manche Keilerei, zwischen Mehl und Milch macht so mancher Knilch eine riesengroße Meuterei … oder so ähnlich. Wer kennt das nicht? Wahrscheinlich nur jemand, der Weihnachten auf der entfernten Seite des siebzehnten Jupitermondes feiert. Oder jemand wie ich, der aus Polen kommt, wo man Rolf Zuckowski akzentfrei aussprechen kann, auf die Übersetzung seiner Kinderlieder aber verzichtet.  Als meine Tochter im vergangenen Jahr in ein textsicheres Alter kam, lief „In der Weihnachtsbäckerei“ als Schleife in ihrem Kopf – und als Kopfschmerz durch meinen. Ich erinnere mich an eine halbstündige Fahrradfahrt, auf der sie „Zucker, Nüsse und Sukkade“ so oft mit „Butter, Mehl und Milch“ verrührte, bis mir auch noch schlecht wurde. Für diesen Weihnachtslied-Ekel gibt es keinen Namen. Aber ein bisschen fühlt es sich so an, wie der siebzehnte Jupitermond heißt: Callirrhoe. Paul Linke

Driving home for christmas

Chris Reas Weihnachtsklassiker klingt nach Autoradio, A2, Schneegriesel bei Peine, klingt nach: „Mach endlich den Scheiß aus!“ Mein Kumpel Jogi hat sich in den Fußraum gerollt, liegt da, wo sich sonst der Beifahrersitz befindet, der rausmusste in jenem Dezember 1986, weil ein Kühlschrank reinmusste. Auf der Fahrt von dem Ort, den Chris Rea „home“ nennt, nach Neukölln. Zwei Wochen später geht es nun zu dritt schon wieder zurück an den Niederrhein. Von der Rückbank ein Schnarchen, George. „So I sing for you, though you can’t hear me.“ „Komm, reicht jetzt“, sagt Jogi und fummelt eine Kassette aus seiner Weste. „Get my feet on holy ground.“ Klack – die Kassette verschwindet im Kassettenschlitz. Fahr sonst wohin, Chris Rea, auf Nimmerwiederhören. Die Ramones übernehmen: „I don’t want to fight tonight“. Vor der Windschutzscheibe ist es immer noch grau und in zwei Tagen Heiligabend. Aber jetzt freuen wir uns drauf. Christian Schwager

Ihr Kinderlein, kommet

Die Angelegenheit beginnt recht harmlos: „Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all!“ Das könnte glatt eine Einladung zum Kindergeburtstag sein. Rein musikalisch ist die Sache etwas vertrackter, die nämliche Zeile, mit der das christliche Erbauungslied beginnt, schrillt nach einem Achtelnotenauftakt in einer Viertelnotenlänge auf dem „Kin-“ etwas zu aufdringlich in den Ohren, und zwar auf der Tonhöhe des eingestrichenen a – auch Kammer- oder Kirchenton genannt. Nehmen wir das als Warnung, denn im Weiteren kommt die Sprache auf die Opfergeschichte von Jesus Christus, woraus sich für uns Nachkommen eine gewisse Verpflichtung, eine Mission ergebe: Die „Kinderlein“ sollen ein „Herz nur voll Unschuld“ dem Christkind „zum Opfer“ darbringen. Was also mit einem zuckersüß-schrillen Lockruf beginnt, wird ab Strophe fünf zur Fortschreibung der christlichen Opfergeschichte. Das muss man aber erst mal wollen können. Christian Schlüter

Feliz Navidad

Damals in der Schule wurde Spanisch als Wahlfach angeboten – und obwohl ich durchaus fremdsprachaffin war, konnte ich einfach nicht. Spanisch, das war die Sprache dieses grässlichen Liedes, dessen gewollt-fröhliche Einlullmelodie gepaart mit nicht enden wollenden, ewiggleichen Textzeilen man schon nach einmaligem Hören nie wieder los wurde: „Feliz Navidad, Feliz Navidad, Feliz Navidad, próspero año y felicidad“. Was hat sich José Feliciano nur dabei gedacht, als er das Lied 1970 schrieb? Angeblich brauchte er nur fünf Minuten für diese Komposition. Das glaubt man sofort: Vier Akkorde, 21 Mal „Feliz Navidad“ und 16 Mal „I wanna wish you a Merry Christmas“ – fertig ist die Nervnummer. Dank etlicher Coverversionen von Al Bano & Romina Power bis David Hasselhoff ist sichergestellt, dass niemand entkommt. „Feliz Navidad“ – das Herpesbläschen unter den Weihnachtsliedern. Anne Vorbringer