Johannes Vermeers  Gemälde „Ansicht von Delft“.
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Allein mit Vermeer? Bei dieser Nachricht aus Den Haag musste ich an meinen letzten Besuch in einem holländischen Museum denken. An das Gedrängel vor Van Goghs „Schwertlilien“, den „Sonnenblumen“. Im Louvre vor der „Mona Lisa“ ist es nicht besser, denn die meisten der 30.000 bis 40.000 Menschen, die pro Tag in das Museum kommen, wollen eigentlich nur zu ihr. In der von Michelangelo ausgemalten Sixtinischen Kapelle in Rom wird man mit „Avanti, Avanti“-Rufen weitergescheucht, es drängen ja immer schon die nächsten von hinten. Es gibt Werke, die wollen alle sehen, und aufgrund wachsender Touristenzahlen werden es immer mehr. Aber es ist furchtbar, wenn man darum kämpfen muss, einen Blick auf ein Bild zu werfen. Keine Zeit damit verbringen zu dürfen, nicht wirklich zu einer Betrachtung zu finden.

Das Mauritshuis in Den Haag bietet daher nun eine einzigartige Erfahrung. Vom 26. September an kann man mit Johannes Vermeers „Ansicht von Delft“ (1660/1661) in einem großen Saal ganz allein sein. Oder auch zu zweit und mit einer kleinen Gruppe von Freunden. Still wird es sein, das Licht perfekt. Nichts wird einen ablenken vom Blick auf die erwachende Stadt, den weiten Himmel, an dem sich Wolken auftürmen, die Kähne im Hafen. Als der Schriftsteller Marcel Proust im Jahr 1902 das Bild des Malers von seiner Heimatstadt sah, nannte er es „das schönste Gemälde der Welt“.

Derzeit kann man ein Zeitfenster bis Ende Oktober buchen, sie sind jedoch alle schon weg. Wenn der November freigeschaltet wird, sollte man also am Computer sitzen. Bis zum 3. Januar 2021 läuft diese spezielle Ausstellung.

Es ist eine von Corona inspirierte Idee, denn man kann derzeit ohnehin weniger Menschen als sonst in die Museen lassen. Aber könnte sie nicht zukunftsweisend sein – auch ohne Pandemie? Es würden dann sehr viel weniger Menschen pro Tag ein Bild sehen, das ist wahr, aber dafür wird es für diese eine ganz besondere, sicherlich unvergessliche Begegnung sein.