Rosie Price.
Foto: Rowohlt Verlag

Kate und Max spielen als Kinder nur wenige Kilometer voneinander entfernt im idyllischen englischen Gloucestershire: Kate im gar nicht malerischen Häuschen ihrer alleinerziehenden, alkoholkranken Mutter, Max auf dem Landsitz seiner Großeltern. Sie lernen sich aber erst auf der Universität kennen, befreunden sich eng und rein platonisch. Kate geht bald bei seiner Familie ein und aus. Er bei ihrer Mutter nicht.

Das in England vielbeachtete Romandebüt der 27-jährigen Rosie Price ist zuallererst ein Roman über soziale Unterschiede. Kates Mutter träumt von einem Kamin und töpfert gern. Max‘ Familie hat ein Land- und ein Stadthaus (letzteres natürlich in London), seine Mutter ist eine gefeierte Regisseurin. Price schildert Häuser und Möbel, teure Küchen und kultivierte Gespräche, während Kate ihr Studium abschließt und mit Max und dessen Schwester in ein für sie eigentlich unbezahlbares Appartement zieht.

Dieses sorgfältig ausgemalte Upper-Class-Setting wird eines Tages zur Falle: Max‘ Cousin Lewis vergewaltigt Kate am Rande einer Gartenparty. Als sie sich nach langem Zögern ihrem Freund und seiner Mutter anvertraut, verschweigt sie, wer der Täter war. Denn er gehört ja zur Familie. Sie trinkt zu viel, verletzt sich selbst, leidet an Panikattacken und ganz grundsätzlich einem Gefühl elementarer Verunsicherung. Auf 250 von circa 350 Seiten geht es um die Folgen der Vergewaltigung.

Gleichzeitig erzählt Price von der reichen, schicken Familie: vom Tod der Großmutter und von Max, der mit einem Start-up-Kollegen bedenklich viel trinkt und kokst, von seiner Mutter, die als junge Frau ihrerseits vergewaltigt wurde. Die Perspektive folgt mal dieser, mal jener Figur, stellt letztlich aber doch immer wieder Kates Sicht in den Mittelpunkt. Das wirkt nicht sehr gekonnt, ist irritierend und vielleicht ein Anfängerfehler. Vielleicht aber ist das auch genau so gewollt von der Verfasserin: Die ungeordnete, teilweise verworrene, durch Einzelheiten und Nebenstränge über Erbstreitigkeiten, Drogensucht oder Eheprobleme mäandernde Handlung passt letztlich gut zu ihrer Hauptfigur – zu ihrer sich jeder sinnstiftenden Dramaturgie entziehenden Orientierungslosigkeit.

Kate kämpft sich durch ihren Alltag, verliert immer wieder den Boden unter den Füßen; versucht, ihr Leben Stück für Stück zurückzuerobern. Sie kommt sehr langsam voran, beginnt, an Filmsets zu arbeiten, hat irgendwann wieder einen Liebhaber. Die meisten Menschen, denen sie von der Vergewaltigung erzählt, wirken betroffen und besorgt, aber auch ratlos oder halbherzig in ihrer Unterstützung. Nicht wenige sind mehr mit sich selbst, den eigenen Problemen beschäftigt als mit ihren. Hier erzählt eine junge Autorin auf überzeugende Weise, wie radikal alleingelassen sehr viele Frauen in solchen Situationen sind. Ihr Roman hinterlässt den starken Wunsch, das zu ändern.

Rosie Price: Der rote Faden. Roman. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020, 348 S., 22 Euro.