Berlin - Schach erlebt in Corona-Zeiten einen Aufschwung: Vom Kind bis zum Senior entdecken viele die Sportart derzeit neu für sich. Ein Boom, dessen Ende  noch gar nicht abzusehen ist, wie der Präsident des Schachbunds Rheinland-Pfalz, Achim Schmitt, erklärt: „Je länger die Pandemie dauert, desto mehr wollen die Menschen sich anderweitig beschäftigen.“

Das Schachspiel erweist sich angesichts der gebotenen Sicherheitsabstände als ideal, weil man es eben auch gut online und somit kontaktlos spielen kann. „Online-Schach wird definitiv um ein Vielfaches mehr gespielt als vor einem Jahr“, bestätigt der Präsident des Deutschen Schachbundes Ullrich Krause. In der Krise habe geholfen, dass man Schach schon seit 20 Jahren online spielen könne. „Das ist anders als bei allen anderen Sportarten, wo man online nur eine Variante davon spielen kann.“

Schnell gefunden: ein Matchpartner mit passender Spielstärke

Schach werde online eins zu eins gespielt, ganz so wie im analogen Leben: „Auch wenn man natürlich keine Figur in der Hand hält“, sagt Krause. Ein weiterer Vorteil des Online-Schachs liege darin, dass es nicht allzu schwer sei, auf dem Niveau seiner Spielstärke einen Matchpartner zu finden: „Das Tolle beim Schach ist, dass Junge und Alte aufeinandertreffen können und auf Augenhöhe gegeneinander spielen.“

Achim Schmitt aus Rheinland-Pfalz beobachtet, dass Vereine mit immer mehr Angeboten für Mitglieder und Interessierte ins Netz kommen. Auf Schach-Plattformen wie Lichess, Chess.com oder Chess24 tummelten sich die Fans des königlichen Spiels bei kürzeren oder längeren Partien und bei Turnieren.

Einer davon ist Jim Seyler aus Niederraden im Eifelkreis Bitburg-Prüm. Der Neunjährige ist seit Herbst im Schachverein und seit Juni 2020 auf Lichess. Dort hat er schon rund 5700 Spiele gespielt. „Corona hat mir schon bisschen geholfen. Ich hatte halt weniger zu tun“, sagt er. Warum er Schach so mag? „Ich finde es einfach taktisch cool, ich denke gerne nach und grübele gerne Taktiken aus.“ Mittlerweile hat Seyler ehrgeizige Ziele: „Mein Traum ist es, Großmeister zu werden.“ Dafür trainiere und spiele er viermal pro Woche am Computer – zu begrenzten Zeiten.

Seit Mitte Januar und bis Ende April läuft die Deutsche Schach-Online-Liga, sagt Schachbund-Präsident Krause. 385 Mannschaften mit 3000 Spielern hätten sich angemeldet. Das Tolle dabei sei, dass man gegen Vereine spiele, gegen die man sonst aus regionalen Gründen nie angetreten wäre: „Wir haben da als Lübecker Verein gegen den Bezirksligisten SC Bad Wimpfen aus Baden-Württemberg gespielt.“

Auch die Netflix-Serie „Das Damengambit“, in der das Mädchen Beth Harmon im Waisenhaus Schach lernt und sich später an die Weltspitze spielt, habe neue Fans an das Brett mit 32 Figuren gebracht, ist Krause überzeugt. In jedem Fall scheint das Thema viele Interessenten zu locken: Die Zahlen für die Serie, die Schachpartien so realitätsnah wie möglich zeigt, sind erstaunlich – binnen eines Monats wurde „Das Damengambit“ von 62 Millionen Abonnenten gesehen und damit zur bislang erfolgreichsten Miniserie des Streamingdienstes.

Schach bietet aber auch ohne filmische Dramatisierung einige Kurzweil. Der Sport ist mitnichten nur etwas für bedächtige Langsamspieler, wie es ein gängiges Vorurteil wissen will. Das zeigt sich insbesondere beim Online-Schach, hat Achim Schmitt beobachtet. Denn sehr beliebt seien hier kürzere Partien wie etwa das Blitzschach, bei dem ein Spiel zwischen zwölf und 15 Minuten dauere. Oder auch das Bullet-Schach, wo die Spieler insgesamt nur eine oder zwei Minuten Bedenkzeit hätten. „Das reizt sehr viele junge Leute. Auch zum Entspannen“, weiß Schmitt.

Für ihn bleiben Online-Schach und Präsenz-Schach allerdings zwei verschiedene Welten. „Wenn man jemandem gegenübersitzt, dann fiebert man ja mit, beobachtet Gestik und Mimik. Man spürt ein Knistern am Brett.“ Das sei anders, als wenn man am Bildschirm sitze und sehe, wie sich eine Figur „wie von Geisterhand bewegt“.

Allein in Rheinland-Pfalz zählt die Schachfamilie laut Schmitt rund 8000 Mitglieder in 400 Vereinen. Verbandspräsident Krause hofft, dass mit dem Boom auch mehr Schachspieler in die Vereine kommen. „Ich bin da zurzeit sehr optimistisch, dass das klappt“, sagt er. In den rund 2400 Schachvereinen bundesweit gebe es zurzeit um die 89.000 Mitglieder. Das seien um die 3000 weniger als ein Jahr zuvor. Im Jahr 2020 seien etliche ausgetreten, auch weil der Spielbetrieb in den Vereinen geruht habe.

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Mit Sicherheitsabstand und Maske: Schachturnier in Salamanca, Spanien (3. Februar 2021).

Die Schachfreunde Bitburg haben derweil einen Mitgliederzuwachs registriert. „Wir haben zwölf neue Jugendliche als Mitglieder bekommen“, sagt der Vereinsvorsitzende Harald Enders. Ihn freue vor allem, dass viele Mädchen darunter sind. „Wir hatten vorher nur eins.“ Zu den Neuzugängen gehört auch der bereits erwähnte Jim Seyler. „Und er ist richtig gut“, sagt Enders. Der Junge habe kürzlich bei einem Wettbewerb zwei Leute geschlagen, die in der Rheinland-Pfalz-Liga spielen. Er liebe speziell die Blitzvarinaten – und lerne sehr schnell.

Die Schachfreunde Bitburg haben seit Corona-Beginn bereits 70 Turniere gespielt. Enders: „Wir haben einen Online-Vereinsraum.“ Neben dem Spiel werde ein Programm zum Chatten genutzt. „Wir können zwar nicht zusammen sein, aber wir können im selben digitalen Raum spielen und uns über das andere Programm unterhalten.“ (dpa/mit schl.)