Das Cover des Albums "Alles in Allem" der Einstürzende Neubauten 
Foto: Another Dimension/Potomak/Indigo/dpa

Berlin„Hier komme ich abhanden“, raunt Blixa Bargeld zum Schluss von „Alles in Allem“, dem heute erscheinenden neuen Album der Einstürzenden Neubauten anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens.

Die Zeile beschließt das finale Stück „Tempelhof“, das einen Gang durch den Terminal des ehemaligen Flughafens beschreibt. Gleichzeitig fasst sie zusammen, worum es auf diesem Album geht: Um Berlin – andere Titel lauten „Landwehrkanal“, “Wedding“ oder „Grazer Damm“ – und eben um das In-Berlin-Verlorengehen, nicht nur im Sinne der viel beschworenen entgrenzten Selbstfindung oder Selbstauflösung, die unsere Stadt traditionell den Künstler-Möchtegernen und Nachtkreaturen dieser Welt ermöglicht wie wenige andere, sondern auch im ebenso oft beklagten Verschwinden der subkulturellen Freiräume: Der oder die nach dem Selbst oder dessen Auflösung suchende wird also zunächst vorübergehend von der Nacht geschluckt, dann aber dauerhaft von der Gentrifizierung.

Architektur und Wohnraum als Metaphern waren bei den Neubauten natürlich im Bandnamen vorprogrammiert; vor allem in ihren lauteren Jahren – grob gesagt: den Achtzigern – erfreuten sie durch Einsatz von Bauwerkzeug, selbstgefummeltem Rohrschlagwerk und Blixa Bargelds postromantischer Pathos-Lyrik. Vom 1981 erschienenen Debüt „Kollaps“ mit seinen die Industrial-Musik miterfindenden Lo-Fi-Krach-Vibrationen bis zum 1989er- Werk „Haus der Lüge“, das wie kein anderes Album Synthesizer, Nietzsche und Häuserkampf zusammenbrachte, erspielte sich die Band gerade auch international den Ruf, eine Quintessenz West-Berlins zu sein. Ihr Auftritt im Londoner Institute of Contemporary Arts im Jahr 1984, bei dem sie versuchten, mit Presslufthammern durch die Bühne in Geheimgänge zum Buckingham Palace durchzudringen, galt immerhin als monumental genug, dass sie zwei Jahrzehnte später am selben Ort in einem millionenschweren Performance-Kunst-Projekt nachgestellt wurde.

Die Ruhe wird fortgeführt

Mit der Wende kam jenes West-Berlin abhanden, und die Neubauten wurden ruhiger. „Silence is Sexy“ hieß vor 20 Jahren ihr größter deutsche Chart-Erfolg. Das neue Berlin-Album führt die Ruhe fort. Die von N.U. Unruh und Rudolf Moser beklopften Metallobjekte werden für konventionelle Rhythmusarbeit eingesetzt. Jochen Arbeit schubbert gepflegt Gitarre. Orgeln orgeln langgezogene Akkorde, wie etwa im Titelstück „Alles in Allem“, wo Bargeld in seiner längst Tradition gewordenen, staatstragenden Manier kleine Zufallsbeobachtungen mit großen Fragen von Individuum und Unendlichkeit verknüpft.

Das Staatstragende, dies gar nicht nur kokett Anzug Tragende - man könnte auch sagen: diese gewisse Humorlosigkeit - an Bargelds Gebaren hat ja über die Jahre doch ein wenig zu nerven begonnen. Wie Bargelds langjähriger Arbeitgeber Nick Cave, ein ebenfalls mit nicht zu wenig Pathos gesegneter Performer, dessen Alterswerk aber schon länger geschmeidig fließt und in dessen Band Bad Seeds Bargeld lange die Gitarre spielte, hat er nun auf „Alles in Allem“ durch genügend Zurückhaltung seinen Rahmen gefunden: „Ich hab’ unser Lied neu möbliert/die Wände verputzt/einen neuen Ton ausprobiert“ singt er mit nicht zuviel Pathos im schwer walzernden Stück „Möbliertes Lied“, und in dieser leisen Melancholie über die Interdependenzen künstlerischer, wohnraumlicher und zeitlicher Veränderungen ist er erstmals wirklich anrührend. Wie übrigens auch in „Landwehrkanal“ – ein Stück über Rosa Luxemburg und das Gefühl, einen nie gekannten Menschen zu vermissen.

Vielleicht ist diese durch weniger Überborden erreichte Stimmigkeit auch der Tatsache geschuldet, dass das Album im Rahmen seiner Crowdfunding-Finanzierung unter Einbeziehung von Fan-Ideen entstanden ist – als behandelten die Neubauten fremde Impulse vorsichtiger als eigene.

Doch sind die Geister der alten Neubauten auch noch da: Toll kracht die Fräsmaschine mitten im fragmentierten Stück „Zivilisatorisches Missgeschick“, und der Text geht: „Wir leben hier nicht mehr/schon lange nicht/ es sind noch Sachen von uns da“ – das Vermächtnis aus dem Lockdown der Berliner Mauer, für unseren heutigen konserviert.