„Alles ist gut.“ Wenn man diese beliebte Floskel sich und anderen nur oft genug vorsagt, kann das funktionieren. Es ist auch Jannes Strategie, jedenfalls so weit es ihr eigenes Leben betrifft. Die Hauptfigur in Eva Trobischs Debüt „Alles ist gut“ will nicht auffallen und dabei vor allem: immer weitermachen. Auf gar keinen Fall will sie Mitleid, sie will kein Opfer sein. Auch dann nicht, wenn etwas geschieht, von dem man nie gedacht hätte, dass es einem selbst passieren kann. Wie Scheitern. Wie vergewaltigt werden.

„Wut ist Schwäche.“

Im Baumarkt sucht Janne Sachen zusammen, die sie und ihr Freund Piet für die Renovierung eines alten Hauses in Niederbayern brauchen. Am Abend gehen sie zusammen in die Dorfkneipe, lernen Einheimische kennen. Sie sind ein bisschen betrunken, ausgelassen, haben Sex zwischen Kisten und unverputzten Wänden. Ein neuer Anfang, ein Aufbruch, zu zweit.

Am nächsten Tag treffen sie im nahen München den Insolvenzverwalter, der kleine Verlag, den das Paar mit einem Freund zusammen betrieben hatte, musste Insolvenz anmelden. Der Freund hat inzwischen einen Bestseller geschrieben, er sei jetzt bei Hanser, erzählt Janne, „und das ist auch gut so“. Piet ist wütend, denn der Dritte im Bunde ist nicht erreichbar, hat sich aus der Affäre gezogen. Janne denkt nach vorne. Wut ist Schwäche.

Gespielt mit atemberaubender Präzision

Trobisch erzählt konsequent aus Jannes Perspektive. Die Schauspielerin Aenne Schwarz, Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters und im Kino zuletzt als Lotte Zweig in „Vor der Morgenröte“ zu sehen, spielt die Uneindeutigkeiten und Unsicherheiten ihrer Figur mit atemberaubender Präzision. Oft folgt ihr die Kamera und meidet dabei die Perspektive des frontalen Blicks. So wie Janne eher reagiert als agiert.

Am Rande eines Klassentreffens begegnet Janne ihrem alten Bekannten Robert, der ihr anbietet, sie als Lektorin anzustellen. Auf dem Klassentreffen ist sie mit zahlreichen Erfolgsgeschichten konfrontiert, sie berichtet vom Neuanfang, vom Haus in Niederbayern. Das hat dann schon etwas Ostentatives: Alles ist gut. Sie tanzt viel und trinkt viel, mit Martin, den sie dort kennenlernt. Sie bietet ihm das Sofa an in ihrem Elternhaus. Er will mit ihr schlafen, sie will das nicht. Er vergewaltigt sie.

Lange vor MeToo

Und Janne macht weiter mit ihrer Bewältigungsstrategie. Sie lässt sich von Robert anstellen, Martin, der seine Tat bereut, wird zu ihrem Arbeitskollegen. Piet ist wütend. Janne sitzt in der Premiere von Ibsens Stück „Nora“ – eine Frau, die versucht, in einer von Männern dominierten Gesellschaft sie selbst zu sein – zwischen ihrem neuen Chef Robert und Martin.

Eva Trobisch zeichnet Janne als aufgeklärte, gebildete junge Frau, die sich die Welt gern mit Sarkasmus vom Leib hält, als gute, intelligente Beobachterin, durchaus in der Lage, für andere Entscheidungen mit Tragweite zu treffen – nur für sich selbst tut sie sich da schwer. Trobisch hat 2015 mit ihrer Arbeit an dem Drehbuch begonnen – lange vor der MeToo-Debatte.

Nun liegt es nahe, „Alles ist gut“ als Kommentar dazu zu betrachten, nicht in Form eines Themen- oder Thesenfilms, sondern als eindringliches, lange nachhallendes Psychogramm.

Wie frei ist man in sozialen Systemen?

Die umstrittene australische Feministin Germaine Greer hat kürzlich das Buch „On Rape“ veröffentlicht und wurde in der Folge wegen ihrer zum Teil sehr fragwürdigen, provokativen Thesen stark angegriffen. In einem Interview mit der BBC führte sie ihre Haltung weiter aus: Von einem Fremden vergewaltigt zu werden, sei „bloody bad luck“, „übles Pech“, aber eben „wie wenn man von einem Bus überfahren wird. Man muss das nicht verinnerlichen und sein ganzes Leben hinterfragen.“ So provokativ die Formulierung ist – es geht Greer um weibliche Selbstermächtigung, darum, dass Frauen die Wahl haben sollten, wie sie nach sexuellen Übergriffen mit dem Erlebten umgehen.

Haben sie die Wahl? Wie frei kann man in unserer Gesellschaft entscheiden? Wie frei ist man in sozialen Systemen, in denen das eigene Handeln, das eigene Agieren und Reagieren immer auch Folgen für andere hat? Solche Fragen berührt Eva Trobisch in ihrem Film, der in Locarno mit dem Preis für das Beste Debüt ausgezeichnet wurde – Antworten, und das ist auch gut so, gibt sie nicht.

Alles ist gut. Deutschland 2018, Regie und Drehbuch: Eva Trobisch. Kamera: Julian Krubasik. Darsteller: Aenne Schwarz, Andreas Döhler, Hans Löw, Tilo Nest, Lisa Hagmeister, Falk Rockstroh u.a., Produktion: Trini Götze, David Armati Lechner, Spielfilm, Farbe, 93 Min., FSK ab 12.