Über das Allerschlimmste kann man eigentlich nur schweigen. Oder was gibt es zu sagen, wenn ein Mann seine Frau, seine Kinder und dann sich selbst erschießt? Das mittlere der drei Kinder, der jüngere Sohn, überlebte. Er konnte sich im Schrank verstecken. Auf das lebenslange „Warum?“ des Jungen (Warum hat der Vater das getan? Warum habe ich überlebt? Hätte ich eines meiner Geschwister retten können?) gibt es außerhalb der Kirche wohl keine Antwort. Nur eines vielleicht könnte er die Nachbarn von damals sinnvoll fragen: Wann hatte das angefangen?

Massaker an der Familie durch den Vater

23 Jahre später, 23 Jahre nach dem Massaker an seiner Familie durch seinen Vater, kommt der inzwischen 31-jährige Tommy zurück auf die kleine Insel der schottischen Hebriden, auf der er geboren wurde. Der Junge, der überlebte. Und die ehemaligen Nachbarn und sogar sein eigener Onkel, der Bruder des Vaters, bei dem Tommy nach der Tragödie einige Zeit lebte, haben Angst vor ihm. Wo war er? Warum kommt er jetzt? Was will er von uns?

Die Engländerin Rebecca Wait, 1988 geboren, arbeitet in London als Lehrerin und veröffentlicht mit „Das Vermächtnis unserer Väter“ nach Kurzgeschichten und Theaterstücken bereits ihren dritten Roman. Wobei die deutsche Übersetzung von Jenny Merlin für den Verlag Kein & Aber (Zürich, Berlin) bemerkenswerterweise noch vor dem englischsprachigen Original herausgekommen ist. „Our fathers“  wird erst 2020 bei Riverrun Publishing erscheinen.

Unter dem Titel „Kopfüber zurück“ (The View on the Way Down) ist seit 2015 schon Waits Erstling im deutschsprachigen Handel, auch das ein Familienschicksal mit totem Sohn. Ihr zweites Buch, „The Followers“ (etwa: Die Anhänger), das davon handelt, wie eine Mutter mit  ihrer Tochter in die Fänge einer Sekte gerät, ist noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Rebecca Wait schreibt eng an der Geschichte entlang. Und sie ist definitiv eine Geschichtenerzählerin. Atmosphäre entsteht durch Handlung, Ortsbeschreibungen und kleine, wirkungsvolle Perspektivverschiebungen: „Hätte Katrina überlebt, hätte sie hinterher gesagt, was Menschen in solchen Fällen immer sagen: dass es ein Tag gewesen sei wie jeder andere.“  Katrina war Tommys Mutter, die den Mann von der Insel geheiratet und versuchte hatte, dort heimisch zu werden. Die leben wollte und dann  – ja, und dann. Ein Zwischenkapitel widmet Wait der Jugend der Mutter.

Und sie entwickelt nach Tommys Rückkehr sehr subtil, wie die Nervosität der Insulaner ebenso zunimmt wie die von Tommy, und das nicht ohne Grund. Es gibt nicht nur Schuld, sondern auch einen Sündenfall in dieser Geschichte, einen Verrat. Aber das Wichtigste ist, wie Tommy und sein Onkel sich annähern. Wie sie ihr jeweiliges Schweigen allmählich überwinden, indem sie das des anderen akzeptieren. 

Rebecca Wait bewegt sich zwischen psychologischem Roman, Familiengeschichte und Krimi. Und bleibt dabei so wirkungsvoll karg wie die Landschaft der Hebriden selbst. Alles nur Fels und Heide, Moor und Meer, dazwischen Schicksal, menschliches. „Litta“ heißt die Insel bei ihr. Das Vorbild müsste, nach der geographischen Verortung eigentlich Colonsay sein.