Auch ein Pommes-Crash droht – zumindest laut Marktbericht des Bauernverbands.
dpa/Jens Büttner

BerlinIch bin ja nicht nur Zeitungsschreiber. Ich bin auch Zeitungsleser, überhaupt: ein starker Nachrichtenkonsument. Das bringt der Beruf so mit sich. Stets denke ich: Du musst doch gut informiert sein. Gerade jetzt in der Krise.

In den vergangenen Wochen ist mir bei der Zeitungslektüre aufgefallen, dass durch Corona eine Menge „droht“. Dieses kleine, dunkel-raunende Wörtchen erlebt gerade eine bedrückende Popularität. Quasi täglich kommt irgendein Corona-Bedrohungsszenario hinzu. Also habe ich mal im Archiv und im Internet nachgeschaut, was in den deutschen Medien, auch in der Berliner Zeitung, zuletzt an Bedrohungen ausgerufen wurde.

Durch Corona „droht“: eine Rekordverschuldung. Eine Masseninsolvenz. Eine Mega-Pleitewelle. Eine tiefe Depression. Ein Inflationsschock. Ein Zinsschock. Eine Doppel-Rezession. Der Staatsbankrott. Ein Milliardenloch. Die heimliche Enteignung der Sparer. Die Armutsfalle. Ein Jahrzehnt der Verzweiflung. Eine düstere Zukunft. Neues Unheil. Ein Albtraum. Ein dauerhafter Stillstand unserer Wohlstandsmaschine. Der schlimmste Absturz seit 1709. Isolation. Die EU-Krise. Eine Geburten-Krise. Eine noch weitaus größere Krise. Eine Revolution der Mittelschicht. Ein Software-Chaos. Ein Massenansturm bei Ikea. Der psychische Kollaps. Ein Netz-Kollaps. Der Kollaps der deutschen Urlaubsregionen an Pfingsten. Fleischknappheit. Mangelernährung. Die Schweine-Pest. Medikamenten-Mangel in Europa. Der Pommes-Crash. Ein neuer Verteilungskampf auf der Straße. Mehr Feinstaub. Bleibende Schäden im Schengen-Raum. Ein zweiter Brexit in Italien. Spanien wird das neue Italien. Brasilien wird das neue Italien. Frauen fallen in alte Rollenbilder zurück. Corona wirft Frauen um 30 Jahre zurück. Frauen kehren in die 50er-Jahre zurück. Das Club-Sterben. Das Restaurant-Sterben. Das Reisebüro-Sterben. Das Kino-Sterben. Das Kita-Sterben. Das Sterben der Fahrschulen. Die Übersterblichkeit. Eine Terror-Pandemie in Afrika. Eine Infodemie. Eine verlorene Generation.

All das „droht“ also. Meine Liste ist leider unvollständig, weil mich das Notieren der Corona-Bedrohungsnachrichten erschöpfte und depressiv verstimmte. Fast hätte ich mir in den Kopf geschossen. Bringt ja alles nichts! Die Welt geht unter, oder?

Journalistisch betrachtet ist das Wörtchen „droht“ ideal, weil es gut und schlagzeilenträchtig knallt, aber in einer Zukunft spielt, die niemand kennt, niemand überprüfen kann. Ein Wort wie eine Glaskugel. Ein ewiges Vielleicht.

Manche der Corona-Bedrohungen erscheinen nun überaus real. Das Restaurant-Sterben. Das Kino-Sterben. Andere sehr abwegig. Die Krise dauert jetzt rund zweieinhalb Monate, zweieinhalb Monate Homeoffice für viele Familien, aber schon wird das Schreckensszenario aufgemacht vom „Rückfall in alte Rollenbilder“. Ja, eine „Rückkehr in die 50er-Jahre“ wird zuweilen ernsthaft diskutiert. Das wären gut 70 Jahre Emanzipationsrückschritt innerhalb von zehn Wochen. Wow! Aber Corona macht eben alles möglich. Ähnlich abwegig: Es droht eine „Verlorene Generation“. Das vermutet Thomas Krüger, Präsident des Kinderhilfswerks.

Warum? Wegen der wochenlangen Kita- und Schulschließungen. „Verlorene Generation“ war früher ein Begriff, den man sich für Weltkriege aufsparte. Für Menschheitskatastrophen. Heute muss nur die Kita schließen. Und schon ist alles verloren.

Manchmal frage ich mich: Warum sind wir so eine Angstgesellschaft geworden? So getrieben von Untergangslust? Wir leben in diesem unfassbaren deutschen Wohlstand, noch immer. Aber das macht uns nicht verhalten zukunftsoptimistisch. Sondern seltsam hysterisch. Droht die Wohlstandsverblödung? Ich glaube, es droht etwas ganz anderes: Dass die Welt nach Corona auch nicht viel anders aussieht, als die Welt vor Corona.