Berlin - „Ich distanziere mich“, sagt der Schauspieler Hanns Zischler in seinem Beitrag für die Medienkunstaktion allesdichtmachen.de, „von den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung.“ Dabei aber bleibt er nicht stehen. In lyrischer Vieldeutlichkeit bezieht er ganz am Ende seiner Distanzierungssuada auch sich selbst ein. Gelegentlich Abstand vom eigenen Ich zu nehmen ist die vornehmste Art individueller Selbstbehauptung. Man nennt es Reflexion.

Betrachtet man jedoch die heftigen Reaktionen auf die über 50 Statements von Schauspielern, darunter auffällig viele Darsteller von „Tatort“-Kommissaren wie Ulrike Folkerts, Meret Becker, Ulrich Tukur, Jan Josef Liefers, so scheinen nicht allzu viele Zuschauer bis zum Buchstaben Z wie Zischler gekommen zu sein, um die Ambivalenz der vielfältigen Schauspieleräußerungen auf sich wirken zu lassen.

Dass sich nun einige Teilnehmer von ihren Beiträgen distanzieren oder zumindest darüber erschrocken sind, dass sie nun in die ideologische Nähe der sogenannten Querdenker gerückt werden, hat sicher auch mit dem diffusen Gesamtpaket der Videobotschaften zu tun. Während jede Einzeläußerung für sich genommen eine künstlerische Anmutung hat, die nicht unbedingt als schnörkelloser politischer Kommentar zu verstehen ist, entsteht aus der Zusammenballung der Äußerungen doch der Eindruck, es gehe hier ausschließlich und allein um eine beißende Kritik an den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung, die sich von den Positionen von Pandemie-Leugnern wenig unterscheidet.

Tatsächlich aber wäre zu fragen: Wer spricht? Es handelt sich um Schauspieler, die seit mehr als einem Jahr in der Ausübung ihres Berufes beeinträchtigt sind. Viele derer, die sich in dem Video äußern, waren vor dem Lockdown, der auch einem Stillstand ihrer künstlerischen Aktivtäten bedeutet, derart präsent, dass sie die Zwangspause zumindest wirtschaftlich verkraften dürften – ganz im Gegenteil zu vielen nicht so gut beschäftigten Kollegen.

Man sollte die bittere, unterhaltsame, widersprüchliche, sarkastische und mitunter auch naive Positionierung von Schauspielern in einer konzertierten Videobotschaft als ebenso ernsten wie spielerischen Denkanreiz in einer gesellschaftlichen Krisensituation verstehen, die weit komplexer ist als Inzidenzwerte, Impffortschritte und Notbremsen-Gesetze es nahelegen.

Das ganze Ausmaß des sozialen Ausnahmezustands wird auch dadurch deutlich, dass eine Gruppe von Schauspielern sich darauf zurückgeworfen sieht, die Rudimente ihres Darstellungsvermögens in einer Videobotschaft verpacken zu müssen. Dass Jan Josef Liefers sich nun genötigt sieht, sich nachträglich von sich selbst, beziehungsweise seiner missverständlichen Botschaft zu distanzieren, mögen viele als peinlich finden. Tatsächlich trägt es auch zu einer Debatte bei, die gerade in Bezug auf das Notstandsgebiet Kunst dringend geführt werden muss. Wer jetzt, wie das WDR-Rundfunkratsmitglied Garrelt Duin berufliche Konsequenzen für Jan-Josef Liefers fordert, hat die Bedeutung des hohen Gutes der Meinungsfreiheit nicht wirklich begriffen.