Florian Malzacher Theaterkritiker und Dramaturg
Foto: Alexander Verlag/Wolfgang Silveri

BerlinKennen Sie Karl? Man begegnet ihm neustens in Filialen einer großen Supermarktkette. An jedem dauerhaft leeren Regal hängt nun ein Schild mit Strichmännchen drauf, daneben sein Rollenprofil: „Karl kauft normal ein. Er verfällt nicht in Panik und denkt an seine Mitmenschen. Sei wie Karl!“ Eine Anweisung, die stocken lässt. Da starrt man auf die Sachlichkeit dieses Strichmännchens, und plötzlich fängt in einem tatsächlich doch das Herz für den gerade noch verfluchten Hamsterer anzuschlagen.

Und hinter dem mageren Karl blitzt im Weiß des Regals plötzlich das schwitzende Gesicht eines stressüberernährten Vaters auf, Kinder quengeln. Es durchzuckt ihn die Gewissheit, dass er seinen IBB-Soforthilfeantrag doch falsch ausgefüllt hat. Erst tagelang warten, dann durch Unkonzentriertheit versagen, Mist! Aber keine der Kategorien im Antrag traf so richtig auf ihn zu. Kein Geld jetzt? Das wäre das Aus.

Die Leere ist auch nicht die Leere

Und schon liegen sechs Packungen Küchenrolle, Taschentücher, irgendwas im Wagen. „Ich brauch es doch dringend!“ rauscht es noch durch Papas Kopf, aber wir verlassen den Karl-Antipoden hier und geben den ersten Quarantänetipp ab: Schauen Sie sich draußen um und genau hin. Die Leere ist auch nicht die Leere.

Der zweite Tipp ist gar nicht weit entfernt von den (post)dramatischen Spielzügen des Alltags. Denn er annonciert ein Buch, das sich selbst beherzt zum Plädoyer für ein neues politisches Theater erklärt. Ein Theater, das Politik nicht nur behauptet, sondern selbst eingreift, ja Welt verändert!

Buch-Tipp

Florian Malzacher
„Gesellschaftspiele“
Alexander-Verlag,
Berlin, April 2020,
150 S., 15 Euro

Der Dramaturg und Festival-Kurator Florian Malzacher hat dafür seine Kenntnisse der Postdramatik der letzten dreißig Jahre versammelt, die ihm liebsten Vertreter herausgepickt und das Buch „Gesellschaftsspiele“ daraus gebastelt.

Eine in Teilen sehr brauchbare, im Verlauf aber doch auch viel nur behauptende Besprechung aller wichtigen Theaterformate der Gegenwart, die sich von der Kritik der Repräsentation zu den ambivalenten Empfindlichkeiten identitätspolitischer Zuschreibungen (Race, Gender) vorarbeitet, Chancen und Gefahren des partizipativen Theaters nennt und bei den umstrittenen Aktionsvarianten des Zentrums für politische Schönheit und Milo Raus endet.

Die ewige Doppelfigur

Tatsächlich lesen sich die ersten 50 Seiten wie im Flug, denn selten hat man die Tücken der Repräsentation als Grundstein des Theaters so elegant erklärt bekommen. So wenig ein Repräsentant in der parlamentarischen Demokratie sich selbst repräsentiere, in allen Handlungen vielmehr auf den eigentlichen Souverän, den Wähler, verweise, so ambivalent verhalte es sich auch mit dem Schauspieler auf der Bühne. Auch er ist weder nur Rolle noch nur er selbst, sondern immer Doppelfigur.

Repräsentation heute kann es nur gebrochen geben, im besten Fall legen ihre Vertreter das offen. Leider geht dem Autor ab dem dritten Kapitel, wo er Partizipation gegen Immersion ausspielt, die vielseitig analysierende Puste aus. Theorie-Zitate ersetzen Eigenbeobachtung, es siegt die Behauptungsprosa.