Alltagsrassismus beim Dating: Warum es rassistisch ist, auf Schwarze zu stehen

Unsere Autorin ist Schwarz. Und manche Männer stehen auf Schokolade und bauen Brunnen. Was hat das alles mit Rassismus zu tun und wie reagiert sie darauf?

Auch beim Daten spielt Rassismus manchmal eine Rolle.
Auch beim Daten spielt Rassismus manchmal eine Rolle.Tatyana ZW Alanis (@French75Studios) für Berliner Zeitung am Wochenende

Es war der Sommer, in dem ich nach Berlin zog. Ich saß im Garten eines großen Clubs und unterhielt mich mit Menschen, die ich seit ein paar Minuten kannte. Ein langhaariger Mann, der etwas abseits der Gruppe saß, strahlte mich an und sagte: „You look like Jungle.“ Es war offensichtlich ein freundlich gemeinter Versuch der Kontaktaufnahme: Du siehst nach Dschungel aus. Irritiert wandte ich mich ab, später machte ich mir Vorwürfe, dass ich ihm nicht gesagt hatte, dass das nicht geht. Mir fehlte aber wieder einmal die Kraft für eine Diskussion.

Die Fetischisierung Schwarzer Körper ist von Vorurteilen der Kolonialzeit geprägt. Schwarze Menschen galten als naturnah, primitiv und unzivilisiert. Die Schwarze Musikerin Achan Melonda schrieb in einem Artikel für die Berliner Zeitung: „Seit Beginn der Kolonialzeit wurden rassifizierte Menschen und ihre Sexualität zum Gegenentwurf der weißen Zivilisation herabgewürdigt und für minderwertig erklärt.“ Auch aufs Dating hat das heute noch große Auswirkungen, für mich fast jedes Mal.

Mein Daumen streckt sich kurz nach oben, tanzt auf dem Panzerglas des Smartphones von rechts nach links und wischt ein Foto nach dem anderen weg. Da erscheint ein gutaussehender, weißer Typ mit verfilzten Haaren und einem Surfboard. Ich will nach rechts swipen, also ein „Like“ geben, doch dann zögere ich, mein Daumen knickt ein. Will ich ihn wirklich treffen? Aus Erfahrung weiß ich, es wird ein Match, er wird nach einem Date fragen. Weit gereiste, Dreadlocks tragende, „ein Jahr in Afrika“ gewesene Typen wie er stehen auf mich. Weil ich Schwarz bin, „aber nicht so richtig“, bin ich für sie offenbar besonders interessant. Ich entscheide mich diesmal für links und wische ihn weg.

Die Brunnenbauer

Männer wie ihn nenne ich nur noch „Brunnenbauer“. Den Begriff kenne ich aus dem Theaterstück „Call me Queen“ von Thandi Sebe im Ballhaus Naunynstraße. Obwohl die meisten keinen echten Brunnen in Afrika gebaut haben, um arme Schwarze Kinder zu retten, wirken sie doch wie jemand, der diese Art von Aktionismus liebt. Ich weiß auch, dass ich nicht ganz fair bin, denn ich kenne ihn ja nicht. Aber ich muss auch lächeln dabei, weil ich das Schubladendenken bewusst umkehre, für einen Moment. Es ist eine Strategie, mit Rassismus umzugehen. Man könnte auch sagen: Es ist Schwarzer Humor.

Dabei finde ich die meisten „Brunnenbauer“ echt sympathisch. Schließlich haben wir viel gemeinsam: mehr als nur die Art, wie wir die Haare tragen. Oder die Orte, an denen wir einander treffen: auf Festivals, auf Reisen, bei Konzerten. Wir wollen eine Gesellschaft, in der wir einander aufhelfen, statt nach unten zu treten, und hadern damit, dass unser Luxus auf die Ausbeutung anderer Menschen und der Umwelt gebaut ist. Und dann stellt er doch die Frage „Wo kommst du denn ursprünglich her?“ oder sagt mir, dass ich das „Tanzen im Blut“ habe oder greift mir beim Kennenlernen in die Haare. 

In der Pubertät, als ich begann zu daten, hatte ich dabei ein mulmiges Gefühl, wusste aber nicht warum. Inzwischen kann ich es benennen: Das ist Alltagsrassismus. Es ist „Othering“, also das Markieren des Gegenübers als anders. Und wenn Männer explizit auf Schwarze Frauen stehen oder „mal mit einer Schwarzen Frau schlafen wollen“ ist das Exotisierung und Fetischisierung. Das wird mir dann jedes Mal von neuem bewusst.

Obwohl ich nichts mehr davon ertrage, verbringe ich immer wieder Zeit mit solchen Männern. Ich erinnere mich in solchen Situationen daran, dass sie alle und auch ich rassistisch sozialisiert sind. Deshalb reproduzieren die „Brunnenbauer“ und auch andere weiße Männer und Frauen Rassismus unterbewusst. Rassismus ist unser gemeinsamer Feind, und deshalb versuche ich sie und mich für verinnerlichte Vorurteile zu sensibilisieren. Mal erkläre ich geduldig, mal aufgebracht, wie ich nicht genannt und gesehen werden will. Manchmal schweige ich auch und komme erst Wochen später darauf zurück.

Rassistische Sprüche verzeihen

Viele „Brunnenbauer“ geben vor, sich für meine Kultur zu interessieren – nachdem ich erzählt habe, dass ich in Deutschland aufgewachsen bin. Das wirkt für mich befremdlich. Was sollte ich über das kleine Land erzählen, in dem ich vor siebzehn Jahren für ein paar Wochen war? Oder über eine Kultur, deren Sprache ich nicht spreche? Manchen ist auch nicht ganz klar, dass „Afrika“ ein riesiger Kontinent mit Hunderten Kulturen ist.

Wenn ich einen Menschen bereits mag, verzeihe ich solche Dinge. Wenn ich dann doch darauf hinweise, lasse ich das Wort „Rassismus“ bewusst aus. Denn viele reagieren empfindlich, wenn sie das Wort hören, empfindlicher noch als ich auf den Rassismus selbst. Es passt nicht in ihr Selbstbild. Diese Abwehrhaltung verhindert aber, dass sie ihren Rassismus als solchen erkennen. So bleiben Schwarze Menschen in unseren Köpfen wild, impulsiv, körperlich und gleichzeitig geistig beschränkt.

Dabei ist jemand, der etwas Rassistisches sagt, in meinen Augen kein schlechter Mensch. Er wiederholt nur, was er gelernt hat. Schwerer zu verzeihen ist, wenn mein Gegenüber nicht bereit ist, rassistische Zuschreibungen Stück für Stück zu verlernen. Wünschen würde ich mir als Reaktion ein schlichtes „Tut mir leid“ und „Danke für den Hinweis“. 

Ich bin keine Schokolade

Besonders schmerzhaft sind sogenannte Mikroaggressionen in engen Beziehungen. Einer meiner Partner sagte einmal: „Ich stehe halt auf Schokolade.“ Ich war kurz geschockt und schwieg, irgendwann fragte ich nach, wie er das meinte, und sagte ganz leise: „Das geht gar nicht.“ Am nächsten Tag wappnete ich mich innerlich und erklärte warum: Dieser Spruch reduziert mich auf meine Hautfarbe und macht meinen Körper zu einem Objekt, das man essen kann. 

Ich war auch verwundert, weil wir schon vorher bei vielen Dates über Rassismus gesprochen hatten. Dabei hatte ich auch von einer Psychologin meiner Mutter erzählt, die mich mit Cappuccino verglichen hatte. Vielleicht hat er das damals nur abgenickt und nicht wirklich verstanden. Immerhin hat er zugehört, als es dann um ihn ging, sich entschuldigt und versprochen, dass es nicht wieder vorkommt. Nur kurz hat er versucht sich zu rechtfertigen: „Ich habe nicht nachgedacht und wollte lustig sein.“ Ich war sehr erleichtert, weil kein „Ich bin doch kein Rassist“ oder Ähnliches von ihm kam.

Wenn weiße Männer oder Frauen auf Schwarze stehen, wirkt das für mich beliebig: Die Auswahl in Deutschland ist begrenzt, deswegen scheint dieses körperliche Merkmal unverhältnismäßig wichtig. Manchmal entsteht zusätzlich eine Machtdynamik in solchen Beziehungen, weil sie mit Aufenthaltsrechten oder anderen Zugängen zu Privilegien verknüpft ist. 

Einmal habe ich festgestellt, dass mein Liebhaber schon mit einigen anderen Schwarzen Frauen geschlafen hatte. „Ich stehe eben nicht auf diese Lisas und Lenas“, sagte er. „Ist das schlimm?“ Viele Menschen hätten einen bestimmten „Typ“, gewisse Merkmale ihrer Partner ähnelten sich, erklärte er. „Das ist etwas anderes“, sagte ich. „Schwarze oder Asiatin ist kein Typ.“

Sollte ich selbst Schwarze daten?

Es sind rassistische Kategorien, die erfunden wurden, um bestimmte Gruppen zu entmenschlichen und andere aufzuwerten. Wenn sich die sexuelle Vorliebe explizit auf eine solche Kategorie bezieht, kommt in mir der Verdacht auf, dass die damit verbundenen Stereotypisierungen der Grund dafür sind – auch wenn es den Menschen nicht bewusst ist: Bei Schwarzen Frauen denken Männer beispielsweise häufig an eine gesteigerte Libido oder Wildheit, bei Asiatinnen an Unterwürfigkeit.

Manchmal denke ich, vielleicht sollte ich selbst gezielt Schwarze Menschen daten? Und wenn, wäre das nicht ebenso rassistisch? Ich finde: Nein, denn es geht nicht um ihre Körper, sondern darum, dass sie intuitiv wissen, was ich meine, wenn ich von Schokolade und Kaffee erzähle. Beim Amt, in der Kneipe oder am Flughafen kann ein vielsagender Blickwechsel rettender Anker sein, um eine Situation besser zu ertragen. Aber Alltagsrassismus ist nur eine Erfahrung von vielen hier in Berlin. Und außerdem: Die Auswahl ist wirklich zu klein.

*Schwarz wird in diesem Artikel groß geschrieben und weiß kursiv. Diese Schreibweise markiert, dass es sich dabei nicht um eine biologische Eigenschaften oder die Beschreibung der Hautfarbe handelt, sondern um eine politische Positionierung und soziale Zuschreibung.