Mit „Big In Japan“, „Forever Young“ und „Sounds Like A Melody“ schrieben Alphaville unverwüstliche Popklassiker, die auch international einschlugen. Seit 2003 ist Sänger Marian Gold das einzig verbliebene Gründungsmitglied der Synthiepopband. Das hält den 62-jährigen Künstler aus Berlin-Zehlendorf nicht davon ab, mit „Strange Attractor“ das erste Studioalbum seit sieben Jahren herauszubringen. Im Interview erzählt er von der Trauer um tote Wegbegleiter und seinem vollen Geldbeutel.

Auf dem neuen Alphaville-Album besingen Sie das „Sexyland“. Wo genau ist das?

Das findet man nicht mehr, denn das gibt es nicht mehr. Das war mal ein Porno-Schuppen in der Martin-Luther-Straße in Berlin. Da wurden Filme gezeigt, es gab Wichskabinen und künstliche Penisse. Als ich Ende der Siebziger nach Berlin kam, hingen überall Poster, die Reklame für das „Big Sexyland“ machten. Darauf war ein Mädel abgebildet, das mich damals sehr beeindruckt hat. In dem Lied erzähle ich im Prinzip von meinem Leben damals und wie ich dieses Mädchen das erste Mal auf dem Poster sah.

Das beschäftigt Sie nach so vielen Jahren immer noch?

Es ist zwar schon ewig her, aber 1979/1980 war für mich eine sehr intensive Zeit. Ich war ein kleiner dreckiger Punk und wohnungslos. Es war Winter, es war kalt. Wenn ich nirgendwo unterkam, habe ich mir ein U-Bahn-Ticket gekauft und bin nachts die längste Strecke abgefahren – bis zu sechs Mal hin und her. Auf der Endstation hing das Plakat. Ich musste immer aussteigen und warten, bis der Zug wieder zurückfuhr. Dann saß ich auf der Bank, fror und sah vor mir die nackte Frau auf diesem tollen Plakat mit diesem perfekten Körper. Das hat sich eingemeißelt in meiner Erinnerung.

Haben Sie sie jemals getroffen?

Nein, ich habe aber mittlerweile herausgekriegt, wie sie heißt. Mit dem Song haben Alphaville ihr ein Denkmal gesetzt. Ihr Plakat hing mindestens 15 Jahre in der Stadt.

Und im „Big Sexyland“ waren Sie auch öfter?

Das konnte ich mir gar nicht leisten!

Dabei sollte es bis zu Ihrem weltweiten Durchbruch gar nicht mehr lang dauern.

Ja, manchmal steht man kurz vor einer Veränderung, die das ganze Leben auf den Kopf stellt, und man weiß es gar nicht. Ich bin ohne Kohle nach Berlin gekommen, aber mit dem festen Glauben, mein Ding durchzuziehen. In der Zeit, wo der eiserne Vorhang und die Mauer noch existierten, war Berlin ein inspirierender Ort. Ich bin immer wieder erstaunt, dass in der Zeit nicht mehr entstanden ist als ein paar bemerkenswerte Bands wie die Einstürzenden Neubauten und eben auch Alphaville.

Ihr Idol war David Bowie. Hat Sie sein Tod sehr getroffen?

Natürlich. Er war seit Anfang der Siebziger mein ständiger Begleiter. Ich kenne fast jedes Stück und jeden Text von ihm auswendig. Ich habe zwar nie versucht, so zu singen wie er, aber manchmal kommt das wohl unbewusst durch. Doch bei aller Trauer, die ich empfunden habe, als ich die Nachricht von seinem Tod bekam: Ich kann das nicht ansatzweise vergleichen mit dem Verlust unseres Keyboarders Martin List im Jahr 2014. Da ist ein langjähriger Wegbegleiter gestorben, mit dem ich nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern auch auf jegliche andere Art sehr verbunden war.

Mit „A Handful Of Darkness“ haben Sie auch ein Lied über missbrauchte Kriegskinder auf der Platte. Glauben Sie, dass Musik die Welt verändern kann?

Musik kann die Welt schöner machen, aber nicht verändern. Ich glaube nicht, dass Kunst überhaupt etwas verändern kann. Kunst kann aber Impulse geben, politisch zu handeln.

Hat sich Ihr Selbstverständnis als Künstler verändert? Am Anfang Ihrer Karriere legten Sie viel Wert auf Coolness gelegt.

Cool will ich immer noch sein! Cool bedeutet ja auch, aus einer gewissen Distanziertheit heraus die Dinge künstlerisch abzuhandeln. Und Distanz finde ich gut.

Sie sind also nicht der Popstar zum Anfassen?

Ich bin weder zum Anfassen, noch ein Popstar. Ich sehe mich als Künstler. Ein Popstar ist jemand, der eine Nummer-1-Single in den Charts hat – habe ich aber gerade nicht. Angefasst werde ich auch nicht gern von Fremden.

Haben Sie Ihre „Bravo“-Artikel von früher eigentlich aufbewahrt?

Nein, es gibt Leute, die haben Archive, da muss ich mir nicht auch noch eins anlegen. Ich bin auch nicht auf der Suche nach dieser Art von Vergangenheit. Ich habe aber meine eigenen Aufzeichnungen aufbewahrt wie Tagebücher und Fotoalben. Das gibt mir mehr als in alten Artikeln über mich zu lesen.

Treten Ihre Kinder in die Fußstapfen des Vaters?

Sie haben alle andere Pläne als Musik. Sie finden es zwar cool, dass ihr Papa Musiker ist, aber ihre Interessen liegen ganz woanders.

Sie haben sieben Kinder von vier Frauen. Haben Sie Ihr ganzes Geld in die Familie gesteckt?

Nein, mein ganzes Geld nicht – so wenig Geld habe ich jetzt auch nicht. Ich habe so viel Geld, dass ich es gar nicht alles ausgeben kann! Es hat natürlich geholfen, dass ein Musiker wie Jay-Z „Forever Young“ gecovert hat. Aber Geld war nie der Grund, warum ich Musik gemacht habe. Das wäre ja auch ein ziemlich irrsinniger Gedanke. Meine Beweggründe waren etwas ehrenwerter.

„Forever Young“ ist der größte Hit von Alphaville. Wie kommen Sie mit dem Älterwerden klar?

Überhaupt nicht. Wie soll man denn damit klar kommen? Älterwerden ist scheiße. Mich nervt, dass man schneller müde wird, nicht mehr so fit ist und vergesslicher wird –Einschränkungen jeglicher Art. Allerdings ist es auch nicht zu ändern, also warum sollte ich mir einen Kopf machen?