Im Aquarium am Zoo ist es ruhig und kühl. Exotische Quallen und seltene Fische gleiten durch die Bassins, dicht stehen Besucher an den Scheiben. Diese gedämpfte Atmosphäre gefällt Marian Gold, er hat das Aquarium als Treffpunkt vorgeschlagen. Es sei ein Ort der Reflexion, sagt er.  Zwischen den Fischen findet Gold seine Ruhe, sagt er. Früher war er oft allein hier. Heute geht er mit seinen Kindern hin.

Früher, das war vor mehr als 30 Jahren, als Marian Gold als Sänger der Band Alphaville zu den populärsten Bands Europas gehörte. Alphaville kannten alle. 1984 erschienen „Big in Japan“, „Forever Young“ und  „Sounds like a melody“. Das Debütalbum wurde zwei Millionen Mal verkauft, es stand wochenlang  in den Charts. Bis heute sind die Songs Hits geblieben. Sie werden im Radio gespielt und sorgen auf Partys für gute Laune.

Ein drogenabhängiges Paar

Dabei scheint alles ein großes Missverständnis zu sein, ein gewaltiger Irrtum. Die Songs sind viel trauriger als manche glauben. „Big in Japan“ zum Beispiel, da geht es um ein drogenabhängiges Paar vom Bahnhof Zoo. Es besorgt sich mit käuflichem Sex das Geld für den nächsten Schuss Heroin. „Bezahl! Dann werde ich an deiner Seite schlafen“, singt Marian Gold. Man kennt solche Szenen aus dem Film über Christiane F. vom Bahnhof Zoo. 

Marian Gold war noch nie in Japan. „Big in Japan ist eine ironische Redensart“, sagt er. So rechtfertigen gescheiterte Menschen ihr Leben. Sie wollen sagen: Hier bin ich nichts, aber in Japan wissen die Leute, was sie an mir haben, da bin ich groß. „Big in Japan ist ein Lied über zwei Junkies, die vergeblich versuchen, von der Droge loszukommen“, sagt Marian Gold. „Sie biegen sich was zurecht, obwohl sie wissen, dass sie keine Chance haben.“ Ähnlich deprimierend ist „Forever Young“. Es geht eben nicht um die ewige Jugend, sondern ums Älterwerden. Wer will schon wirklich ewig leben, singt Marian Gold mit seiner hohen Stimme. 

„Wir waren Amateure“

Der Musiker ist jetzt 62. Ein ruhiger, gemütlicher Mann, der lange überlegt, bevor er redet und oft verschmitzt lächelt. Dann formen sich kleine Falten um die Augen. Er sagt, alt zu werden gefalle ihm gar nicht. „Das Spontane, das Aggressive, die Neugierde werden durch Erfahrungen ersetzt. Mit 62 Jahren kannst Du kein Popstar mehr sein. Dazu gehört auch immer eine Portion Jugendlichkeit. Heute muss das Attribut Künstler reichen.“

Alphavilles erstes Album macht das Synthipop-Trio  über Nacht berühmt, die Band tut aber nichts gegen die falschen Interpretationen ihrer Songs. Hätten sie ihre Texte erklärt, vielleicht wären die Songs keine Hits geworden? Kann sein. „Uns ging es nie darum, verstanden zu werden. Auch damals nicht, in unseren Anfängen“, sagt er.

Die Band wollte nur Musik machen. „Sobald wir einen Song produziert hatten, war allein das schon ein totaler Kick. Wir waren Amateure. Keiner konnte ein Instrument spielen. Wir hätten uns nie träumen lassen, die Musik zu realisieren, die in unseren Köpfen spielte.“

Obdachlos in Berlin

1976 kommt Marian Gold – mit richtigem Namen heißt er Hartwig Schierbaum – nach Berlin. Abitur und Bundeswehr hat der 22-Jährige gerade hinter sich. In Berlin kennt er anfangs niemanden, er hat nicht mal eine Wohnung. In Kneipen säuft er sich mit anderen Gästen durch die Nacht, sie nehmen Drogen, am Ende findet der Obdachlose immer irgendwo ein Notquartier. Was für ein Elend.

Marian Gold kann schon als Jugendlicher gut singen. Er hört Roxy Music, David Bowie und Tim Curry, Männer mit weiblichen Zügen und weichen Stimmen. „Dieses androgyne Gefühl, diese ambivalente sexuelle Orientierung haben mich fasziniert“, sagt Marian Gold. In Berlin tragen  die Männer aparte Glitzerjäckchen, sie färben und toupieren die Haare und schminken sich. Alle leben sich aus, keinen stört’s.

Ohne Equipment, keine Band

In Neukölln mietet Marian Gold eine Wohnung, er will Malerei studieren, Kunst interessiert ihn. Er jobbt auf dem Bau, verdient endlich Geld und fängt an, Schallplatten zu sammeln. Er findet Freunde, die nehmen nicht ganz so viele Drogen. Musiker sind dabei, sie mögen die gleiche Musik wie er. 

1981 gründet Marian Gold mit zwei Freunden Alphaville. So heißt der Film von Jean-Luc Godard, ein düsterer Science-Fiction. Die Freunde verkaufen ihre Schallplatten und schaffen sich Technik an: Elektro-Orgeln, Rhythmusmaschinen, Sequenzer und Synthesizer. „Ohne dieses Equipment hätte es Alphaville nie gegeben“, sagt Marian Gold.

Immer noch genug Geld

In einem Übungsraum bei Freunden in Münster nehmen sie ihre ersten Songs auf, pendeln ständig per Anhalter, das Leben ist wild und ungeordnet. 1983 fährt Marian Gold mit einem Demotape nach Berlin, er hat drei Termine mit Plattenfirmen und am Abend drei Vertragsangebote für ein Album. Lange diskutiert die Band darüber, ob „Big in Japan“ darauf erscheinen soll. „Es erschien mir zu alt“, sagt Marian Gold. „Immerhin lagen zwischen der ersten Aufnahme und der letztendlichen Veröffentlichung fünf Jahre. Ich war immer der Zweifler. Doch die Band entschied sich Gott sei Dank anders.“

Die plötzliche Popularität hätte sein Leben kaum verändert, sagt Marian Gold. „Diesen Rausch hatte ich schon vorher mit Drogen erlebt und überlebt. Das Neue war, dass dir plötzlich alle auf die Schultern klopfen und du auf einmal super viele Freunde hast.“ Es folgen etliche Fernsehauftritte, immer Vollplayback. Liveauftritte waren damals nicht üblich.

Marian Gold versucht, gelassen zu bleiben, er sucht nicht den Rummel im Show-Geschäft und  denkt oft an diese Ruhe im  Aquarium. Der Promi-Status vergeht. Für die Teenager-Zeitschrift Bravo ist der Sänger der Band, damals Anfang 30, schon zu alt. Das zweite Album von Alphaville erscheint 1986, „Dance with Me“  wird zum Hit. Marian Gold stört der Wandel nicht. Er will nur weiter Musik machen. Er verdient immer noch genug Geld, um seinen Lebensstil zu halten.

Bis zu 40 Konzerte im Jahr

Alphaville gibt es heute immer noch, im Laufe der Jahre wechselten die Mitglieder. Vor drei Jahren starb der langjährige Keyboarder Martin Lister. Marian Gold ist heute das letzte Mitglied aus der Gründungszeit, das Urgestein. Er wohnt mit seiner Familie  am Nikolassee. Morgens geht er mit dem Hund raus, dann trifft sich die Band, sie machen den ganzen Tag Musik. Etwa 40 Konzerte gibt Alphaville im Jahr. Sie  spielen die Hits von damals. Bayreuth, Freising, Zinnowitz. Im Juli tritt die Band in der Wuhlheide auf. Mit Chris Norman, Limahl und Stars der Neuen Deutschen Welle.

Vor wenigen Wochen erschien Alphavilles siebtes Studioalbum,  „Strange Attractor“. Der Titel ist ein Begriff aus der Chaosforschung. „Er beschreibt ein dynamisches System, das eigentlich fest definiert ist, dessen Endzustand aber nicht vorhersehbar ist“, sagt Marian Gold. Er kennt dieses Gefühl der inneren Unruhe, wenn die Gedanken brodeln. Doch im Aquarium, sagt er, da herrsche diese ozeanische Ruhe.