Anna Kemper (Riva Krymalowski) mit ihren Eltern (Carla Juri und Oliver Masucci)
Foto: Warner/Frédéric Batier

BerlinAlfred Kerr hieß bei seiner Geburt Alfred Kemper, durfte dann aber nach staatlicher Erlaubnis den Namen führen, unter dem er als Theaterkritiker berühmt geworden war. Seine Tochter Judith Kerr holte sich den Geburtsnamen leicht verwandelt zurück, als sie ihren Kinderroman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ schrieb. Sie erzählte mit Familie Kemper leicht verändert ihre eigene Geschichte: Wie sie als Neunjährige aus ihrem vertrauten Umfeld herausgerissen wurde, denn ihr Vater war den Nazis mehrfach verhasst, als Jude und freier Geist.

Caroline Link schafft es in ihrer Adaption, mit wenigen Bildern für die Zeit in Berlin eine heimische, familiäre Atmosphäre herzustellen. Sie zeigt ausführlicher als Judith Kerr die Freundschaften, in denen das Mädchen Anna (Riva Krymalowski) und ihr Bruder Max (Marinus Hohmann) steckten, zeigt, wie sie sich in einem großen Haus wohlfühlten, wo das Kindermädchen Heimpi (Ursula Werner) offenbar eine wichtigere Rolle spielte als die Mutter.

Weil die Kamera hier aus der Kinderperspektive schaut, bleiben einige Details der Flucht aus Berlin unerzählt: Der Zuschauer muss auch nicht so genau wissen, wann wer wie den Vater gewarnt hatte. Wichtig ist, dass er Frau und Kinder in Zürich wiedersehen konnte. Caroline Link setzt auf die Stärke der Erzählung und schickt kaum Menschen in Nazikostümen durch die Kulissen, wie das in vergleichbaren deutschen Filmen über diese Zeit üblich ist.

Ein Film für Jung und Alt

Der Regisseurin und ihrem Ensemble gelingt das Kunststück, dass man als Erwachsener dem Geschehen ähnlich fasziniert folgen kann wie als Kind. Es ist ein Familienfilm, wie man ihn sich nur wünschen kann. Ältere Zuschauer mögen mit ihrer Erfahrung der Geschichte von den Bildern sogar stärker berührt werden, Kinder wiederum können die vielen lustigen Momente besser auskosten. Caroline Link inszeniert mit doppeltem Blick, lenkt die Schauspieler der Eltern (Carla Juri und Oliver Masucci als Eltern) so, dass ihre zunehmende Verunsicherung spürbar wird.

Sie spielen, wie sie den Kindern eine Gelassenheit angesichts der Umstände vorspielen. Doch dass die Familie wegen einer schweren Erkrankung Annas viel zu lange im Hotel in Zürich geblieben ist, dass auch der Aufenthalt in der Schweiz keine Zukunft hat, weil Schweizer Zeitungen die Artikel des deutschen Kritikers nicht drucken wollen, dass sie schließlich in Paris auf engstem Raum hausen müssen – das alles wird auch Kindern nicht verborgen bleiben.

Anna (Riva Krymalowski) muss ihr rosa Kaninchen in Berlin zurücklassen.
Foto: Warner/Frédéric Batier

Junge Zuschauer mögen leicht verstehen, wie schwer den Geschwistern die Auswahl zwischen all ihren Dingen fiel, da sie jeweils nur zwei Bücher und ein Spielzeug mit auf die Flucht nehmen durften. Vor allem können sie die Andersartigkeit der Dorfkinder und der Pariser Mitschüler sehen. Anna und Max sind immer bestrebt, nicht aufzufallen, sie wollen einfach irgendwo dazugehören. Dass sie es schaffen, viel leichter als die Eltern, weil auch die anderen Kinder ihnen offener begegnen als andere Erwachsene, gehört zur Botschaft dieses warmherzigen Films. Und die reicht über die Flüchtlingsschicksale von Anna und Max hinaus in die Gegenwart.