Clemens Meyer hat im neuen Film von Andreas Dresen eine schöne und vielsagende Gastrolle. Der Schriftsteller spielt in der Kinoadaption seines eigenen Romans „Als wir träumten“ einen Polizisten, der ein paar unartige Jugendliche aus der kurzen U-Haft entlässt. Clemens Meyer schließt also gewissermaßen seinem jüngeren Selbst die Zellentür auf – sein Roman ist autobiografisch.

„Als wir träumten“ erzählt von Dani, Rico, Pitbull, Mark und Paul, die noch in der DDR zur Schule gingen, wo sie das rote Pionierhalstuch trugen, und die nun plötzlich in der BRD erwachsen werden sollen. Im Leipzig der frühen 1990er-Jahre feiern und trinken sie exzessiv, knacken Autos, klauen im Lebensmittelladen, machen in einem ehemaligen aufgelassenen Kulturbau einen illegalen Technoclub auf und geraten immer wieder in Revierkämpfe mit den erstarkenden Neonazis. Zwischen den Fronten steht Sternchen, für Dani das schönste Mädchen der Welt. Später wird sie in einem Strip-Club ihr Geld verdienen; natürlich macht sie da was „eigenes, mehr künstlerisch“. Da ist die Zeit der Illusionen indes schon fast vorüber. Die Zeit, in der alle noch träumten.

Tauben flattern aus einem Bau

Es ist eine rohe, aber auch zärtliche Geschichte, die sich Andreas Dresen als Regisseur und Wolfgang Kohlhaase als Drehbuchautor vorgenommen haben: „Als wir träumten“ verbindet Coming-of-Age-Drama und Milieustudie mit einem Porträt der Umbruchszeit im Osten Deutschlands. Für Andreas Dresen ist dieser Film zugleich eine Art Neuerfindung. Hart und äußerst körperlich, aber gleichzeitig sensibel folgt er den Wegen der fünf Jungen, die den Phrasen des Endzeit-Sozialismus bereits misstrauen und denen dann mit den Versprechungen der Nachwendezeit alles offen zu stehen scheint.

Anfangs flattern Tauben aus einem verfallenden Bau, wenn Dani im Dunkel nach Mark sucht, der längst Junkie ist und daran sterben wird – mit Drogen versorgt von Pitbull, der in der schönen neuen Welt als Dealer reüssiert. Von hier aus schlägt der Film einen Bogen zurück. Man erlebt, wie die Schüler der Polytechnischen Oberschule bei der Zivilverteidigungsübung in den späten 1980er-Jahren von einem Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR darüber belehrt werden, was das Wichtigste im Leben ist: „Sich ins Kollektiv einfügen und mitdenken.“ Skeptischer könnten Kinder nicht sein.

Vier Jahre später saufen und raufen die einstigen Kader des Sozialismus; sie haben Probleme mit neu zugezogenen „Westschlampen“ und mit quasi proletarischen Eltern, die nun als Verlierer dastehen. Es ist die Zeit des flächendeckenden Verlustes von Leitbildern, aber auch eine Zwischenzeit neuer Inbesitznahme, sei es von Industrieruinen oder von Werten. Die selbst erlebte DDR wird dabei im Film als ironisches Zitat mitgenommen.

Diese Zeit der randkriminellen Selbstermächtigung ist für Dani, Rico, Pitbull, Mark und Paul auch eine wunderbare Ära flirrender Selbstüberhebung und Allmachtsgefühle, die Andreas Dresen dringlich und ganz nah an seinen jungen Darstellern inszeniert – allesamt fabelhaft, darunter der energetische Julius Nitschkoff als Rico, als Dani dann Merlin Rose („Doktorspiele“) und als Mark der gebürtige Schweizer Joel Basman („Wir sind jung. Wir sind stark“). Alle fühlen sie sich unbesiegbar in einer Gesellschaft, deren Veränderung Dresen nirgends plakativ durch Requisiten repräsentiert – etwa durch Werbeparolen oder Banken-Banner –, sondern allein dadurch, dass sie fast wie eine Nachkriegslandschaft als Tabula rasa erscheint. Was sie natürlich nicht ist. Es gibt Spuren der Steine und der steinernen Ideologie, ausgeblichene Hinterlassenschaften der Vergangenheit.

Freie Kapitelüberschriften im Film wie „Konkurrenz“ oder „Gewitter im Kopf“ nehmen dem Unbehauenen der exzessiven Nachwende-Jugend nicht die Offenheit, sondern akzentuieren diese. Immer wieder schaltet sich Dani als Off-Erzähler ein, der bereits über das Wissen der Zukunft verfügt. Wenn es am Ende heißt „Wo soll es denn hingehen?“, weiß niemand die Antwort. Da ist nur die Sehnsucht, „endlich legal zu sein“; also Kraft zu sparen, ökonomisch zu handeln. Dani wird der Weg in die Bürgerlichkeit gelingen.

„Als wir träumten“ ist eine große Überraschung. Früher hätte man Andreas Dresen mitunter schütteln mögen für seine so umfassende Menschenliebe, seinen grundehrlichen Humanismus. Auch in seinem neuen Film geht er einfühlsam um mit den Protagonisten, aber er muss ihre exzessive Bedenkenlosigkeit nicht teilen, kann ihre Wege auch aus einer gewissen Distanz heraus begleiten. Das bedeutet nicht, dass es keine Traurigkeit geben würde über den Verlust an Zukunftsgläubigkeit, der ja einhergeht mit dem Erwachsenwerden. Es gibt diese Traurigkeit, nur ist sie nicht mehr fein und lieb, sondern wild.

Als wir träumten: 10. 2.: 12 Uhr, Friedrichstadt-Palast, sowie 21.30 Uhr, Kino Union; 12. 2.: 19 Uhr, Haus der Berliner Festspiele