Sie ist die Frau, die es am Dirigentenpult, der letzten Männerbastion im Musikbetrieb, am weitesten gebracht hat: die Amerikanerin Marin Alsop. Chefposten in Colorado und Bournemouth legten das Fundament für ihre Ernennung zum Music Director des Baltimore Symphony Orchestra, parallel dazu bekleidet sie seit diesem Jahr auch dieselbe Position beim Staatlichen Sinfonieorchester von Sao Paulo. Mit diesem jung und international besetzten, ambitionierten Klangkörper war Marin Alsop jetzt auf Europatournee auch in der Philharmonie zu Gast.

Erlebt man Alsop im Konzertsaal, was ja neben Probenarbeit und Management der entscheidende Platz eines Dirigenten ist, der Ort, in dem Musikmachen und Musikvermitteln zusammenfließen, wird man Zeuge einer zwiespältigen Anstrengung, die Freude an der Musik ausdrücken soll, während sie den Zugang zu ihr gleichzeitig in Überaktivität versperrt. Ihr Handwerk versteht Marin Alsop zweifellos, allein, wie sie es versteht, wirkt befremdlich, zumal auf dem Chefposten, der doch eine besondere Nähe zu den Musikern garantieren sollte. Sie zieht ununterbrochen alle Aufmerksamkeit auf sich, selten lässt sie die Musik fließen im Vertrauen auf die selbstständige Interaktion zwischen den Musikern. Fast alles wird mit kleinstteiligen Bewegungen ausgeschlagen, in gnadenloser Taktstockfuchtelei, als ob sie sich für ihre Pultposition mit lückenloser Aktivität rechtfertigen müsste. Aber vor wem? Dem amerikanischen, brasilianischen oder deutschen Publikum? Den Geldgebern? Den Musikern? Die Zuwendung zu einzelnen Instrumentengruppen wirkt so vorgeführt, wie die klischeehaft eingesetzten Espressivo-Gesten der linken Hand und das Vornüberbeugen ins Orchester hinein. Alsops Lehrmeister Leonard Bernstein war mit seiner lustvollen Schufterei auf dem Pult ein authentischer Vertreter des Ganzkörper-Dirigierens. Bei Alsop dagegen wirkt dieser Ganzkörper-Einsatz inklusive Hüftschwüngen und Hopsern auf die schweren Taktschläge eher wie eine Bürde, die der Musik auferlegt wird.

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