Rheinsberg am Grienericksee hat auch einen Hafen.
Foto: Reise Verlag Klaus Scheddel

RheinsbergAm Rand der kleinen Bühne auf dem Rheinsberger Kirchplatz beeindruckte unlängst vor allem die rote Standarte. „Arbeitergesangsverein Rheinsberg“ war darauf zu lesen: Ein stolzes Hoheitszeichen des 1920 gegründeten Chors. Eigentlich hätte in diesem Jahr das 100-jährige Jubiläum des stolz durch die DDR-Geschichte gekommenen Vereins stattfinden sollen, aber eine angemessene Feier, so gaben es der Bürgermeister und die Stadtverordnete des nordbrandenburgischen Städtchens bedauernd zum Ausdruck, musste leider abgesagt werden. Corona!

Nun also marschierten die rund 30 Männer in schwarz-roter Uniform auf zum Open-Air-Konzert in kühler Pandemie-Herbstluft. Einen Vereinsgründer hätten sie nicht in ihren Reihen, so gaben die Sänger augenzwinkernd zu verstehen, aber manch einer sei schon bald ein dreiviertel Jahrhundert dabei. Zum Repertoire des Chors gehören auch ein paar Seemannslieder mit Akkordeonbegleitung, irgendwann habe man schließlich bemerkt, dass Rheinsberg über einen Hafen verfüge. Von dort sticht täglich eine stattliche Ausflugsflotte in die Rheinsberger Seenlandschaft – ein sprödes Idyll, das gerade jetzt großen Zustrom erfährt. Der einheimische Tourismus boomt. Während die brandenburgische Saison sonst Mitte Oktober endet, verzeichnen die Pensionen inzwischen eine erhöhte Nachfrage sogar für den November.

Der Arbeitergesangsverein war übrigens nur die Vorgruppe einer Freiluftveranstaltung, zu der eine kleine Mannschaft der brandenburgischen Landespolizei angerückt war, um nach dem Rechten zu sehen. Also alles unter Kontrolle. Der eigentliche Anlass des Abends war ein Folkfestival, dessen Höhepunkt die Lokalmatadoren mit dem Namen Quietschfidel bildeten, eine Band bestehend aus Rheinsberger Bürgern, die sich dem Irish Folk verschrieben haben. Wie der Arbeitergesangsverein spielten sie als Zugabe „Alt wie ein Baum“ von den Puhdys. Man weiß schließlich, wo man zu Hause ist.