Ja, der Liebermann, der mal spottete, Kunst komme von Können und nicht von Wollen, sonst würde es ja „Wunst“, der konnte es halt: so eine kühne, parallele Komposition. Mimik und Gestik der Kinder auf seinem Bild sind präzise erfasst, Gesichter wie Haare fein ausgeführt. Die hellen, seidig schimmernden Kleidchen und Schürzchen der vor einer groben Bretterwand auf Bänken sitzenden Kleinen haben etwas Glänzendes, beinahe Festliches.

Dieses Motiv „Kleinkinderschule in Amsterdam“ von 1880, von dem der Berliner Impressionist schon fünf Jahre zuvor etliche Versionen einer „Bewaarschool“ malte, und wo er das Zueinander der Farbflächen und gegensätzlichen Bewegungen der Kinderfiguren vor neutralem Hintergrund ausprobierte, darf jetzt für immer in der Alten Nationalgalerie bleiben: als weiterer Blickpunkt des Frühwerkes im Liebermannsaal. Dicht neben anderen Hauptwerken des preußischen Akademiemeisters, den die Nazis dann verfemten und dem sie die Lebensgrundlage entzogen, hängt das nur 68 Mal 98 Zentimeter große Motiv neben den berühmten „Gänserupferinnen“ von 1872 und der „Schusterwerkstatt“ von 1881.

Offenbarter Eigensinn

Die Lotto-Stiftung Berlin macht’s möglich. Sie kaufte das Werk soeben von den Erben des Vorbesitzers (Summe ungenannt) und reichte es generös weiter, als Dauerleihgabe an die Staatlichen Museen. Über 100 Jahre hatte das Bild einer der bedeutendsten Industriellen-Dynastien Europas, der Familie Krupp gehört, erworben von einem amerikanischen Privatsammler, der es wahrscheinlich 1893, nach der Weltausstellung in Chicago, erstanden hatte. Dann gelangte es 1902 in den Kunstsalon Cassirer in Berlin, wo Friedrich Alfred Krupp es sofort kaufte. Soweit die – gesicherte – Herkunft eines Gemäldes, das die bedeutende Berliner Kollektion seltener Frühwerke Liebermanns bereichert– und nicht zuletzt seinen Weg vom Naturalisten zum berühmtesten deutschen Impressionisten erzählt und belegt.

Die „Kleinkinderschule in Amsterdam“ ist ein besonderes Bild; das erkannte weiland schon Hugo von Tschudi, Direktor der Nationalgalerie von 1896-1908. Er bestand darauf, es in der legendären „Ausstellung Deutscher Kunst“ in der Königlichen Nationalgalerie 1906 zu zeigen, denn die Malweise offenbart den Eigensinn Liebermanns bei der Rezeption des französischen Realismus und der Malerei des holländischen Goldenen Zeitalters. Alte Meister wie Frans Hals standen Liebermann im frühen Schaffen Pate.

Im Gemälde „Kleinkinderschule in Amsterdam“ spricht zwar die für diesen Maler sprichwörtliche Detailversessenheit. Ungewöhnlich für den eher das Spröde bevorzugenden Maler jedoch wirkt die überbordende, sinnliche Freude am Stofflichen. Was für ein Schatz!

Alte Nationalgalerie, Liebermannsaal, Museumsinsel, Bodestr. 1–3,Di–So 10–18/Do bis 20 Uhr.