Altern in Würde? Warum so viele Frauen ab 40 unsichtbar werden 

Unsere Autorin bekam stets viel Aufmerksamkeit von Männern. Seit sie 40 ist, hat sich das geändert. Das nagte an ihr, doch dann dachte sie um.

„Die Zahl 40 scheint wie ein abgelaufenes Verfallsdatum über meinem Dating-Profil zu schweben.“
„Die Zahl 40 scheint wie ein abgelaufenes Verfallsdatum über meinem Dating-Profil zu schweben.“Elena Knecht für Berliner Zeitung

Als junge Frau habe ich mir eingeredet, dass es mir egal sei, ob ich auf das andere Geschlecht anziehend wirke oder nicht. Dass ich gerne – ob in der Schule oder im Club – Miniröcke und bauchfreie Tops trug, stand für mich keinesfalls im Widerspruch dazu. Schließlich glaubte ich ja zu wissen, ob mir Männer nur Aufmerksamkeit aufgrund meiner sexuellen Reize entgegenbrachten oder ob es tatsächlich um mich als Person ging. Ich fühlte mich wohl in meinem Körper und es machte mir ganz einfach Spaß, ihn Zwecks erster pubertärer Balzversuche auch zum Einsatz zu bringen. 

Grundsätzlich fühlte ich mich beim Flirten empowert, machte daran allerdings – so dachte ich jedenfalls – nicht meinen eigenen Wert fest. Ältere Frauen, die den Verlust ihrer Schönheit und ihrer Anziehungskraft auf Männer beklagten, empfand ich als antifeministisch. Ich bemitleidete sie dafür, dass sie sich so abhängig machten vom männlichen Blick und patriarchalisch geprägten Schönheitsidealen. Ich schwor mir, nie so zu werden und „in Würde zu altern“.

Der Verlust meiner jugendlichen Reize schmerzt

Nun habe ich vor kurzem meinen 44. Geburtstag gefeiert und möchte mich an dieser Stelle bei allen Frauen entschuldigen, die ich in meiner jugendlichen Ignoranz abschätzig beäugte. Ich gebe es offen zu: Der Verlust meiner jugendlichen Reize schmerzt. Wenn ich heute in eine Bar gehe, fühle ich mich unsichtbar, die Matches auf den einschlägigen Dating-Apps sind rarer geworden, obwohl ich mich auf einigen sogar um ein paar Jahre jünger geschummelt habe. Doch die Zahl 40 scheint wie ein abgelaufenes Verfallsdatum über meinem Profil zu schweben.

Heute fühle ich mich von Instagram drangsaliert, einem glattgefilterten Image zu entsprechen. Seit meinem 35. Lebensjahr versuche ich dem Lauf der Zeit mit Botox entgegenzuwirken, und noch während ich diese Zeilen schreibe, warte ich darauf, dass meine frisch gespritzte Dosis ihre Wirkung entfaltet. Und auch das gebe ich offen zu: Ich mache das nicht, um mir selbst zu gefallen, sondern um meine sexuelle Wirkung auf Männer zu konservieren. Antifeministisch? Das mag sein. Aber meine Umwelt spricht jungen, dünnen und „fruchtbaren“ Frauen de facto trotz aller feministischer Bemühungen einen höheren Stellenwert zu – sowohl beim harmlosen Flirten in der Bar, aber auch im Konferenzraum.

Die Sängerin und Aktivistin Brandy Butler beschreibt das Phänomen in dem Buch von Priska Amstutz und Leonie Hof „Das neue 40 - Alles kann, nichts muss: Der ehrliche Guide für ein spannendes Lebensalter“ folgendermaßen: „Das patriarchale System sagt, dass wir nur wertvoll sind, wenn wir jung und schön aussehen. Wenn wir Kinder bekommen können. Davon machen viele Frauen ihren Wert abhängig. Das Alter fühlt sich dann an wie ein Verlust.“

Noch 132 Jahre bis zur Gleichberechtigung

Ich kann dem nur zustimmen, und die einzige Schlussfolgerung, die man daraus ziehen kann, ist: Wir müssen uns als Frauen vom männlichen Blick emanzipieren, Machtverhältnisse verschieben, die es uns ermöglichen, unsere Relevanz jenseits von Jugend und Gebärfähigkeit zu definieren. Nun liegt der Sieg über das Patriarchat aber noch in weiter Ferne, nach Prognosen des Weltwirtschaftsforums werden, wenn wir uns im gleichen Tempo weiterentwickeln, bis zur Gleichberechtigung noch 132 Jahre ins Land gehen. Trotzdem wird mir jetzt schon abverlangt, kollektiv erlernte Muster einfach so hinter mir zu lassen und mich vom allgemein herrschenden Schönheitsdiktat unabhängig zu machen.

„Eine Frau sollte sich im Alter schminken, um präsentabel zu wirken, aber nicht zu stark. Sie sollte die grauen Haare wachsen lassen, wie es der aktuelle Zeitgeist erlaubt, aber nur, wenn es ein gepflegtes Grau ist. Auf den Körper achten, aber keine ärmellose Kleidung mehr tragen ... Vor allem soll sie den Übergang ins Alter erhaben hinter sich bringen“, beschreibt die Autorin Marlene Sørensen in ihrem gerade erschienenen Buch „Und jetzt? Fragen an das Leben mit 40. Antworten für immer“ die geradezu schizophrenen Bewertungen, denen Frauen jenseits der 40 heute ausgesetzt sind.

Frauen über 40 sind in der Medienlandschaft rar

So werden Frauen, die auch im Alter noch an ihrer Jugend festhalten, in Medien und Literatur gerne mal der Lächerlichkeit preisgegeben. Man fordert uns stattdessen auf, „in Würde zu altern“. Heute weiß ich, dass das im Prinzip wieder nur ein Machtwerkzeug ist und nichts anderes heißt, als dass wir ab einem gewissen Alter doch bitte dezent in den Hintergrund treten und nicht mehr auffallen sollen.

Die Medien- und Filmlandschaft spiegelt das besonders anschaulich wieder. Frauen jenseits der 40 finden hier nämlich jenseits der Nebenrollen wenig Repräsentanz. Eine romantische Heldin im fortgeschrittenen Alter? Nahezu undenkbar. Das hat einen tiefgreifenden Einfluss auf das Selbstverständnis reiferer Frauen. Natürlich befindet sich die Branche auch hier im Wandel. So schlug etwa die 63-jährige Schauspielerin Emma Thompson kürzlich Wellen mit dem Film „Good Luck to You, Leo Grande“. Die Britin schlüpfte hier in die Rolle einer verwitweten Religionslehrerin im Ruhestand, die noch nie in ihrem Leben zum Orgasmus kam und mit Hilfe eines gutaussehenden Sexarbeiters endlich den ersehnten Höhepunkt erleben möchte. Jane Fonda durfte im Alter von knapp 80 Jahren in der Netflix-Produktion „Unsere Seelen bei Nacht“ zeigen, dass es für Liebe und Sex niemals zu spät ist. Trotzdem ist das Image der sexuell aktiven, reiferen Frau dem Großteil unserer Gesellschaft immer noch fremd.

Der beste Beweis dafür ist wohl der Spin-off der TV-Serie „Sex and the City“. In „And Just Like That“ treffen drei der Protagonistinnen in ihren 50ern wieder aufeinander. Zu aufgespritzt, zu faltig, zu aufgetakelt, zu altbacken, zu homogen, zu divers, zu wenig Sex, zu viel Sex – lautete die Kritik an der Serie, und es scheint, als könnten es die Damen einfach niemandem recht machen. So verriet Sarah Jessica Parker in einem Interview mit der amerikanischen Vogue, dass sie sich noch vor dem Serien-Start misogyne Kommentare gefallen lassen musste, die vor allem auf das fortgeschrittene Alter der Protagonistinnen gerichtet waren. „Viele Menschen empfanden eine Freude daran zu suggerieren, dass wir beschämt darüber sein müssten, wer wir sind. Ganz gleich, ob wir uns nun dazu entschlossen hatten, natürlich zu altern und nicht perfekt auszusehen oder nachgeholfen hatten, um uns besser zu fühlen.“ Umso größer ist Parkers Antrieb mit der Serie, ein Bild von reiferen Frauen zu zeichnen, die stark, trendbewusst und aufsässig auftreten.

Warum trage ich keine sexy Outfits mehr?

Was das für Konsequenzen für mein eigenes Auftreten hat? Ich saß kürzlich bei einem Dinner einer großen deutschen Modemarke neben einer bekannten Radiomoderatorin, die mehr als zehn Jahre älter ist als ich. Ich erzählte ihr von meinem Frust über die mangelnde männliche Aufmerksamkeit. Sie musterte meinen Look aus weitem Power-Anzug, Herrenhemd und streng zurückgenommenem Pferdeschwanz und riet mir, doch lieber auf figurbetonte Kleider zu setzen und die Haare offen zu tragen. Ich empörte mich und entgegnete, dass ich mich nicht mehr auf so schnöde Körperlichkeit reduzieren lassen wolle.

Tatsächlich ist das nicht der Grund, warum ich heute keine knappe Kleidung mehr trage. Ich habe schlichtweg das Gefühl, dass es meinem Alter nicht mehr angemessen ist.

Jetzt erkannte ich, dass ich mich mit dieser Einstellung ganz brav ins Abseits katapultiert hatte, so wie es von Frauen in meinem Alter erwartet wird. Also föhnte ich meine roten Haare, übrigens durchsetzt mit ersten grauen Strähnen, dramatisch auf, schmiss meinen durchs Altern und Schwangerschaft veränderten Körper in ein hautenges, kurzes Röhrenkleid und zog in den Abend, um es mit dem kompletten Patriarchat aufzunehmen. Ich fühlte mich verdammt sexy!

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