Die Sängerin Aluna Franics posiert mit einem Pferd.
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Es ist zehn Uhr morgens in Los Angeles. Aluna Francis ist gerade erst aufgestanden. Sie isst einen Kürbis-Schoko-Muffin zum Frühstück und spritzt sich Wasser ins Gesicht. Nun ist sie bereit für ein Videointerview, denkt sie und platziert sich in ihrem Wohnzimmer. Sich zeigen will sie dann allerdings nicht. Sie sei nicht entsprechend zurechtgemacht, sagt sie. „Wir brauchen keine Kamera, Honey.“

Nicht nur die Worte, die Francis benutzt, sind liebevoll, besonders die Stimme der 32-jährigen Sopransängerin wird oft so beschrieben. Bekannt wurde sie mit dem Musiker George Reid unter dem Künstlernamen Aluna George. Ihr 2013 erschienenes Debütalbum „Body Music“ verzückte die Kritiker, und ihr Sound – eine Mischung aus Dance-Pop, R’n’B, UK-Garage und wie für die Tanzfläche gemacht– landete in den internationalen Charts. Sie arbeiteten mit den DJs Skrillex, Diplo und mit der Band Disclosure zusammen. Mit dem 2016 veröffentlichten Folgealbum „I Remember“ drangen sie dann aber nicht so recht durch. Jetzt will Francis ohne ihren Partner weitermachen, als Aluna ihre Hörer herausfordern. Ihr Debüt heißt ganz passend „Renaissance“. Etwas unter einem Epochenbegriff sollte es wohl nicht sein.

Aluna versucht, auch modisch zu ihren Wurzeln zurückzukehren.
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„Ich hatte den innerlichen Drang, ein wegweisendes Album für schwarze Musikerinnen in der Dance-Szene zu machen“, sagt sie. „Und ich hatte das Gefühl, dass ich das alleine tun müsse, dass ich zu meinen Wurzeln zurückfinden muss.“

Francis erzählt, dass sie mit überwiegend weißen Menschen aufgewachsen sei, mit einem weißen Künstler (Reid) arbeitete und auch in der Musikindustrie stets mit weißen privilegierten Männer zu tun hatte. Dabei wurde sie oft wie eine Person behandelt, die die Musik gesanglich schmücken dürfe, aber bloß nicht leiten. Dabei habe tanzbare Musik ihre Wurzeln in schwarzer Musik. „Es gibt so viele Stile, die sie beeinflusst hat, aber schwarze Musiker und besonders Musikerinnen sind völlig unterrepräsentiert“, so Francis.

Schwarze Musiker werden nur mit „Black Music“ assoziiert

Tatsächlich mögen einem auf den ersten Blick, wenn es um aktuelle elektronische Tanzmusik  geht, überwiegend weiße Akteure einfallen: Calvin Harris, David Guetta, Tiësto. Doch gibt es mit Kelly Rowland, Rihanna und Lil John auch schwarze Künstler, die sich seit geraumer Zeit auf der Tanzfläche Gehör verschaffen. Francis sagt, das Problem sei jedoch, dass Schwarze immer noch am meisten mit „Black Music“ in Verbindung gebracht werden – HipHop, R’n’B, Soul, Reggae. Dadurch hätten sie es schwerer, sich in einem anderen Musikgenre zu behaupten. „Vor allem, wenn sie weiblich sind.“

Aus diesem Grund postete sie im Juni auf ihrem Instagram-Kanal einen Brief. Sie forderte ihre weißen Kollegen auf, ihr respektvoll zu begegnen und sie genauso zu unterstützen, wie sie es bei ihresgleichen tun würden. Es ist eine klare Aufforderung – und eine nötige, wenn man sich Francis’ neues Stück „Get Paid“ anhört. Auf dem eingängigen Dancehall-Song sinniert sie mit den Künstlerinnen Princess Nokia und Jada Kingdom über zu geringe Entlohnung und Beachtung in der Musikbranche. „Ich arbeite, arbeite so hart“, heißt es im Refrain, „wenn ich aus der Tür gehe, will ich bezahlt werden!“

„Get Paid“ ist auf ihrem Album „Renaissance“ enthalten. Neben dem Lied sind noch 13 weitere Stücke versammelt, bei denen meist eine persönliche Geschichte mitschwingt – dabei haben ihre Werke allesamt eine sommerliche, frische Leichtigkeit. Es ist also nicht nur ein Album für eine notwendige Dance- und Rassismus-Debatte, sondern auch für den zu Ende gehenden Corona-Sommer, der dringend einen Schuss Sorglosigkeit benötigt. Francis bietet dafür mal eine futuristischen R’n’B-Nummer wie „Off Guard“, die an den Sound der verstorbenen Sängerin Aaliyah erinnert, mal eine Synth-House-Hymne á la Robyn wie „Envious“, mal eine mit Reggae verzierte Soul-Ballade wie „The Recipe“.

„Als ich ein kleines Kind war, war ich oft alleine und ich hatte viel Freiraum“, erzählt Francis. Darum habe sie sich eine Beschäftigung gesucht, bei der sie sich auch alleine austoben könne. Als sie dann die CDs ihrer Mutter entdeckte, bewegte sie sich wie ferngesteuert zur Musik. Das habe ihr Kraft und Selbstbewusstsein gegeben. „Ich tanzte, tanzte, tanzte.“

Ihre erste Single-Auskopplung heißt „Body Pump“. Francis erzählt darin fasziniert von ihren Körperbewegungen, wenn ein Beat einsetzt. Man kann sich gut vorstellen, wie sie schwingt und singt – wie sie ihre eigene Wiedergeburt und die der schwarzen Frauen in ihrer Musik feiert.

Aluna - „Renaissance“ (Mad Decent/ Caroline Int./ Universal)