Das ist eine Geschichte, die man zunächst unterschätzen kann. Das mag damit zusammenhängen, dass dem älteren Mann, aus dessen Perspektive Anna Katharina Hahn in erster Linie erzählt, die jähe Durchschlagskraft der Mütter aus dem perfekten Vorgängerroman „Kürzere Tage“ fehlt. Er hat Interessen (Mörike), aber er ist nicht interessant. Seine Umgebung ist ebenfalls nicht interessant. Man könnte sagen, dass Hahn, mit „Am Schwarzen Berg“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, all dieses Uninteressante fast zu konsequent als uninteressant markiert. Über die Strecke begreift der Leser aber, dass vor allem die Figuren in dieser Geschichte die Geschichte unterschätzen. Sie lassen sich ablenken, hängen trügerischen Hoffnungen und Vergangenem nach. Es fehlt ihnen die Übersicht. Ein sehr menschlicher Zug.

Dabei gibt es Warnzeichen genug, nicht nur in den Albträumen, die im Roman geträumt werden. Die beiden Stuttgarter Ehepaare, die sich in bedingungsloser Liebe um den schwer depressiven Sohn des einen Paares bemühen – soeben verließen ihn Frau und Kinder –, sind ja selbst Verlorene, so wacker sie an ihrem bürgerlichen Milieu festhalten.

Eine nicht alltägliche Konstellation: Emil und Veronika Bub sind ausgerechnet mit diesem Nachnamen die ungewollt kinderlosen Nachbarn. Den kleinen, empfindlichen Sohn des Arztehepaars Carla und Hajo Rau haben sie schrecklich lieb gewonnen. „Peter war unwiderstehlich gewesen“, heißt es aus Veronikas Sicht. „Er hatte sich in ihrem Innersten eingenistet, ohne den verzweifelten Widerstand zu beachten, mit dem sie zu Anfang gegen diese Besetzung gekämpft hatte. Emil hatte sofort nachgegeben, willig, schwach ...“ Still, aber stolz ist der Mörike-Leser, als Peter ein gutes Referat über den Dichter gelingt. Bei Bubs strömt die Limo, die die Raus ihrem Sohn verbieten.

Dass die Heimlichtuerei, die unausgesprochene Konkurrenz um Peter – eine Affäre zwischen Emil und Carla bleibt demgegenüber bedeutungslos – nicht nur possierlich, sondern auch heikel ist, lässt sich erahnen. Emil und Veronika haben ein Alkoholproblem. Hajo arbeitet immer und hat immer recht. Carla ist der Typ, der „plattdeutsch witzelnde Messingschilder“ an Türen hängt und Dinge ratlos auf sich zukommen lässt.

So bleibt offen, wer wem Halt geben muss. „Er brauchte“, heißt es über Emil, „das Gefühl, mit ein paar Tauen an diesem weit draußen herumschlingernden Schiff verankert zu sein.“ Peter, das schlingernde Schiff, hat sich als Kind anstecken lassen von Emils Mörike-Begeisterung. Eine solche Reverenz an die schwäbische Literaturlandschaft gab es lange, vielleicht seit Peter Härtling nicht mehr. Die gemeinsame Adresse der Bubs und Raus, „Am Schwarzen Berg“, ist zugleich die Eingangszeile eines Mörike-Gedichts. Emil und Peter unternehmen „Mörike-Expeditionen“.

Der Ältere begeistert sich auch für einen nicht aufzustöbernden frühen Mörike-Biografen namens Carl Fridolin Weinsteiger. Emil zufolge hat sich Weinsteiger unerkannt an Mörikes Sohlen geheftet. Seinem Wahnsinn versucht die Familie mit „häuslicher Pflege“ Herr zu werden. Peters Eltern haben ähnliches im Blick. Wie sich Literatur und Romanleben ohnehin zart verbinden. Mörike und sein aus Emils Sicht würdiger Nachfolger Hermann Lenz (1913-1998) mit seinem Roman-Alter-Ego Eugen Rapp: Das ist eine kleine Stuttgarter „Leistungsverweigerer“-Genealogie, in der sich Peter wiedererkannt hat.

Aus Peters Perspektive erfahren wir nichts, aber einige Kapitel widmen sich Mia, seiner Frau: Eine erzählerische Volte, die dem müden Bürgersohn die ganz andere Generationsgenossin an die Seite gibt: aus ärmlichen Verhältnissen stammend, um Aufstieg bemüht. Den sozialen Querschnitt, den Hahn unaufdringlich ausbreitet, knüpft sie an Stuttgarts Stadtteile. Die Heimat der 1970 geborenen Autorin wird dabei selbst für Nicht-Stuttgarter plausibel zur Welt. Das geht, merkt man, nicht mit jeder Stadt.

Und obwohl Stuttgart 21 und die Proteste des Spätsommers 2010 lediglich Grundierungen sind, und obwohl (oder gerade weil) die beiden Paare anderes – Peter! – im Kopf haben, gibt der Roman auch einen treffsicheren Einblick ins Stuttgarter Klima. Veronika arbeitet in der Bücherei im Wilhelmspalais, die demnächst (im Herbst 2011 war es dann so weit) in ein im Zuge des S21-Projektes gebautes Gebäude umziehen soll. Ihr widerstrebt das, ohne dass sie sich wehrt. „Der Umzug ... blieb für sie unwirklich wie eine Reise ins Weltall.“ Peter hat sich von den Protesten im Schlosspark begeistern lassen. „Ich muss mich nicht damit abfinden, nur im kleinsten Kreis gegen den Strom zu schwimmen“, sagt er vor seinem Zusammenbruch zu Emil. Kühl erinnert Hahn daran, dass es nicht die Dümmsten und Lautesten sind, die Nein sagen. Der Leser muss ihn nicht mögen, aber dumm und laut ist Peter nicht.

„Am Schwarzen Berg“ ist ein Seismograf für soziale Veränderungen. Dessen Ausschläge sind die Flaschensammler, die in Stuttgarts bessere Wohngegenden vordringen, ein scheues Heer, das die Anwohner unangenehm berührt. Als Obdachsuchende aus der Bücherei ausgesperrt werden sollen, ruft Veronika ihren Kollegen zu: „Robert Walser oder Hölderlin hätten Sie wohl auch Hausverbot erteilt!“ Das wirkt bei den Berufslesern, die sich solche Vergleiche allerdings lieber vom Hals halten würden. Das gilt auch für die meisten Leser. Die Autorin lässt es ihnen nicht durchgehen.